Wissenschaft - Vom Kleckser zum Brillantenträger

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Der Kolbenfüllhalter erobert deutsche Schreibstuben

Als Lady Di Prinz Charles schwarz auf weiß die Treue schwor, hatte sie einen in der Hand, und auch als Ronald Reagan und Michail Gorbatschow den Mittelstrecken-Nuklearwaffenvertrag unterschrieben, glitt zweimal eine Feder übers Papier. Gibt es eigentlich irgendeinen Vertrag, der ohne ihn geschlossen wurde? Auch in Zeiten von Kugelschreiber und Co. verweist der Füllfederhalter seine Konkurrenten immer dann auf die Plätze, wenn die Unterschrift zum Siegel gereichen soll.

Das Klio-Werk, eines der ältesten Füllfederhalter-Hersteller, kreierte 1908 den ersten Füllfederhalter made in Germany. Bis dato war er importiert worden, vorzugsweise aus seinem Heimatland, den USA. Dort hatte 1884 ein junger Versicherungsvertreter allen Grund, die Tintenkleckskonstrukte der Vorzeit endgültig aus den Schreibstuben zu verbannen.

Lewis Edison Waterman hieß der Mann. Geboren 1837 in Decatur, Otsego County, im Staat New York. Er verdiente sich seine Dollars als Versicherungsagent. Irgendwann in den frühen 80ern war es, als der junge Mann für eine hohe Lebensversicherungspolice die Unterlagen zusammenstellte. Mit einem der damals üblichen Füllfederhalter, sprich: edlen Federn mit weniger edlem Tintenspeicher, der sich mitunter in einem Schwall entleerte. Genau das passierte, als Waterman die Police unterschreiben wollte. Der gesamte Vertrag wurde unter einem Tintenschwall begraben. Da wird man wütend. Und mitunter kreativ.

Wie bringt man Tinte dazu, gleichmäßig zu fließen? "Kapillaritätsprinzip", fiel Waterman dazu ein. Ein Taschenmesser, eine Säge und eine Feile waren das Handwerkszeug, mit dem er einen Federhalter konstruierte, der nicht nur gleichmäßig Tinte abgab, sondern gleichzeitig Luft einsog, um im Speichersystem die restliche Tinte zurückzuhalten.

Am 12. Februar 1884 meldete Waterman seinen Tintenleiter als Patent an. Im ersten Geschäftsjahr produzierte die Waterman Company 200 Füllfederhalter - an einem Küchentisch im Hinterzimmer eines Zigarettengeschäftes in New York. Der Füllfederhalter hatte seinen Preis. Der erste kommerziell erfolgreiche deutsche Füllfederhalter, 1890 von der Firma Soennecken entwickelt, war für einen durchschnittlichen Wochenlohn zu haben. Das Kolbenfüllsystem brachte das Kliowerk auf den Markt - und dominierte die Industrie damit bis in die späten 20er Jahre.

Weltweit wurden deutsche Füllfederhalter - stets im Wettbewerb mit den USA - exportiert. Schon um 1900 besaß Soennecken etwa eine Niederlassung in Java. Pelikan, Osmia und FaberCastell gesellten sich zu den ersten Herstellern dazu, nach dem Zweiten Weltkrieg eroberten Geha und Kreuzer den Markt. Doch die Giganten von einst mischten weiter mit. Alfred Soennecken schaffte es, in seinem durch den Krieg völlig zerstörten Firmenkomplex in Bonn die Produktion langsam, aber sicher wieder aufzubauen. "Rheingold" hieß einer der ersten neuen Füller aus dem Hause Soennecken: in schwarz, grau, grün und blau, mit Eidechsenmuster verschönt. Und 1949 kam schließlich auch das neue Kolbenfüllsystem zum Tragen, dass Soennecken sich zehn Jahre zuvor hatte patentieren lassen. Zu dieser Zeit ging in den USA die Waterman Company zugrunde. Sie wurde an den Konkurrenten Parker verkauft.

Als in den 50er Jahren der Kugelschreiber erfunden wurde, hätte der Füllfederhalter eigentlich sterben müssen. Doch er blieb auf dem Markt. Vielleicht auch, weil sich eine zarte Feder einfach besser "anziehen" läßt. Brillanten auf einem Kugelschreiber? Undenkbar. Nur ein Füllfederhalter kann den Titel "teuerstes Schreibgerät" führen. 165 000 Mark ist der Füllfederhalter wert, der als wertvollster seiner Art im Guiness-Buch der Rekorde steht: ein goldener Montblanc "Solitär Royal" mit 4 810 Brillanten.

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