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Kommentar zur Landtagswahl: Experimentierfeld Thüringen

Kommentar zur Landtagswahl : Experimentierfeld Thüringen

Am Sonntag wählt Thüringen einen neuen Landtag. Letzte Umfragen versprechen eine spannende Regierungsbildung. Zwei Parteien sind dabei besonders gefordert. Mag sein, dass Thüringen zu einem Experimentierfeld wird, kommentiert GA-Chefredakteur Helge Matthiesen.

Die Umfragen wenige Tage vor der Landtagswahl in Thüringen verraten viel mehr über die politische Situation im Land als nur die absehbaren Mehrheiten. Die Linke liegt vorn, obwohl sie sonst im Osten überall verloren hat. Vorn liegt auch die AfD, die sich wie die Linke als DDR-Partei inszeniert, als Interessenvertretung der geschundenen ostdeutschen Seele. Gemeinsam haben die beiden schon fast eine Mehrheit.

Beide Aspekte verweise auf eine Gesellschaft, die auf der Suche ist. Die Stärke der Linken ist die Popularität von Bodo Ramelow. Die Stärke der AfD ist ihr Auftritt als Gegner der bundesdeutschen Demokratie und ihrer Parteien. Eine besonders starke Parteibindung lässt sich hinter beiden nicht vermuten. Die Menschen suchen nach Orientierung und finden sie bei populären  Politikern und bei jenen, die den Frust formulieren. Der Höhenflug der Grünen war nie ein Thüringer Phänomen. Bei der CDU kommt es auf die Zugkraft von  Mike Mohring an. Hier ist noch alles offen. Auch die Frage, ob die FDP es in den Landtag schafft. Und über die SPD spricht eigentlich niemand mehr.

Nach jetzigem Stand wird es keine klaren Mehrheiten geben. Spannend wird, wenn CDU und Linke miteinander reden müssen, weil es für eine andere Konstellation nicht reicht. Mag sein, dass Thüringen nach einer der ersten geglückten Dreierkoalitionen zu einem Experimentierfeld wird.

Mit Thüringen endet der Reigen der Landtagswahlen im Osten. Vorher malte man den Untergang der Demokratie an die Wand. Heute sind wir auf dem Weg zu zwei neuen Landesregierungen. Einige der Bündnisse galten bisher als undenkbar. Die Demokraten im Osten erweisen sich in der Abwehr rechter Populisten als flexibel. Die Parteien setzen sich in Bewegung. So wie ihre Wähler auch.