Diskussion beim "Forum Zukunft": Sozialwissenschafter Stefan Sell warnt vor Altersarmut

Diskussion beim "Forum Zukunft" : Sozialwissenschafter Stefan Sell warnt vor Altersarmut

Der Remagener Hochschulprofessor Stefan Sell warnt in Sinzig beim "Forum Zukunft" vor einer dramatischen Altersarmut in den kommenden Jahren. Dabei würden Nachbarnländer wie Österreich und die Niederlanden zeigen, dass es durchaus andere Möglichkeiten gibt.

"Da ist enormer Druck im Kessel." Wenn Stefan Sell, renommierter Sozialwissenschaftler und Hochschulprofessor an der Hochschule Koblenz, über Altersarmut und Renten(un)gerechtigkeit spricht, dann wird man mit unangenehmen Tatsachen konfrontiert.

Im "Forum Zukunft" des Sinziger Rhein-Gymnasiums war es nicht anders, zumal die Leiterin der Ahrweiler Tafel, Marion Eisler, ihren Teil zum längst auch in der Region vorhandenen Elendsszenario beitragen konnte. Für Sell ist klar: "Wenn nicht schnell gehandelt wird, fliegt uns hier alles um die Ohren."

Altersarmut ist kein abstraktes Thema, es steht vielmehr vor der Haustür. Als die Ahrweiler Tafel vor rund zehn Jahren ihre Arbeit in der Kreisstadt und später in Sinzig aufnahm, kamen am ersten Lebensmittel-Ausgabetag 50 Kunden. "Heute sind es 1200", so Eisler vom Diakonischen Werk. Rund 500 Bezugsberechtigte sind Kinder und Senioren. Armes reiches Deutschland.

Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich

Unstrittig ist, dass es vielen Rentnern gut geht. Sie sind die Profiteure des "alten" Rentensystems, das eine Überweisung der Ruhestandszahlungen von 70 oder mehr Prozent des letzten Nettolohnes vorsieht. Dann kamen die rot-grünen Rentenreformen. Inzwischen hat jeder Vierte in Deutschland Angst vor Altersarmut. Und die ist berechtigt.

"Wir werden einen gewaltigen Anstieg an Altersarmut haben", erklärte Sell. Gleichzeitig werde es aber auch eine Zunahme an wohlhabenden Senioren geben. In dieser Scherenentwicklung stecke viel Sprengstoff. Nicht nur dann, wenn der Kampf um bezahlbaren Wohnraum nur noch die als Gewinner hervorbringe, die ohnehin auf der Sonnenseite des Lebens stünden.

In der politischen Diskussion wird der Grundsicherungsbetrag von 800 Euro als Armutsgrenze definiert. Sell und die Sozialwissenschaft gehen indes von einer anderen Definition aus: Wer über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verfügt – und das sind für alleinstehende Personen 1000 Euro –, gilt als arm.

Immer mehr Deutsche gelten als arm

Im Jahre 2003 waren dies in Deutschland 260 000 Menschen, derzeit sind es 560 000. Nicht eingerechnet ist hierbei allerdings die Schar der über 65-Jährigen, die Grundsicherung im Alter beziehen. Rechnet man diejenigen hinzu, die zwar einen Anspruch auf staatliche Hilfe haben, diese jedoch aus Scham, Stolz oder Unkenntnis nicht in Anspruch nehmen, dann schnellen die Zahlen um – so Sell – 40 Prozent in die Höhe.

Der Hochschulprofessor hat ausgerechnet, dass inzwischen rund 2,5 Millionen ältere Menschen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle leben. Dies mit stark steigender Tendenz. Grund: In den nächsten Jahren werden diejenigen in Rente gehen, deren Erwerbsbiografien "zerschossen" sind. Fehlende Rentenpunkte, lückenhafte Beitragszahlungen: Die Väter der deutschen Rentenversicherung seien von einer heilen Welt, nicht aber von Störungen im Erwerbsleben ausgegangen, so Sell.

Derartige Störungen hat es so auch unmittelbar nach der Wende in den neuen Bundesländern gegeben. Unzählige Arbeitnehmer wurden mit Aufgabe der DDR in die Arbeitslosigkeit katapultiert, in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen verfrachtet und später vielfach in Mindestlohnverhältnissen beschäftigt. Sie strömen nun in die Rente.

Sell sprach von einem "Pulverfass" und rechnete vor: "Wer 45 Jahre lang bei einem Mindestlohn von 9,35 Euro gearbeitet hat, wird eine Rente von 691 Euro beziehen." Derzeit gibt es in Deutschland übrigens 3,7 Millionen Menschen, die zwar vollbeschäftigt sind, jedoch weniger als 2000 Euro brutto verdienen. Im Osten jeder Dritte. Was das für den Rentenanspruch bedeutet, ist schnell ausgerechnet.

Volksversicherung und Basisrente in Nachbarländern

"Wenn wir nichts ändern, laufen wir vor die Wand", formulierte Sell. Obwohl das Problem seit Jahrzehnten bekannt ist, hat sich bislang aber nichts geändert. "Wie lange wollen wir uns das alles noch gefallen lassen?", fragte Sell an seine Zuhörer gewandt.

Dabei müsse man nur einen Blick über den Tellerrand wagen, um Licht am Rentenhorizont zu sehen. Sell führte die Rentensysteme in der Schweiz, in Österreich oder in den Niederlanden an: Dort sei man auf nicht-normierte Erwerbsbiografien eingestellt, es gebe Volksversicherungen und Basisrenten. In der Schweiz werde gar "von oben nach unten umverteilt".

Heißt: Reiche zahlen einen festen Prozentsatz ihres zu versteuernden Einkommens in das Rentensystem ein. Dass in Österreich ein in Rente gegangener Facharbeiter gut und gerne 40 Prozent mehr Altersruhegeld erhält als sein deutscher Kollege, liegt auch dort daran, dass alle Erwerbestätigen in die Rentenkasse einzahlen müssen. Also auch Selbstständige. Die Pensionen der Beamten sind an das Rentenniveau angepasst, womit man dort ein Gerechtigkeitsproblem aus der Welt geschafft hat.

In Holland erhält jeder eine Grundrente und oftmals eine Betriebsrente, die zusammen 70 Prozent des letzten Nettolohnes ausmachen. "Je länger wir mit Änderungen im System warten, desto schwieriger wird die Situation", sagte Sell. Dass sie längst hochdramatisch ist, daran ließ der Hochschulprofessor keinen Zweifel. Schade nur, dass so wenige junge Leute dem "Forum Zukunft" des Rhein-Gymnasiums beiwohnten. Die Altersarmut geht auch sie etwas an. Sie werden von ihr nämlich massiv bedroht sein.