Der Nachwuchs fehlt: Kampf um die besten Köpfe ist entbrannt

Der Nachwuchs fehlt : Kampf um die besten Köpfe ist entbrannt

Der Fachkräftemangel hat längst die Stadt- und Kreisverwaltungen erreicht. „Wir haben zunehmend Probleme, unseren Personalbedarf zu decken“, erklärt Thomas Nitschke, Personalamtsleiter in der Verwaltung des Rhein-Sieg-Kreises.

„Der Kampf um die Köpfe für die Verwaltung ist auch in unserer Region entbrannt. Es gab noch nie so viele Stellenausschreibungen für den öffentlichen Dienst wie im Moment“, beobachtet auch Holger Jung, erster Beigeordneter der Stadt Meckenheim. Für die Verwaltungen ist das eine relativ neue Entwicklung, denn noch vor einigen Jahren war die Situation ganz anders. „Lange Zeit war der öffentliche Dienst ein Arbeitgebermarkt, und wir konnten uns unsere Mitarbeiter aus einer Vielzahl von Bewerbern aussuchen. Doch das hat sich komplett gedreht. Inzwischen ist es ein Arbeitnehmermarkt und wir konkurrieren mit vielen anderen Behörden um die Bewerber“, so Jung.

Sanierungsstau in Kommunen

Ein Grund für den gestiegenen Wettbewerb ist ein generelles Umdenken. „Jahrelang haben wir uns überwiegend auf die Reduzierung der Personalkosten konzentriert. Die Zahl der Mitarbeiter wurde abgebaut und auch die Ausbildung zurückgefahren. Doch der Zustrom der Flüchtlinge hat gezeigt, wie wichtig die Verwaltung und wie fragil sie unter besonderen Belastungen ist. Seit 2015 gibt es daher wieder die Bereitschaft, mehr Personal einzustellen“, erklärt Andreas Leinhaas, Amtsleiter Personal und Organisation der Stadt Bonn, der jetzt erstmals 35 Stellen extern ausschreiben musste, da sie aus dem eigenen Mitarbeiter-Pool nicht mehr besetzt werden konnten.

Auch andere Entwicklungen haben zum gestiegenen Personalbedarf beigetragen. „Durch den Ausbau der U3-Betreuung benötigen wir zum Beispiel mehr Mitarbeiter in den Kindertagesstätten“, erklärt Beate Krumm, Fachbereichsleiterin Zentrale Dienste bei der Stadt Sankt Augustin. Und auch der über Jahre aufgelaufene Sanierungsstau in vielen Kommunen verlangt nach zusätzlichen Beschäftigten. „Wir haben einen hohen Sanierungsbedarf bei den städtischen Gebäuden und benötigen daher mehr technisches Personal“, so Krumm.

Beim Rhein-Sieg-Kreis sind es vor allem die Aufgaben, die der Kreis in den letzten Jahren vom Land übernehmen musste, die den Personalbedarf deutlich erhöht haben. „Dazu zählen die Bereiche Elterngeld, das Versorgungsamt, der Immissionsschutz und auch die Jobcenter, die die Kreise heute zusammen mit der Bundesanstalt für Arbeit betreiben“, erklärt Thomas Nitschke. Hinzu kommen die Bereiche Ausländerangelegenheiten und Soziales, die aufgrund der Flüchtlingszahlen deutlich ausgebaut werden mussten. „Bis vor fünf Jahren ging es vor allem um Kürzungen und Stelleneinsparungen, doch das ist jetzt vorbei. Allein von 2014 bis 2017 hat sich die Zahl der Mitarbeiter in der Kernkreisverwaltung, das heißt im Kreishaus und den Nebenstellen, von 1325 auf 1520 erhöht,“ so Nitschke. Externe Faktoren wie die Vollbeschäftigung und auch die geburtenschwachen Jahrgänge, die jetzt von den Schulen abgehen, verschärfen die Situation. „Ich bin überzeugt, dass wir beim Wettbewerb um die Fachkräfte erst am Anfang stehen. Die Situation wird sich noch deutlich verschärfen“, befürchtet Andreas Leinhaas.

