Friesdorf: Zwischen B9 und Kottenforst finden sich Skurrilitäten und Besonderheiten

Friesdorf : Zwischen B9 und Kottenforst finden sich Skurrilitäten und Besonderheiten

Abtauchen in eine andere Welt. Fast nirgendwo in Bonn geht das besser als in Friesdorf. Fährt man die B 9 hinunter, vorbei an der Museumsmeile, den Zentralen der internationalen Konzerne, dann liegt die Betonung klar auf dem Bonner Beititel Bundesstadt.

Biegt man gleich hinter der Friedrich-Ebert-Stiftung an der Aral-Tankstelle rechts ab, liegt die Betonung auf einmal auf dem Wort Dorf. Das Schild der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz Bafin, lässt noch einen Rest von Bedeutung erahnen, doch nach ein paar Metern kommt die Schranke. Und Bonn hat ein völlig anderes Gesicht bekommen. Und wie das aussieht, trägt der Name dieses Ortsteils in der zweiten Silbe mit sich herum: Friesdorf.

Der Pfeil auf der Landkarte ist ziemlich genau auf dem Klufterplatz gelandet, dem Zentrum Friesdorfs. Früher hieß dieser Ort Wasem - weil die Einwohner hier ihre Kleider bleichten. In der ganz dunklen Zeit stand dann Adolf-Hitler-Platz auf dem Straßenschild. Und das heutige Aussehen des Platzes ist eng mit der Nachkriegszeit verbunden.

"Friesdorf hat recht viel Zerstörung hinnehmen müssen. Daher wurde in der Zeit danach sehr viel schnell wiederaufgebaut", erklärt Alfred Giersberg. Der Ur-Friesdorfer kennt sich als langjähriger Ortsausschuss-Vorsitzender und Lokalpatriot aus. "Hier hat vieles 60er-Jahre-Charme", sagt Giersberg. Auch der Klufterplatz. Nur der Springbrunnen plätschert relativ modern daher - er stammt aus den 80ern und wurde 2011 renoviert.

Etwas skurril wirken zunächst hingegen die vielen knalligen Stühle samt kleinen Tischen, die um den Brunnen herum aufgestellt sind. Klassische Außengastronomie, aber wovon? Sicher bedienen hier nicht die Einräumer des anliegenden Edeka-Marktes. Die Erklärung kommt dann über den Zebrastreifen. Das winzige Eiscafé Bressa trägt seine Spezialitäten über die Annaberger Straße auf den Klufterplatz. "Das ist das beste Eis Bonns", schwärmt Alfred Giersberg. "Die Leute kommen sogar aus Siegburg, um hier Eis zu essen."

Wandert man die Annaberger Straße weiter hoch Richtung "Oberdorf" - das ist dort, wo die alteingesessenen Friesdorfer wohnen -, fühlt man sich endgültig eher wie im Vorgebirge als in Bonn. Neben den alten Fachwerk- und Backsteinhäusern, teilweise richtig gut in Schuss, finden sich allerdings auch hier wieder die Folgen der Nachkriegszeit. Ockerfarbene, braune, mintgrüne oder schlichtweg verwitterte Häuser, deren geradlinige, sachliche Architektur vor allem eines wollte: zweckmäßig und günstig sein. Glatte Flächen, keine Spielereien. Eine Eingangstür, vier Fenster symmetrisch angeordnet, den Sockel noch schnell gekachelt - fertig.

Auch in diesem Umfeld wirkt manches skurril bis unpassend: Neben dem erwartungsgemäßen Bestattungsunternehmen findet sich dann beispielsweise ein "Financial Planner". So steht es zumindest auf dem großen, goldenen Schild an der Hauswand neben der Eingangstür. Ein paar Meter weiter hat sich dann die "traditionelle Thai-Massage" in einem Ladenlokal eingerichtet. Zum Glück folgt dann kein Starbucks oder ein Handyladen, sondern die gute alte Kneipe: mit Kaugummiautomat, Open End am Wochenende und dem Schild mit der klaren Ansage: "Hier wird Dart gespielt". Herrlich. "Früher gab es hier viel mehr Kneipen", erinnert sich Alfred Giersberg. "Heute haben wir nur noch drei in Friesdorf."

