Frohe Ostern: Tischkultur fürs Ei im Brohltal

Frohe Ostern : Tischkultur fürs Ei im Brohltal

Eine besondere Sammelgeschichte: Gisela Reichrath und Richard Keuler aus Niederzissen haben eine Sammlung von 2500 Eierbechern.

Seit Urzeiten symbolisiert das Ei Fruchtbarkeit und Leben. Daher ist es wie geschaffen für Osterbräuche. Denn an Ostern feiern die Christen die Auferstehung Christi nach dem Tod am Kreuz. Das Ei besitzt zudem, wunderbar ästhetisch gerundet, eine vollkommene Form – Natur-Design vom Feinsten eben.

Wenn man ihm überhaupt einen Mangel unterstellen kann, dann aus kulinarischer Sicht, dass es eine Stütze braucht, um als gekochter Leckerbissen Standfestigkeit zu zeigen. Dafür bieten viele Tafelservices folgende Kleinigkeit auf: den Eierbecher. Keine Kleinigkeit ist es dagegen, 2500 davon zu besitzen. Dieser Umfang gestattet den Bewahrern, jahrelang täglich ihr Frühstücksei aus wechselnden Bechern zu genießen – theoretisch. „Praktisch sind wir kein Freund von weichgekochten Eiern“, sagt Gisela Reichrath. Warum sind sie und Ehemann Richard Keuler dann wahrlich gesegnet mit jenen Behältnissen, die ermöglichen, zivilisiert an das Gelbe vom Ei zu kommen?

Das erklärt eine besondere Sammelgeschichte. Das Gros der schönen bis skurrilen Eiernäpfe stammt von Paul Dümpelmann, Maler, Grafiker und Hobby-Archäologe aus Hain. Nach seinem Tod erwarb das Ehepaar 2007 die Stücke von der Witwe Gertrud Dümpelmann. „In erster Linie um die Sammlung zu sichern“, so Keuler. Denn der Vorsitzende des Kultur- und Heimatvereins Niederzissen (KHV) plante, die Kollektion in das zukünftige Heimatmuseum einzubringen, das der Verein satzungsgemäß schaffen wollte. Dessen ungeachtet haben die neuen Besitzer Freude an den Formen und Motiven. Wie sich auch nicht delektieren am Anblick reinweißer zehneckiger Blütenkelche, einem Art-deco-Set in orange-blauem Spritzdekor, an Gebinden von Bechern, die abgebrochene Eierschalen imitieren oder einem Kleeblattfüßigen Exemplar von Rosenthal um 1907 auf Tablett mit Salzmulde?

Funde bei Antiochia und Pompeji belegen erste Eierbecher schon für das Römische Reich. In unseren Breiten sorgte eine verfeinerte Tischkultur Anfang des 18. Jahrhunderts für den Gebrauch. Indes wissen die Bechersammler von Niederzissen nicht, welches ihr ältestes Exemplar ist, da Vorgänger Dümpelmann nichts dokumentierte. Seine archäologischen Funde, die er per Schenkungsvertrag dem KHV übereignete, hat er dagegen beschrieben. Vielleicht lief ihm die Zeit weg, um ebenso mit den Eier-Gefäßen zu verfahren. Gisela Reichrath: „Das hatte er alles im Kopf, die ganzen Geschichten hinter jedem Becher“. Schade, dass sie fehlen, denn sich im Nachhinein einzuarbeiten ist mühsamer, als Kenntnis zuzulegen, während die Sammlung wächst. Allein die Porzellanmarken sind eine Wissenschaft für sich. Einstweilen drängt eine Inventarisierung aber nicht. Zwar eröffnete kürzlich das neue Heimatmuseum in Niederzissens alter Schule. Doch anders, als im angepeilten Gebäude gegenüber der ehemaligen Synagoge, reicht der Raum dort nicht aus, um zusätzliche Gebrauchsobjekte aufzunehmen.

Auch im Haus der Sammler ist nicht alles sichtbar. Eingepackt in 15 Bananenkisten harren die meisten Stücke noch der Präsentation. Vor zwei Schränken und einem Regal voller Ei-Halter kann man sich indes kaum losreißen von den historischen Stücken großer Manufakturen oder unbekannter Herkunft mit ihren Mustern, Floraldekoren und Tierdarstellungen, allen voran Hennen, Hähne und Küken. Es muss nicht immer Meißen sein, um gestalterisch zu überzeugen. Doch fasziniert, dass trotz eingeschränkten Platzes auf der Eierbecherwandung sich die jeweiligen Kunststile vom Rokoko und Klassizismus bis hin zum Jugendstil widerspiegeln: Da eine Watteau-Szene, dort ein klassizistisches Mäanderband, hier ein ostasiatisches Motiv, dort ein innen vergoldetes Souvenir mit dem Schriftzug „Gruß aus Bad Oeynhausen“ auf rosa Lüsterfond.

Außer Porzellan fand Steingut, Silber, Metall, Holz, vermutlich Glas und auch Kunststoff Verwendung. Eine gute Figur machen neben lustigen Gesichter-Eierbechern bunte Kunststoffhennen, die in der DDR auf ungezählten Frühstückstischen standen. Die Vielseitigkeit der Becher-Kollektion macht staunen. Das darf zu Recht auch ohne Einsicht in noch verpackte Ware behauptet werden. An ihr lassen sich aber auch Moden und Produktionsgeschichte illustrieren. Reichrath und Keuler haben „immer noch die Hoffnung, sie öffentlich zu zeigen, wir wissen aber nicht wo“. Anfangs kauften sie auf Reisen dazu. Ihren Lieblingseierbecher bekamen die Vielgereisten jedoch in Südafrika geschenkt. Das Schmuckstück der Gebrauchskultur stellt eine Henne vor, gebogen aus Draht, an deren Leib, zum Aufnehmen des schmackhaften Ovums, rote Glasperlen aufgereiht sind.

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