Flugplatz Eudenbach: Immer der Heckflosse nach

Flugplatz Eudenbach : Immer der Heckflosse nach

Das Scheunentor rollt mit einem leisen Quietschen zur Seite. Was sich dahinter verbirgt, lässt drei gestandene Männer augenblicklich von Ohr zu Ohr strahlen. Und das jedes Wochenende aufs Neue, seit Jahrzehnten schon. Für Josef Herlitz, Ulrich Hamburger und Georg Linkowski gibt es nichts Schöneres, als morgens im Hangar des Flugplatzes Eudenbach ihre Kleinflugzeuge zu begrüßen und an der Heckflosse raus auf die Wiese zu schieben.

Von der "absoluten Ruhe" schwärmt der eine, "vom Kribbeln, wenn man die Schwerkraft überwindet", der andere, und für Ulrich Hamburger ist es die große Freiheit, die lockt: freitags raus aus dem engen Termin-Korsett seines Jobs, rein ins Auto. Von Wuppertal bis Eudenbach quält er sich zum letzten Mal in seiner Arbeitswoche durch den Stau. Bei Ankunft in Eudenbach gibt's dann den eingangs beschriebenen Glücksmoment im Schnelldurchlauf: Hangartor auf, die Piper PA-28 an der Schwanzflosse rausschieben, Motor an - und dann ab in den Sonnenuntergang. Kein Stau, kein Handyklingeln, keine Nervensägen, kein Small Talk: Unter den Wolken gibt es nur Herrn Hamburger mit seiner liebsten Begleitmusik - dem Piper-typischen Sound, der wie eine gigantische Hummel klingt.

Josef Herlitz möbelt derweil in einer ausrangierten Schulbaracke auf dem Segelfluggelände ein altes Schätzchen auf: Eine über 40 Jahre alte K7 liegt frisch hergerichtet auf Tapeziertischen und kann schon bald wieder in die Luft gehen. Anders als ein Auto, das bläut Herlitz als gute Seele des Platzes allen stets ein, geht ein gepflegtes Flugzeug nie kaputt. Von allen Motor- und Segelfliegern, die es am Wochenende an den Flugplatz Eudenbach zieht, gehört Herlitz zu den frühen Pionieren.

Er weiß, wie alles begann: "Der Reichsarbeitsdienst hat dieses Gelände vor dem Zweiten Weltkrieg als Feldflugplatz hergerichtet." Hochmoor und Heidelandschaft bekamen eine Drainage, denn auf morastigem Boden kann kein Flugzeug starten. Das Laubdach der Wälder tarnte die wenigen Gebäude, die notwendig waren, um den Platz funktionstüchtig zu halten. Feindliche Flieger haben ihn aus der Luft lange nicht erkannt: Wurde er nicht gebraucht, weidete hier Vieh. "Von 1943 bis 1945 aber starteten in Eudenbach die Marineflieger zur Ruhrgebietsverteidigung", weiß Herlitz.

Zum Kriegsende war am Flugplatz Schluss mit Adrenalin und Action. Neun Jahre lang fiel das 47 Hektar große Gelände in den Schlaf. "1954 ist es schließlich wieder aktiviert worden", so der Senior, "es war das erste Segelfluggelände in NRW, das nach dem Krieg seinen Dienst wieder aufnehmen konnte." Es ist gleichzeitig das größte Segelfluggelände dieses Bundeslandes. Zwei Drittel des Platzes liegen in NRW, ein Drittel in Rheinland-Pfalz.

Am besten lässt sich der Platz freilich aus der Luft betrachten, findet Ulrich Hamburger - und das lieber sofort: Die Wolkendecke wird dichter, der Piper-Pilot warnt vor einer Gewitterfront. Also rein in den fliegenden Zweisitzer, zwei Schritte über die Tragfläche und hinab ins Cockpit. Schmale Gäste sind hier am liebsten gesehen. Lange Beine darf man haben, nur keine üppige Leibesfülle: Die Piper ist so eng wie ein englisches Oldtimer-Auto. Hamburger startet die Motoren, schaut sich auf einem Tablet-Computer Karten und Bedingungen zum Fliegen an. Wie Schnittmuster liegen die Lufträume, die er queren will, neben- und übereinander.

Über die Taxiways, kurz gemähte Rasenpfade, zieht die Piper eilig in Richtung Startbahn, biegt ein - und zieht und zieht. 50 Stundenkilometer, 80 Stundenkilometer, bei 130 Sachen dreht die Maschine schließlich die Nase steil nach oben. Außer blauem Himmel ist für wenige Sekunden vor dem Fenster gar nichts zu sehen. Dann geht die Piper in die Waagerechte, steigt über dem Panorama von Bonn auf.

