Pfarrer bewahrt Ittenbach vor dem Schlimmsten

Pfarrer bewahrt Ittenbach vor dem Schlimmsten

Ittenbach, Aegidienberg und Königswinter: Am Abend des 16 - März 1945 kontrollieren die amerikanischen Truppen weite Teile des Siebengebirges

Königswinter. Weiter rücken die Amerikaner am 16. März durch das Siebengebirge vor. Vorsichtig tasten sie sich über die Höhen an die Königswinterer Altstadt heran. Vorbei an Löwenburger Hof und Frühmesseiche sowie über die Margarethenhöhe dringen die ersten US-Truppen in Ittenbach ein. Bei Brüngsberg und Hövel erreichen und überqueren die Alliierten am späten Vormittag erstmals die Autobahn.

Von Rolandseck nach Honnef haben sie eine Pontonbrücke errichtet, die zum Schutz vor deutscher Artillerie ständig künstlich vernebelt wird. Mit dem Drachenfels und dem Großen Oelberg verlieren die Deutschen die letzte Einblickmöglichkeit auf den Rhein. Und auch Vettelschoß, Himberg und Rottbitze gehen an die Amerikaner, während um Aegidienberg erbittert gekämpft wird.

Im Ittenbacher Ortsteil Lahr fahren die Amerikaner am Morgen Sherman-Panzer und schwere Geschütze auf, mit denen sie den ganzen Morgen ins Dorf hineinschießen. Einige US-Soldaten haben im Bauernhof Perlenhardt Quartier bezogen, wohin sie sich während der Kampfpausen zurückziehen. Inzwischen hat der Ortskern schwere Schäden genommen: Vor allem um die Kirche herum sind viele Häuser zerstört.

Die Schule und das spätere Pilgerheim Sankt Lukas brennen aus. Das Gasthaus "Zur alten Post" brennt ab, ebenso das Fachwerkhaus von Schneider Leven. Ein Brand im Dachstuhl der Kirche kann sich glücklicherweise nicht ausbreiten. Bereits einige Tage hat ein Luftangriff mehrere Häuser, darunter das Gasthaus "Zum goldenen Hahn" unterhalb der Pfarrbücherei, vollständig zerstört.

Um das Schlimmste für den Ort zu verhindern, nimmt Ittenbachs Pfarrer Heinrich Hambüchen Kontakt zu den Befehlshabern auf beiden Seiten auf. Hambüchen erreicht offenkundig, dass sich die Deutschen aus Ittenbach zunächst an die Autobahn zurückziehen. Über den Kantering sei der Pastor später mit einem weißen Tuch in der Hand den "Amis" entgegen gegangen, so berichten Zeitzeugen später.

Gleichzeitig erleidet Aegidienberg schwere Kämpfe, die am Morgen mit schwerem amerikanischem Artilleriefeuer, begleitet von Jagdbomberangriffen, beginnen. Offenbar versuchen sie, den Ort regelrecht sturmreif zu schießen. Das Pastorat wird getroffen, der Aegidiusplatz in Rauch und Flammen gehüllt. Die Gaststätten Giershausen und Kremerius brennen vollkommen, die Gaststätte Dahm zum Teil aus.

Schwer getroffen wird auch das Kloster Sankt Josef, wo neben schwersten Gebäudeschäden auch elf Tote zu beklagen sind. Um 8 Uhr rücken die Alliierten aus Richtung Norden und über die Straße nach Ittenbach gegen Aegidienberg vor. Ihre Übermacht gegen das verteidigende Fallschirmjägerregiment und den nach Zeitzeugenberichten ebenfalls beteiligten Einheiten der Waffen-SS beträgt das Zehnfache. Dennoch entsteht ein erbitterter Infanterie- und Panzerkampf in der Ortsmitte um Kirche und Friedhof.

Der Eudenbacher Wilbert Fuhr zeichnet in seinem Buch "Der Einsatzflughafen Eudenbach" die Geschehnisse des 16. März 1945 in Aegidienberg detailliert nach. Demnach bitten die Amerikaner gegen Mittag um eine Stunde Waffenruhe zur Bergung der zahlreichen Verwundeten und Toten. Insgesamt verzeichnet die 9. US-Panzerdivision im Kampf um Aegidienberg über 2 000 Tote und Verwundete, verfügt aber selbst nicht über ausreichend Verbandsmaterial zur Erstversorgung ihrer Verletzten.

Am Nachmittag endlich gelingt es amerikanischen Panzern, aus Richtung Hövel durch "die Ehl" ohne großen Widerstand bis zum Marktplatz vorzudringen. Laut Wilbert Fuhr nutzen die Aegidienberger Albert Weber und Matthias Witt die Gelegenheit, die amerikanischen Kommandanten von der Kapitulationsbereitschaft der Aegidienberger Bürger und deutschen Soldaten zu überzeugen und damit das für 16 Uhr angesetzte Luftbombardement zu verhindern. Schließlich wird das brennende Aegidienberg trotz starken deutschen Widerstands gegen 17.15 Uhr endgültig eingenommen.

Später erleidet der Ort zu allem Übel Beschuss der zurückweichenden Deutschen. Drei Stunden später kontrollieren die Alliierten auch Brüngsberg. Das schwer angeschlagene deutsche Fallschirmjägerregiment 5 und die Reste der Panzerbrigade 106 kämpfen sich in der Dunkelheit durch eine verbliebene Lücke nach Osten und erreichen Quirrenbach und Rostingen.

Zeitzeugen berichten: 15/16. März 1945

Außer der Artillerie hörten wir auch Maschinengewehrfeuer aus Richtung der Drachenburg. Nun war uns klar, dass die Amerikaner nicht mehr weit von uns waren. In der Nacht hatte man den Eindruck, dass das Artilleriefeuer über Königswinter hinweg mehr ins Siebengebirge schlug.

Der nächste Tag begrüßte uns mit einer angenehmen Frühlingssonne. Auch die amerikanische Artillerie machte uns nicht mehr so zu schaffen. Da wagte ich so gegen Mittag einen Blick aus der Haustür in Richtung Süden zum "Kleinen Graben" hin. Ich sah ein Paar deutsche Soldaten in abgekämpften Zustand zum "Kleinen Graben" hasten. Es war ungewöhnlich ruhig nach unendlichem Geschosslärm.

So genoss ich, das Kellerkind, die milde Frühlingssonne, aber im Schutz des Hauseingangs. Was waren denn das für Gestalten, die sich vom "Kleinen Graben" her auf unsere Grabenstraße bewegten, schleichend an Weinstocks Haus entlang? Dunkelhäutige Männer in grauen Uniformen. Das waren keine Deutschen, das mussten Amis sein! Mit Höchstgeschwindigkeit war ich wieder im Keller.

Hans-Willi Welten, Königswinter

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