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Der Ortsteil hat ein erstaunlich junges Durchschnittsalter, weil er vor allem bei Familien mit Kindern sehr beliebt ist. Viele große Arbeitgeber sind an der B 9 angesiedelt, die Verkehrsanbindung ist gut, die Wege in die Naherholungsgebiete Rheinaue oder Kottenforst sind kurz. Dennoch schwärmt Giersberg vom großen Zusammenhalt und der Eigeninitiative vieler Einwohner. Die wird später auch beim Freibad noch eine Rolle spielen.

Doch zunächst erscheint nach der Kirche Sankt Servatius und der gleichnamigen Grundschule das Turmhaus, eines der ältesten erhaltenen Wohnhäuser im Rheinland. Und ein sehr gepflegtes, lebendiges Denkmal. Es wurde im 12. Jahrhundert erbaut, ursprünglich wohl als Rittersitz gedacht. Heute wohnen drei Familien in dem historischen Gebäude mit den bis zu zwei Meter dicken Wänden aus Bruchstein, das ebenfalls im Krieg teilweise zerstört und später wiederaufgebaut wurde.

Etwas unromantischer wird es dann, geht man parallel zur Annaberger Straße wieder zurück in Richtung Klufterplatz. Die Margaretenstraße zeigt, woran es am meisten mangelt: Geld. "Die Friesdorfer haben in den 60er Jahren enorm davon profitiert, dass hier viel investiert wurde. Jetzt wären wir hier wieder an der Reihe, doch es fehlen einfach die Mittel", sagt Giersberg.

Die Margaretenstraße ist geflickschustert und an den Seiten eher ein loses Teer-Ensemble als tatsächlich eine Straße. Einen bemitleidenswerten Eindruck macht auch der alte Bolzplatz gegenüber der Grundschule: Keine Tornetze, der Belag besteht eher aus rotem Geröll und bei ein wenig Regen steht die Hälfte des Platzes unter Wasser. Kein Wunder, dass hier selbst bei gutem Wetter selten gekickt wird. Und Wasser gibt es gleich nebenan genug.

Das Freibad, oder kurz das "Friesi", ist das kleinste Bonns, bietet aber aus den zwei ebenfalls eher platzsparend angelegten Becken einen malerischen Blick auf den Kirchturm und den Kottenforst. "Das ist die grüne Mitte Friesdorfs", sagt Giersberg. "Wir hauen hier seit 20 Jahren unsere Zähne und Klauen rein, damit es uns die Stadt nicht wegnimmt."

Damit das nicht passiert, gibt es die Freibadfreunde. 3000 Mitglieder hat der Verein. Beachtlich, bedenkt man, dass Friesdorf nur rund 8000 Einwohner zählt. Die Freibadfreunde kümmern sich um das Bad, halten es in Schuss und sorgen mit Mitgliedsbeiträgen und Festen mit dafür, dass die Finanzierung steht. Dass auch hier der Charme der 60er Jahre versprüht wird - geschenkt.

Eine letzte Skurrilität findet sich dann auf dem Parkplatz neben dem "Friesi" und der Turnhalle. Hier, wo einmal jährlich die große Kirmes stattfindet, haben früher in einer Baracke namens "NamNam" Bands wie BAP gespielt. Heute ist nur noch das Fundament sichtbar. Und die Abgänge zu den WCs. "Man musste raus und dann von außen über die Treppen zu den Toiletten", erinnert sich Giersberg.

Das Örtchen für Damen und Herren ist längst geschlossen und zugewachsen. Doch es passt zu diesem Platz, der ebenfalls nur halb fertig ist. Eine Hälfte ist geteert, die andere besteht aus Schotter. "Da ist der Stadt wieder das Geld ausgegangen", sagt Giersberg.

Abtauchen in eine andere Welt - das hat dann irgendwann auch in Friesdorf Grenzen.

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