Suche nach Fachpersonal: Zwischen Spagat und Spaghetti

Suche nach Fachpersonal : Zwischen Spagat und Spaghetti

Eine Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands ergab, dass 78 Prozent der Hotels und Gaststätten händeringend nach Fachkräften suchen. Könnten Flüchtlinge die Lücke schließen?

Bonn wirkt auf preisgekrönte Artisten und Akrobaten inzwischen wie ein Magnet. Seit der Eröffnung im September 2016 bietet ihnen das GOP Varieté-Theater eine große Bühne für Kunst und Klamauk, Musik und Muskeln. Jenseits des Rampenlichts aber plagten GOP-Direk-torin Julia Feirer lange ganz andere Probleme: Sie konnte kein geschultes Personal bekommen, das im Varieté-Saal zum Spagat auch Spaghetti serviert hätte. „Am Anfang mussten wir bis zu 20 Mitarbeiter von Fremdfirmen einsetzen. Das bedeutete nicht nur erhebliche Zusatzkosten, sondern auch gravierende Qualitätsrisiken im Servicebereich“, sagt Feirer.

Erzwungene Ruhetage

GOP ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Nach einer aktuellen Branchenumfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA) in Nordrhein-Westfalen haben 78 Prozent der Unternehmen den Mangel an Service- und Fachkräften schon am eigenen Leib zu spüren bekommen. „Das ist ein ernstes Problem und eine große Herausforderung“, sagt Thorsten Hellwig, Sprecher des DEHOGA-Landesverbands NRW. Da Personal fehle, müssten Restaurants und Gasstätten mitunter schon zusätzliche Ruhetage einlegen, was das Geschäft nicht gerade stärke, so Hellwig.

Tatsächlich zeigen zwei Zahlen die ganze Dramatik der Situation auf: Gab es im nordrhein-westfälischen Hotel- und Gaststättengewerbe 2008 noch 15 943 Auszubildende, so waren es 2015 nur noch 10 971. Auch im vergangenen Jahr ging die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge weiter zurück. Warum aber lassen sich nicht mehr junge Leute zur Restaurantfachkraft ausbilden? Und weshalb leiden weite Teile der Branche unter eklatantem Fachkräftemangel?

DEHOGA-Mann Hellwig verweist auf die demografische Entwicklung, die heute weniger Schulabgänger als früher produziere und die Tatsache, dass inzwischen mehr junge Leute Abitur machen und anschließend studieren. Er räumt aber auch ein, dass Beschäftigte des Hotel- und Gaststättengewerbes „in der Regel keine Reichtümer“ erwerben. „Leider können wir unseren Mitarbeitern nicht die gleichen Löhne bezahlen wie in der Industrie.“ So verdienen erfahrene Kellner oder Restaurantfachkräfte der Tarifgruppe 4a knapp 2000 Euro brutto im Monat, hinzu kommt das Trinkgeld. Spüler oder Abräumer bekommen weniger ausgezahlt, Chefköche und Hoteldirektoren natürlich deutlich mehr. Auch die Arbeitszeiten, mit einem geregelten „Nine-to-five-Dienst“ im Büro nicht zu vergleichen, schrecken viele ab.

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GOP-Direktorin Feirer vermutet darüber hinaus, vielen Menschen bereite es einfach keine Freude, andere zu bedienen. Außerdem müsse ja die Bereitschaft vorhanden sein, am Wochenende zu arbeiten. Dennoch hätte sie es nicht für möglich gehalten, mit welch geringem Erfolg sie sich ein ganzes Jahr lang um geeignete Servicekräfte bemühen musste. Bereits im Januar 2016 hatte Feirer erste Stellenanzeigen in der Zeitung geschaltet – als der Showbetrieb dann im September startete, war sie dennoch massiv auf Serviceleihpersonal von Fremdfirmen angewiesen. Da dieses Personal dauernd wechselte, sei eine erfolgreiche Schulung kaum möglich gewesen: „Wir machten uns große Sorgen um die Qualitätssicherung im Servicebereich und fürchteten, Gäste zu vergraulen.“ Da die erhofften Bewerbungen Mangelware blieben, mussten im November und Dezember erfahrene Servicefachkräfte von anderen GOP-Standorten wie Bremen und Hannover abgezogen werden, um in Bonn auszuhelfen.

Der Not gehorchend bemühte sich das Bonner Varieté-Theater auch in sozialen Netzwerken und mit Fernsehspots um neue Servicemitarbeiter. Das steigerte den Bekanntheitsgrad. Ins Programmheft wurde die Rubrik „Wir suchen Mitarbeiter“ aufgenommen. Die intensivierten Bemühungen führten dann seit Januar 2017 zur ersehnten Wende. Plötzlich gingen verstärkt Bewerbungen ein. Heute beschäftigt GOP in Bonn, inklusive Aushilfen, 45 geschulte Servicekräfte. „Einige zusätzliche Restaurantfachkräfte“, so Feirer, „brauchen wir aber nach wie vor“.

Könnten die Gesuchten angesichts rückläufiger Ausbildungszahlen womöglich im Reservoir der nach Deutschland geflüchteten Ausländer zu finden sein? „Wir sind ein internationales Varieté-Theater und für Flüchtlinge offen“, antwortet GOP-Direktorin Feirer. „Ausreichende Sprachkenntnisse sind allerdings Voraussetzung.“ Und DEHOGA-Sprecher Hellwig sagt: „Wir integrieren lieber, als uns um bürokratische Hemmnisse kümmern zu müssen.“ Für Hoteliers und Restaurantbesitzer sei es aber alles andere als motivierend, „zum Beispiel Asylbewerber aus Afghanistan einzustellen, wenn immer mehr Afghanen in ihr Heimatland abgeschoben werden“.

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