Kommentar: Digitale Werte

Kommentar : Digitale Werte

Ein Schnäppchen war der Online-Nachrichtendienst WhatsApp für umgerechnet 14 Milliarden Euro sicherlich nicht. Facebook zahlt für das Unternehmen mit 55 Mitarbeitern deutlich mehr als den Börsenwert der Lufthansa (8,5 Milliarden Euro, 118 000 Mitarbeiter). Selbst ein Industrieriese wie ThyssenKrupp rangiert mit einem Börsenwert von rund 11,5 Milliarden Euro deutlich unter dem Verkaufspreis für den Online-Dienst.

Wahrscheinlich hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg am Ende trotzdem ein lukratives Geschäft abgeschlossen. Auf jeden Fall ist der Milliarden-Deal ein Symbol dafür, wie die digitale Revolution unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft umgekrempelt hat. Umsätze, Maschinen, Fabrikhallen und Mitarbeiter sind die Währung von gestern. Die neuen, digitalen Werte sind die Aussicht auf künftige Gewinne, aber vor allem: der Zugang zu Menschen im Internet und zu ihren Daten.

WhatsApps Kapital sind seine 450 Millionen Nutzer, die sich offenbar wenig um die undurchsichtigen Datenschutzbedingungen des Dienstes scheren. Das Unternehmen hat unter anderem direkten Zugriff auf die Telefonbücher seiner Kunden. Wie und wann Zuckerberg die riesigen Datenmengen zu Geld macht, wird vorerst sein Geheimnis bleiben.

Doch es geht nicht nur um die Finanzen. Mit der Übernahme von WhatsApp entsteht ein weiteres Monopol im Internet. Die Suchmaschine Google bestimmt in den meisten Ländern weltweit, welche Informationen wir im Netz finden. Facebook hat sich in Kombination mit WhatsApp nahezu die Alleinherrschaft über die private Vernetzung im Internet gesichert. Milliarden Nutzer müssen darauf vertrauen, dass die Platzhirsche ihre Vormachtstellung nicht zu Manipulationen nutzen.

Besonders erschreckend ist dabei, dass die meisten Regierungen den Einfluss der Internetunternehmen verkennen. Wieso hat Deutschland als Industrieland zwar ein Agrarministerium, aber kein Internetministerium? Wer legt die Regeln für die Unternehmen fest, die über das Netz eine so wichtige Rolle in unserer Gesellschaft und Wirtschaft spielen?

Die digitale Revolution ist nicht rückgängig zu machen. Das wäre angesichts der enormen Vorteile und Erleichterungen auch nicht wünschenswert. Jetzt geht es darum, mit ihren Folgen richtig umzugehen. Welche psychischen Auswirkungen haben Smartphone-Sucht und ständige digitale Erreichbarkeit in Job und Privatleben? Wie beeinflussen die im Internet gesammelten Daten unser Kaufverhalten? Wie abhängig sind Unternehmen in ihrem Geschäftsalltag von einzelnen Internetfirmen? Nicht erst seit dem NSA-Überwachungsskandal rücken diese Themen langsam in den Vordergrund. Es ist richtig, sie nicht allein an wirtschaftlichen Interessen auszurichten. Sorry, Mark Zuckerberg.

Mehr von GA BONN