1. Meinung
  2. Kommentare

Kommentar zum britischen Gesundheitssystem: Kaputtgespart

Kommentar zum britischen Gesundheitssystem : Kaputtgespart

In Großbritannien herrschen Nervosität und Angst. Noch immer wird im Vereinigten Königreich kaum getestet. Jahrelang wurde der nationale Gesundheitsdienst NHS kaputtgespart. Das rächt sich jetzt schmerzhaft, kommentiert unsere Autorin.

Bis Dienstagmittag starben im Vereinigten Königreich 1808 mit dem Coronavirus infizierte Menschen – und jeden Tag steigt die Zahl dramatisch an. Es herrschen Nervosität und Angst, auch weil noch immer im Vergleich zu Ländern wie Deutschland kaum getestet wird. Und der nationale Gesundheitsdienst NHS ächzt bereits jetzt.

Daran tragen die konservativen Regierungen Schuld, derzeit mit Premierminister Boris Johnson an der Spitze. Mehr als zehn Jahre lang wurde im Zuge des von den Tories durchgesetzten Austeritätskurses im Gesundheitssystem an jeder erdenklichen Stelle gekürzt und gespart, bis es nichts mehr zu kürzen oder zu sparen gab.

Nun mangelt es an Personal und Schutzausrüstung, an Betten und Beatmungsgeräten. Wie der Rest der Bevölkerung applaudierte auch Johnson vergangene Woche den Ärzten, Schwestern und Pflegern. Das zeugt von Heuchelei. Warum werden die Mitarbeiter in den Krankenhäusern plötzlich von der Politik als Helden gefeiert? Es wirkt wie ein zynischer Versuch, das eigene Versagen zu kaschieren und darüber hinwegzutäuschen, dass der NHS ein kaputtgespartes System ist.

Die Leidtragenden sind jene, die derzeit an vorderster Front trotz täglicher Versprechen noch immer zu oft zurechtgeschnittene Müllbeutel als Schutzkittel benutzen müssen, die die Brillen aus dem Chemieunterricht ihrer Kinder in der Notaufnahme tragen und kranke Patienten mit Mundschutzmasken behandeln, die nicht den Standards der WHO entsprechen. Mediziner fühlen sich wie „Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank“, offenbarten kürzlich Tausende in einem Brief. Es ist ein Skandal. Denn die Regierung ris­kiert mit ihrem verantwortungslosen Vorgehen nicht nur die Gesundheit der NHS-Mitarbeiter, sondern der ganzen Bevölkerung.