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Kommentar zum Anschlag in Hanau: Extremisten stoppen

Kommentar zum Anschlag in Hanau : Extremisten stoppen

Polizei und andere Sicherheitsbehörden sind mit der Überwachung der Randbereiche einer Gesellschaft rasch überfordert. Das Mittel gegen diese Entwicklung muss also aus der Gesellschaft selbst kommen. Sie muss zurück zur Mäßigung. Ein Kommentar von GA-Chefredakteur Helge Matthiesen.

Nach allen Trauerbekundungen, Mahnungen, Warnungen, Beschuldigungen und Verantwortungszuschreibungen am Donnerstag ist die Frage nach dem Warum doch nicht beantwortet. Wie kann es sein, dass ein nicht mehr ganz junger Mann, offenbar politisch und polizeilich nicht weiter auffällig, sich in Verschwörungstheorien des rechten Meinungsspektrums versteigt, offenbar über Jahre hinweg, um am Ende zur Waffe zu greifen und Menschen zu ermorden?

Verstörend ist dabei vor allem, dass er wie bereits der Täter vom Münchener Olympiapark nicht in das gängige Schema des politischen Terroristen passt. Er radikalisiert sich allein und im Netz, er legt sich seine eigene Weltsicht aus teils völlig absurden Informationen zurecht. Kein Gegenargument durchdringt diese Welt. Am Ende kommt es zu einem Anschlag, bei dem auch private Frustrationen eine Rolle zu spielen scheinen.

Die Debatte um Ursachen und Folgen dieser sinnlosen Gewalttat folgte den ausgetretenen Pfaden. Alle zeigen auf die AfD und es ist ein Faktum, dass sie Rassismus gutheißt. Das jüngst kritisierte Malbuch der NRW-AfD spricht da eine eindeutige Sprache. Doch diese Debatten gehen an der Sache ein gutes Stück vorbei. Mag sein, dass der Rassismus der AfD und die Tat in Hanau beide unterschiedliche Folge einer ganz anderen Entwicklung sind.

Viel schlimmer ist nämlich ein Befund, der sich hinter all der Ratlosigkeit verbirgt. Unsere Gesellschaft ist gerade dabei, eine wichtige Geschäftsgrundlage zu verlieren. Die bestand einmal in einem weitgehenden Konsens, was für wahr und glaubhaft zu halten ist. Wissenschaft, die seriösen Medien, der Staat und die demokratische Gesellschaft sind den Regeln von Recht, Faktizität und Wahrhaftigkeit verpflichtet. Sie bildeten einmal die Grundlage für alle Streitthemen und damit auch für die Lösungen. Wenn nicht mehr klar ist, worüber wir reden, dann löst sich ein Grundstein unserer Demokratie auf.

Das Internet in seiner aktuellen Form passt an sich perfekt zu dieser offenen Gesellschaft. Doch es eröffnet eben auch Nischen, um all diese Grundlagen in Frage zu stellen. Dort wird der Konsens aktiv untergraben, weil unwidersprochen Falschinformationen verbreitet werden, absichtsvoll oder aus eigener Inkompetenz. Es bietet den Feinden der Faktizität eine perfekte Plattform. Es gibt offenbar genügend Menschen, die sich in diesen Welten verlieren und verlieren wollen, die dann nur noch einen Ausweg aus ihrer selbst verschuldeten Verirrung in der Gewalt erkennen. Faktum ist auch, dass sie ihren Frust am Ende immer bei Minderheiten abladen: Juden, Muslime, Dunkelhaarige, Dunkelhäutige.

Polizei und andere Sicherheitsbehörden sind mit der Überwachung der Randbereiche einer Gesellschaft rasch überfordert. Das Mittel  gegen diese Entwicklung muss also aus der Gesellschaft selbst kommen. Sie muss zurück zur Mäßigung. Sie muss zurück zur sachlichen Debatte auch über konfliktreiche Themen. Sie muss die Extremisten stoppen, wo auch immer sie auftauchen. Ein politischer Spinner ist eben nicht immer auch ein harmloser Spinner.

Es ist daher ein wichtiges Zeichen, den Opfern dieser Anschläge Mitgefühl und Solidarität zu zeigen. Nicht nur heute oder morgen, sondern jeden Tag. Auch die Sicherheitsbehörden werden ihre Schlüsse über Leistungen und Fehlleistungen ziehen müssen. Für weitergehende Forderungen an sie wissen wir noch viel zu wenig über diesen Fall. Am Ende haben wir es selbst in der Hand, ob die Scharfmacher und Lügner sich durchsetzen, oder ob wir Ausgleich und Verständigung finden.

Und noch ein Nachsatz. Die Redaktion hat intensiv diskutiert, ob es richtig ist, in der heutigen Zeitung über den Mord an unschuldigen Menschen gleich neben den Bildern vom fröhlichen Karneval zu berichten. Wir haben uns entschieden, unseren Lesern diesen Widerspruch zuzumuten, weil er eine Tatsache ist. Aber wir haben die Gewichte verschoben. Normalerweise wäre der Beueler Rathaus­sturm unser wichtigstes Bild auf der Seite eins gewesen. Wegen des Terroranschlags muss der Karneval diesen Platz räumen. Er findet sich prominent am Fuß der ersten Zeitungsseite.