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Syrien: Die USA und Syrien - Tragisch

Syrien : Die USA und Syrien - Tragisch

Fangen wir mit dem Nichtgesagten an. Es ist manchmal aussagekräftiger. US-Präsident Obama schickt keine Raketen nach Syrien, um das fortgesetzte Töten im missbrauchten Namen Allahs und die seit zwei Jahren währende Vertreibung von Hunderttausenden Zivilisten zu beenden.

Er lässt keine Bomben fallen, um Schlächter, die eine Religion gekapert haben, davon abzuhalten, im Herzen des Nahen Ostens Taliban-ähnliche Terrornester zu errichten.

Er entfacht nicht die gewaltigste Feuerkraft auf Erden, um Syrien zu einem besseren Ort zu machen, Assad an den Verhandlungstisch zu bomben oder den üblich verdächtigen Nein-Sagern Russland, China und Iran zu zeigen, dass er mehr kann als unverdient Friedensnobelpreisträger zu sein.

Amerikas Präsident maßregelt unter Umgehung des notorisch unkooperativen UN-Sicherheitsrates das unerziehbare Schmuddelkind Assad, weil es ultimativ über die Stränge geschlagen hat.

Normverletzung Chemiewaffen, also, ein Verstoß gegen die Prinzipien der Menschlichkeit. Was die eigentlich verbotene Frage aufwirft: Sind 1000 oder 1300 an teuflischen Gasen erstickte Menschen wertvoller als über 100 000, denen im täglichen Straßenkampf in Kopf, Herz oder Rücken geschossen wurde?

Denkzettel-Raketen im Stundenpensum auf wenige militärische Ziele zu lenken, bedeutet, so zu tun als ob. Ist Ersatzbefriedigung. Gleichwohl tödlich, weil die Mär vom chirurgischen Eingriff, der Zivilisten verschont, bekanntlich schon bei den zahlreichen Drohnen-Angriffen gegen Islamisten nicht mehr ist als - eben eine Mär.

Assad kämpft mit allen abscheulichen Mitteln um das Überleben seiner Entourage. Ein paar Dutzend fliegende Kriegsbeile (Tomahawk-Marschflugkörper) wird er verschmerzen. Stoppen würde ihn und jeden anderen potenziell kaltblütigen Massenmörder allein ein Kriegseinsatz im Großformat.

Dabei müssten die Giftgas-Vorräte gesichert und unter internationalem Schutz unschädlich gemacht werden. Heißt Bodentruppen in fünfstelliger Zahl. Heißt langjährige Besatzung. Heißt viele Opfer auf allen Seiten. Heißt Billionen von Dollar. Möglichst breit international mitfinanziert und moralisch getragen.

Exakt das, was die amerikanischen Wahlbürger (und auch die Menschen in den meisten Ländern der Europäischen Union) nie absegnen würden. Sie haben Irak und Afghanistan aus verständlichen Gründen bis heute nicht einmal ansatzweise verdaut.

Was bleibt, ist die trübste aller Aussichten, die man Obama vor einigen Monaten noch nicht zugetraut hätte: Amerika wird in Kürze die kinetische Moralkeule schwingen, um ihrem Commander-in-Chief nach zweijährigem Zaudern und Zögern einen Gesichtsverlust zu ersparen. Tragisch.