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Man darf sich den kleinen Ausflug nun nicht so vorstellen wie den Start einer Boeing vom Flughafen Köln/Bonn nach Mallorca - so sachte und austariert, dass man die Höhe nur sieht, nicht spürt. "Das hier ist kein Bus", sagt Hamburger mit leichtem Spott übers Bordmikrofon. Wie wahr! Die Piper ist mehr wie ein fliegendes Turbo-Motorrad: Bei warmer Luft - Thermik, wie die Flieger es mit diesem schwärmerischen Blick nennen - macht die Maschine und damit auch der Magen von Flugnovizen einen kleinen Hopser. Bei jeder Lenkbewegung reagiert sie prompt und auf den Punkt. Das ist Fliegen roh und pur, ohne Rüschen und Airliner-Technik-Tamtam. Hamburger begibt sich jetzt in der Kurve etwas in Seitenlage. 210 Stundenkilometer fliegt die Piper.

Da fällt sein besorgter Blick auf den Gästesitz neben ihm: "Ist Ihnen nicht gut?" Die Antwort ist gar nicht leicht: Als Reporter freut man sich, das Siebengebirge und die Burg Drachenfels von oben, Garzweiler und den Kölner Dom in weiter Ferne, die sanften Bögen des Rheins im glitzernden Sonnenlicht zu sehen. Nur: Das Innenohr des Reporters will erst noch überzeugt werden. Hamburger steigt also auf 2500 Fuß hoch, wo die Luft ruhiger ist. Knapp unter den Wolken muss er bleiben: "Wir fliegen immer auf Sicht." Heißt auch: Bei schlechtem Wetter geht über Eudenbach keiner der rund 60 aktiven Piloten in die Luft. Bei überraschenden Wetter-Kapriolen auf dem Weg nach Wangerooge oder in die Champagne muss Hamburger unterwegs landen - und abwarten.

Nach einer halben Stunde erscheint am Boden wieder jenes Waldstück in grüner Sichelmond-Form, das sich um den Flugplatz Eudenbach legt. 40 Liter Flugbenzin für 160 Euro schluckt die Piper pro Stunde. Zeit kostet sie zusätzlich: Hamburger muss regelmäßig einen Check-up beim Fliegerarzt durchlaufen, das Flugzeug jedes Jahr zum Tüv. Ein paar Hundert Meter weiter "fliegen" auf dem Gelände jene, denen all das zu viel Aufwand ist: Technikfans, die sich Miniatur-Hubschrauber und Modellflugzeuge zusammengebaut haben, aber mit beiden Beinen am Boden bleiben, während ihre Konstruktionen abheben. Wilhelm Witthaus aus Bad Honnef gehört zu der wachsenden Fan-Gruppe, die am Flugplatz Eudenbach Loopings und Schrauben trainiert. Anders als die Segel- und Motorflieger nebenan kann Witthaus es sich bei einem Fehler leisten, mit dem Modell auf dem Acker abzustürzen. "Doch auch wir haben Regeln", betont er, "Modellhubschrauber sind fliegende Rasenmäher. Aufpassen muss man."

Auf dem großen Gelände kommen die Nachbarn sich ohnehin nicht in die Quere. Ganz im Norden verschanzt sich die Bundeswehr mit einem Kfz-Teile-Lager hinter hohen Zäunen ("Vorsicht, Schusswaffengebrauch!"), am anderen Ende genießen die Pilotenfrauen am Wohnwagen die Natur, während die Herren bei einer Putz- und Flickstunde am Hangar fachsimpeln. Der Flugplatz Eudenbach steht immerhin unter Naturschutz: Es gibt exakte Mahdpläne, um Wiesenpieper und seltene Orchideen zu schützen. Ab und zu schüttelt eines der Kinder morgens eine Gelbbauchunke aus dem Schuh. Für Georg Linkowski, der jedes Wochenende aus Oberhausen zum Fliegen nach Eudenbach kommt, ist der Naturschutz-Status ein großes Glück: "Ansonsten wäre die Fläche sicher schon als Gewerbegebiet verplant worden." Dabei wird der Flugplatz immer beliebter: Mittlerweile entdecken ihn auch Drachenflieger, Gleitschirm-Fans und Trike-Flieger für sich. "Der Flugplatz", sagt Linkowski, "erlebt gerade eine kleine Renaissance."

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