Kommentar: Hölle auf Erden

Kommentar : Hölle auf Erden

Wohl auf keinem Feld ist die persönliche und politische Vorbildfunktion wichtiger als in der Medizin. Allein dieser Umstand verleiht dem am Montag begonnenen Prozess zur juristischen Bewältigung des Organspende-Skandals seinen spektakulären Charakter. Es geht natürlich zuallererst um den ganz konkreten physischen Schaden: Er wurde jenen Organspende-Anwärtern zugefügt, die nicht die finanziellen Mittel hatten, sich auf der Liste möglicher Empfänger durch Bestechung nach vorne zu schieben.

Es klingt gewiss hart: Aber für die große Mehrheit der weniger Betuchten sind die Göttinger Vorkommnisse nichts anderes als eine besonders infame Verurteilung zum Tod durch organisatorische Manipulation und medizinisches Nichtstun. Wohl gemerkt: Es ist eine ganz kleine kriminelle Minderheit von Medizinern, die sich zu Herren über Leben und Tod aufschwingt. Sie selektieren, was gerade in Deutschland einen - historisch bedingten - üblen Beigeschmack hat.

Die Zahl der Organspenden ist vor diesem Hintergrund dramatisch gesunken. Da hilft auch intensivierte Öffentlichkeitsarbeit für eine höhere Spendenbereitschaft nichts. Der eigentlich äußerst positive und spektakuläre Werbeeffekt, den die Nierenspende des SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier für seine Ehefrau besaß, musste verpuffen. Krankenhäuser und Krankenkassen suchen inzwischen verzweifelt und händeringend nach Organspendern. In den Hospitälern sterben unterdessen Menschen, die vergebens auf Hilfe warten. Sie sind die indirekten, aber umso massiver betroffenen Opfer des Organ-Skandals. Weil etwa 12 000 Menschen Wochen und Monate warten müssen, bis sich eine Chance auftut. Sie leiden unter den 20 Prozent weniger Organspenden. Als "Hölle auf Erden" hat einmal ein Betroffener die zehrende Wartezeit treffend charakterisiert.

Ein Jahr nach Göttingen steht die Politik relativ ratlos dar: Ein Organ-Transplantationsbeauftragter im Parlament ist genauso wie die Errichtung eines öffentlich-rechtlichen Institutes zur Koordination der Organspenden eine gut gemeinte Idee, die aber die Wurzel des Übels nicht angehen kann: Auch Geld und Prestige diktieren die Medizin-Welt. Aber zu einem moralisch vertretbaren Verfahren wird der Staat nur durch Kontrolle und eine baldige Gesetzesreform kommen. Und dabei ist eins besonders wichtig: Die Organisation der Organspenden muss dringend transparenter werden.

Sicher ist aber eins: Das Göttinger Landgericht betritt mit dem gestern begonnenen Prozess juristisches Neuland. Selbst wenn die Beweislage zum Berufsverbot für den angeklagten Mediziner führen sollte: Das Verfahren wird wahrscheinlich durch sämtliche Instanzen geführt werden. Das kann Jahre dauern.