Kommentar zur Wahl in Großbritannien: Eindeutig

Kommentar zur Wahl in Großbritannien : Eindeutig

Die große Mehrheit der Briten schenkt Brexit-Boris das Vertrauen. Damit kann Premier Johnson das Land Ende Januar aus der EU führen. Die üblichen Vorwürfe Richtung Großbritannien können wir uns sparen, kommentiert Birgit Marschall

Die Briten haben sich entschieden. Gegen eine Zukunft Großbritanniens in der Europäischen Union, für den Brexit. Es nützt nichts, die Briten dafür zu verdammen. Wir sollten es akzeptieren. Die üblichen Vorwürfe Richtung Großbritannien können wir uns sparen.

Das Votum ist eindeutig und es ist ja auch nicht das erste dieser Art. Die Mehrheit der Menschen auf der Insel hat ihre Gründe dafür. Sie sieht eine bessere Zukunft für Großbritannien außerhalb der EU – da hilft kein Lamentieren, kein Vorwurf, kein Übelnehmen. Die Entscheidung ist gefallen – und nun sollte sie auch schnell die unausweichlichen Konsequenzen haben. Die EU hat nun keinen Grund mehr, Großbritannien erneut entgegen zu kommen. Der Austrittsvertrag steht, er ist ausverhandelt, mehrfach hatte die EU den Briten Aufschub und Verbesserungen  gewährt – jetzt reicht es.

Sicher hat Boris Johnson die Müdigkeit, den Fatalismus und auch die Empörung vieler Bürger über diesen endlosen, hilflosen Prozess in Großbritannien geschickt für sich ausgenutzt. Viele Briten wollten dem Schrecken jetzt einfach ein Ende setzen, indem sie Johnson wählten, statt weiter einen Schrecken ohne Ende zu erleben. Die Brexit-Befürworter sind und waren über Jahre eine ganz starke Gruppe, doch bei Weiten nicht alle Johnson-Wähler sind auch überzeugte Brexiteers. Sie gehen nicht mit stolzer Brust euphorisch aus der EU heraus. Sie sahen nur einfach keinen besseren Ausweg mehr als diesen.

Die Schuld daran trägt auch Jeremy Corbyn, der schwache Labour-Chef, der es nicht vermocht hat, den Wählern eine echte Alternative zum klaren Brexit-Kurs Johnsons anzubieten. Corbyn konnte den Wählern keine bessere Lösung anbieten – und so fuhr Labour eine beschämende Niederlage ein.

Die Konsequenzen haben nun alle Europäer zu tragen. Denn der Brexit schwächt auch die EU politisch und ökonomisch. Gerade die exportorientierte deutsche Wirtschaft wird ihn stark spüren. Der zarte Aufschwung, den die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihren Prognosen für 2020 aktuell sehen, könnte durch den Brexit gefährdet sein. Zumal die Unklarheit über die Bedingungen des Austritts über einen längeren Zeitraum fortbestehen wird. Es ist unrealistisch, dass sich Großbritannien und die EU nach dem Brexit Ende Januar in nur elf Monaten auf ein Freihandelsabkommen einigen. Laut Vertrag soll es Ende 2020 abgeschlossen sein. Doch solche Verhandlungen dauern in der Regel Jahre. Ohne ein Abkommen wird es einen harten Brexit mit umfangreichen Zöllen geben müssen. Dieses Risiko wird Johnson nicht eingehen wollen und entgegen seiner Ankündigung eine Fristverlängerung beantragen.