Karrieremöglichkeiten ohne Studium: Mehr Handwerker braucht das Land

Karrieremöglichkeiten ohne Studium : Mehr Handwerker braucht das Land

Hörsaal statt Werkstatt: Die regionalen Betriebe schauen mit Sorge auf den derzeitigen Trend, dass immer weniger Jugendliche sich für einen Handwerksberuf interessieren und stattdessen lieber einen akademischen Beruf anstreben.

„Die Nachwuchssituation im Handwerk ist dramatisch. Bestimmte Branchen finden einfach keine Auszubildenden mehr“, sagt Kreishandwerksmeister Thomas Radermacher. Besonders stark treffe es etwa Maurer, Dachdecker, Fleischer und Bäcker. „Und auch bei den Tischlern lässt der Zulauf nach“, so Radermacher.

Die Gründe sind vielfältig. Zum einen sind die Berufe sehr anstrengend, wie zum Beispiel die auf dem Bau. Oder die Azubis müssen früh aufstehen, wenn sie das Bäckerhandwerk erlernen wollen. Das schrecke viele ab. Radermacher und Oliver Krämer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg, kritisieren jedoch auch die Haltung mancher Eltern. „Für viele Eltern sind nur das Abitur und ein Studium die Schlüssel für ein erfolgreiches Berufsleben. Dabei verkennen sie die Marktsituation“, erklärt Radermacher. „Außerdem unterschätzen sie die Wertigkeit der Ausbildung im Handwerk und welche Möglichkeiten sich etwa in der Selbstständigkeit mit einem eigenen Betrieb ergeben können“, ergänzt Krämer. „Und am Ende des Tages haben wir eine Menge arbeitsloser Eventmanager und niemanden mehr, der eine Heizung reparieren kann“, spitzt Radermacher die Situation zu.

Regen Zulauf beobachten die Experten weiterhin bei den Kfz-Mechatronikern, Elektrikern und im Bereich Sanitär, Heizung, Klima mit den Berufen Behälter- und Apparatebauer, Installateur- und Heizungsbauer, Klempner sowie Ofen- und Luftheizungsbauer. „Diese Berufe liegen nach wie vor im Trend“, so Krämer.

Neben dem Nachwuchsmangel plagen die Betriebe auch fehlende Fachkräfte. „Das ist eklatant. Viele Betriebe haben eine gute Konjunktur, die Auftragsbücher sind voll. So etwa im Bauhauptgewerbe, denn im Moment wird ja überall gebaut“, so der Kreishandwerksmeister. Die Betriebe seien stark ausgelastet und müssten entweder Aufträge ablehnen oder sie können die Arbeiten nicht zeitnah erledigen. Mit der Konsequenz, dass die Kunden unzufrieden sind und sich beschweren.

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Die Betriebe in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis suchen händeringend Fachkräfte. „Im Moment kann der Bedarf bei weitem nicht gedeckt werden“, so Krämer. Und schließlich mangele es im Handwerk auch an Führungskräften. In den nächsten Jahren stünden rund 40 Prozent der Betriebe zur Übergabe. „Die Übergabe funktioniert heute nicht mehr automatisch. Nur selten übernimmt die nächste Generation den elterlichen Betrieb, und auch externe Nachfolger sind schwer zu finden. In Deutschland fehlt eine echte Gründermentalität. Dabei kann man im Handwerk mit einem eigenen Betrieb ein erfülltes und sehr auskömmliches Leben führen“, erklärt Radermacher.

„Außerdem sind vielen Eltern und Jugendlichen die Perspektiven im Handwerk nicht bekannt oder zu wenig offensichtlich. Denn ein Studium ist nach einer Berufsausbildung auch ohne Abitur machbar. Und mit einem Meistertitel eröffnen sich weitere Möglichkeiten“, so Krämer. Denn auch die Meister sind sehr begehrt. In einigen Bundesländern haben immer mehr Unternehmen Schwierigkeiten, Meister, Techniker und Fachwirte zu finden. Vor allem in der Metall- und Elektroindustrie und im Bildungsbereich fehlen Fortbildungsabsolventen. Michael Brücken von der Stelle zur Vermittlung von Fach- und Führungskräften der Handwerkskammer zu Köln berichtet, dass der Großteil der jungen Meister direkt von der Meisterschule in ein Beschäftigungsverhältnis münden. „Ihre Qualifikation ist am Arbeitsmarkt gefragt.“

Weil sich der Mangel an Fachkräften nach und nach verschärfen wird, gewinne bei der Unternehmensberatung der Handwerkskammer das Thema, wie ein Unternehmer gute Mitarbeiter an seinen Betrieb binden kann, an Bedeutung. „Dabei geht es zum Beispiel um Fragen flexibler Arbeitszeiten und Anreize wie etwa übertarifliche Bezahlung“, sagt Rainer Gutmann von der Pressestelle der Handwerkskammer. Zudem spiele das Thema betriebliche Gesundheitsförderung eine wichtige Rolle. „Denn im Laufe des demografischen Wandels wird das Durchschnittsalter der Beschäftigten in den Unternehmen steigen“, erklärt Gutmann.

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