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Und so müssen sich die Verwaltungen einiges einfallen lassen, um auf diesem umkämpften Markt Mitarbeiter zu gewinnen. Der Rhein-Sieg-Kreis setzt dabei vor allem auf die Ausbildung des eigenen Nachwuchses und stellt pro Jahr mindestens 20 Auszubildende ein. Aus diesem Pool kann er immerhin 50 Prozent des Personalbedarfs decken, der durch Fluktuation oder altersbedingtes Ausscheiden entsteht. Im gehobenen Dienst, der über eine duale Ausbildung zum Bachelorabschluss führt, gibt es nach Angaben des Kreises noch genügend qualifizierte Bewerber. Anders sieht es im mittleren Dienst aus. „Wir haben zunehmend Probleme, Bewerber zum Beispiel für die Ausbildung zur Fachkraft für Abwasser oder für Medien- und Informationsdienste zu finden. Bisher waren Schulabgänger unsere Zielgruppe, doch in Zukunft werden wir verstärkt Jugendliche ansprechen, die zum Beispiel eine Ausbildung oder ein Studium abgebrochen haben“, so Krumm.

Behörden gehen neue Wege

Noch problematischer ist die Situation bei den Spezialberufen wie zum Beispiel Finanzfachleute, Ingenieure, Architekten und Ärzte, die die Verwaltungen nicht selbst ausbilden können, sondern auf dem freien Markt akquirieren müssen. Hier gelingt es selten schon in der ersten Ausschreibungsrunde, eine Stelle zu besetzen. „Bei diesen Bewerbern konkurrieren wir mit der freien Wirtschaft, und da hinken wir bei der Bezahlung deutlich hinterher“, erklärt Nitschke. Stattdessen versuchen die Verwaltungen zunehmend, die Bewerber mit flexiblen Arbeitszeiten und familienfreundlichen Angeboten zu locken. „Bei den Ingenieuren sind unsere Hauptzielgruppe inzwischen junge Frauen, die hoffen, dass sie im öffentlichen Dienst Familie und Beruf besser vereinbaren können als in der freien Wirtschaft“, so Nitschke. Der Rhein-Sieg Kreis hat inzwischen eine Teilzeitquote von 35 Prozent, davon 90 Prozent weibliche Mitarbeiter, und zusätzlich 40 Heimarbeitsplätze. „Hier stoßen wir allerdings jetzt an unsere Grenzen, denn wir haben auch nachmittags Publikumsverkehr, und die Teilzeitkräfte wollen natürlich alle vormittags arbeiten“, so der Personalchef des Kreishauses.

Auch Sankt Augustin arbeitet ständig an der Verbesserung der Arbeitsflexibilität. „Wir haben zahlreiche Teilzeitmodell mit ganz unterschiedlichen Stundenkontingenten und natürlich gleitende Arbeitszeit. Und auch Homeoffice-Plätze werden wir demnächst einrichten“, so Beate Krumm. Der Meckenheimer Rat hat bereits vor vier Jahren ein Personalentwicklungskonzept verabschiedet, mit dem die Attraktivität Meckenheims als Arbeitgeber gestärkt werden soll. Dazu zählen familienfreundliche Teilzeitmodelle und Qualifizierungsmaßnahmen mit dem Ziel, die Aufstiegschancen in der Verwaltung zu verbessern.

Und auch die Stadt Meckenheim bildet inzwischen wieder verstärkt aus. Bei den Einstellungsgesprächen mit potenziellen Auszubildenden ist die Sicherheit des Arbeitsplatzes ein wichtiges Argument. „Früher konnten wir den Auszubildenden nicht versprechen, dass wir sie nach Abschluss der Ausbildung übernehmen. Doch das hat sich geändert und ist für viele Azubis ein wichtiges Argument“, so Holger Jung. Ein weiterer Pluspunkt für Meckenheim ist der Neubau des Rathauses. „Hier stehen demnächst ganz neue, topausgestattete Arbeitsplätze zur Verfügung“, so der Beigeordnete.

Gesundheitsmanagement

Sankt Augustin wirbt dagegen mit der guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und der abwechslungsreichen Infrastruktur mit Huma-Center und Ärztehaus. Auch das Thema Gesundheit spielt zunehmend eine Rolle. „Wir haben das Gesundheitsmanagement deutlich ausgebaut und wollen den Mitarbeitern damit zeigen, wie wichtig sie uns sind“, so Andreas Leinhaas. „Wir kümmern uns im Rahmen des Integrationsmanagements verstärkt um Mitarbeiter, die länger erkrankt sind, und haben auch den Bereich Prävention ausgebaut“, erklärt Beate Krumm. „Damit binden wir die Mitarbeiter an uns und sorgen gleichzeitig dafür, dass sie gesund und fit bleiben“, so Krumm.

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