Friedensnobelpreis für Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed

Kommentar zu Abiy Ahmed : Zur richtigen Zeit

Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed hat den Friedensnobelpreis erhalten. Für unseren GA-Redakteur Philipp Hedemann kommt der Preis zur richtigen Zeit.

Die wichtigste Auszeichnung der Welt an einen 43-jährigen Regierungschef, der seit gerade eineinhalb Jahren im Amt ist? An einen Mann, der lange treuer Parteisoldat des zuvor regierenden repressiven Regimes war? An einen Mann, der selbst als Soldat gegen das Land kämpfte, mit dem er jetzt Frieden schloss? An einen Regierungschef, dessen Land seit seinem Amtsantritt von schweren ethnisch motivierten Ausschreitungen mit vielen Toten erschüttert wird? All diese Fragen sind berechtigt. Noch berechtigter ist: Abiy Ahmed hat den Friedensnobelpreis verdient. Für das, was er in eineinhalb Jahren bereits erreicht hat. Vor seinem Amtsantritt hätten fast alle Äthiopier einen Frieden mit Eritrea und die zahlreichen demokratische Reformen im eigenen Land für undenkbar gehalten. Die Auszeichnung kommt zum richtigen Zeitpunkt.

Es ist nicht das erste Mal, dass der begehrteste Preis der Welt nicht nur in Anerkennung für bereits Geleistetes, sondern auch als Ansporn, Begonnenes fortzusetzen, verliehen worden ist. So will das Friedensnobelpreis-Komitee auch die Ehre für Abiy Ahmed verstanden wissen. Die Bemühungen des jüngsten afrikanischen Regierungschefs verdienen Anerkennung und benötigen Ermutigung. Und zwar jetzt, heißt es aus Oslo. Das stimmt.

Äthiopien steht an einem Scheideweg. Auch wenn die Auszeichnung vor allem von der Jugend euphorisch gefeiert wurde - die Abiymania der ersten Regierungsmonate ist weitgehend verflogen. Oft blutig ausgetragene ethnische Konflikte haben in vielen Regionen des großen Landes zu Separationsbewegungen geführt, die sogar in einem Bürgerkrieg enden könnten. Seit dem historischen Friedensschluss mit Eritrea hat es in den Verhandlungen zwischen den ehemaligen Erzfeinden nur wenig greifbare Fortschritte gegeben. Und auch wenn Äthiopien in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Fortschritte bei der Bekämpfung der Armut erzielte, machen sich viele Bürger immer noch große Sorgen, wie sie abends ihre Kinder sattkriegen sollen.

Der zweitbevölkerungsreichste Staat Afrikas und sein Regierungschef stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Allein wird Äthiopien diese nicht meistern können. Das Land ist weiterhin auf internationale Hilfe angewiesen. Der Friedensnobelpreis wird den Regierungschef, der in seiner kurzen Amtszeit bereits Putschversuche und den Anschlag mit einer Handgranate überlebte, ermutigen, seinen mutigen Reformkurs fortzusetzen. Deutschland und die Welt sollten ihn dabei unterstützen.

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