Wirtschaft - Al Capone, Krimis und der Whiskey

Wirtschaft - Al Capone, Krimis und der Whiskey

Mit der Prohibition beginnt in den USA das goldene Zeitalter des Schmuggels

US-Präsident Herbert Hoover hat die Prohibition ein "großes soziales und ökonomisches Experiment" genannt. Dreizehn Jahre lang, von 1920-33, waren in den USA "die Herstellung, der Verkauf und der Transport" von alkoholischen - "vergiftenden" - Getränken per Verfassungszusatz verboten. Das Experiment ist gescheitert. Allerdings hat es den Amerikanern und der Welt eine reiche Fülle an Kriminalromanen und -filmen beschert, über Schwarzbrenner, Alkoholschmuggler und Gangster wie Al Capone.

Die Prohibition hatte eine lange Vor- und eine kaum kürzere Nachgeschichte. Die USA waren kaum gegründet, da machten sich ihre klügsten Köpfe Gedanken über den unseligen Einfluß von "hard liquor", von Schnaps, auf Körper und Seelen ihrer Mitbürger. Thomas Jefferson, der Autor der Unabhängigkeitserklärung, versuchte vergeblich, den Amerikanern anstelle der Freude am Whiskey die Kunst maßvollen Weingenusses beizubringen. Abraham Lincoln predigte ein halbes Jahrhundert später gegen den "ägyptischen Engel des Todes", womit er den Alkohol meinte.

Im US-Bundesstaat Maine wurden schon 1851 Herstellung und Verkauf von alkoholhaltigen Getränken verboten. Zwölf weitere Staaten zogen blitzschnell nach. Vor allem Frauen zogen gegen den Suff zu Felde, der, wie ihre Vorkämpferinnen sagten, Familien und Moral zerstöre. Aus einer Bewegung, die zu Mäßigung im Umgang mit Alkohol aufrief - zur "temperance" -, erwuchs eine radikalere Bewegung, die glaubte, nur ein staatliches Verbot - bundesweit - könne helfen: eine Prohibition.

1873 blockierten in Ohio - soweit man weiß, erstmals in der Geschichte der USA - Frauen den Straßenverkehr. Ihre Forderung: Schließt die Saloons! Ab 1895 unterstützte die Anti-Saloon League (ASL) aktiv und systematisch "trockene" Kandidaten für politische Ämter. Nach den Kongreßwahlen von 1916 galten zwei von drei Abgeordneten als "trocken". Sie nutzten ihre Mehrheit und beschlossen den 18. Verfassungszusatz, das Alkoholverbot. Im Handumdrehen ratifizierten die US-Bundesstaaten, wie von der Verfassung verlangt, den Zusatz, 1919/20 erlangte er Gesetzeskraft.

Eine neue Bundes-Polizeibehörde erhielt den Auftrag, Schwarzbrennern und Schmugglern das Handwerk zu legen. Das erwies sich als unmöglich. Der Handel mit illegalen Getränken - sei es "Meßwein", sei es "medizinischer Alkohol" - wurde zum Volkssport. Die Grenze der USA zu Mexiko und Kanada ist tausende von Meilen lang, war damals noch unkontrollierbarer als heute. Außerdem galt es nun erst recht als chic, Whiskey zu schlürfen, gerade auch in Kreisen des Establishments, wo man die Prohibition ohnehin nur als ein Mittel zur Erziehung stumpfsinniger Proleten ansah. Was über die USA hereinbrach, war kein Zeitalter der Moral, sondern der Doppelmoral.

Doch erst mit Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre formierte sich ernstzunehmender Widerstand gegen die Prohibition. Sie wurde jetzt zunehmend als Eingriff in die Freiheitsrechte der Bürger angesehen. Sie unterminierte für jedermann wahrnehmbar den Glauben der Amerikaner an Gesetz und Ordnung, korrumpierte die Polizei. Wieder führten Frauen die Protestbewegung an, diesmal gegen das Alkoholverbot (organisiert in der Women's Organization for National Prohibition Reform) und unter Bannerbegriffen wie Gleichheit, Selbstbestimmung und Emanzipation.

Die Wahlen von 1932 bescherten den USA den neuen, reformorientierten Präsidenten Franklin Roosevelt und diesmal eine Kongreßmehrheit, die nicht mehr "dry" war. Sie verabschiedete flugs den 21. Verfassungszusatz, der den 18. wieder aufhob. Ein in der Geschichte der USA bis heute einzigartiger Vorgang. Seither ist es - wieder - Sache der US-Bundesstaaten, den Umgang mit Alkohol zu regeln. In manchen blieb das totale Verbot noch lange in Kraft. Viele regulieren den Alkoholverkauf bis heute.