"Die Nichtfreiheit interessiert mich"

"Die Nichtfreiheit interessiert mich"

Katharina Thalbach über ihre Kölner "Salome"-Inszenierung, über haarscharfe Psychologie und die Sängerin Camilla Nylund, "die in dieser Rolle in fantastischer Weise debütiert"

Köln. Die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach zählt zu den vielseitigsten Theater- und Filmpersönlichkeiten Deutschlands. Seit ihrer extravaganten Inszenierung von "Don Giovanni im E-Werk" 1997 in Berlin ist sie auch in der Opernregie zu Hause. Am kommenden Donnerstag eröffnet ihre erste Kölner Regiearbeit, "Salome" von Richard Strauss, die Spielzeit 2004/05 der Oper Köln. Mit Katharina Thalbach sprach Felix Mauser.

General-Anzeiger: 1905 kam es bei der Uraufführung der Salome in Dresden zu einem Skandal, weil das Publikum das Stück für zu modern hielt. Wäre ein ähnlicher Aufstand heute vorstellbar?

Katharina Thalbach: Das glaube ich nicht. Erstens ist die Oper inzwischen zu bekannt, zweitens kann heute ein Tanz der sieben Schleier niemanden mehr erschrecken. Auch die Enthauptung ist hinlänglich bekannt. Wenn schon ein Skandal, dann hoffe ich auf einen positiven vor allem zugunsten unserer Salome Camilla Nylund, die in dieser Rolle in fantastischer Weise debütiert.

GA: Spätestens seit ihrem Berliner "Don Giovanni", den sie mit Techno-Elementen mischten, sind ihre Inszenierungen stark zeitgenössisch gefärbt. Passt diese Art zum mysteriösen Stoff der Salome?

Thalbach: Das würde ich nicht generell bestätigen. Janaceks "Schlaues Füchslein" habe ich im letzten Jahr in Berlin mit Tieren inszeniert, das waren keine Zeichentrickfiguren. Auch beim "Orpheus" in Basel agierten die Götter wie in der Vorlage. Für mich stellt sich bei "Salome" die Frage nach dem heutigen Orient, der aktuell betrachtet ähnlich aussieht wie damals.

Die Religionsstreitereien sind leider nicht weniger geworden. Ich hoffe, dass wir ein gutes Konglomerat gefunden haben, das Anarchische erhalten und diese Familiengeschichte, die für mich in einer Küche spielt, trotzdem heute spielen zu lassen. Trotzdem glaube ich nicht, dass wir gegen die Oper rabiat vorgegangen sind oder etwas total Neues gefunden haben.

GA: Sie sind über die Theaterarbeit zur Oper gekommen. In welchem Bereich befruchten sich diese beiden Kunstformen?

Thalbach: Das ist von Werk zu Werk verschieden. Bei Janacek wie bei Strauss ist die Arbeitsweise ähnlich, anders, als wenn ich ein naturalistisches Theaterstück machen würde. Ich erarbeite die Personen psychologisch Stück für Stück, mit Sängern genauso wie mit Schauspielern.

Wir versuchen die Figuren von Station zu Station weiterzuentwickeln, die dann wieder Rückschlüsse erlauben. Es ist ein psychologisches Puzzle, das wir zusammensetzen, nicht mit gesprochenen, sondern gesungenen Worten. Gefühlt werden muss in jedem Fall.

Gerade im Finale verschmelzen Drama und Musik im hohen Maß miteinander. Ich glaube, dass die Musik das Drama absolut verstärkt. Das Stück allein hätte mich nicht interessiert. Durch Richard Strauss kommt die haarscharfe Psychologie heraus, die nicht zwischen den Zeilen liegt, sondern die ich wirklich in der Musik hören kann. Durch die Musik bekommt auch das gelegentlich Schwulstige in den Texten eine Kraft, die ich ungeheuerlich finde. Die Musik lässt Ihnen durch festgelegte Tempi und Rhythmen aber auch weniger Freiräume.

Die Nichtfreiheit ist genau das, was mich an der Oper interessiert. Natürlich habe ich ein Korsett, aber es ist wunderbar in dem Moment, in dem ich die Musik liebe. Dann bin ich bereit, mich den Gesetzen hinzugeben und sie zu akzeptieren. Dies ist meine vierte Opernarbeit, bisher habe ich mich immer durch das Verständnis, das mir die Dirigenten vermittelt haben, gut arrangiert und die Musik mit der Inszenierung verbunden. Manchmal ist es auch schön unfrei zu sein, zumindest in der Oper.

GA: Im Gegensatz zu Wagner und seinem Zeitgenossen Schönberg gilt Richard Strauss nicht als musikalischer Revolutionär. Was fasziniert Sie musikalisch an ihm?

Thalbach: Ich glaube, dass ich nach der Erfahrung mit Strauss besser Wagner hören könnte. Strauss erzählt die Geschichte in knapper, prägnanter Weise mit einer kraftvollen, schrägen Musik in Spielfilmlänge. Ich habe zum ersten Mal damit gearbeitet. Wieder ein Neuland, das mir großen Spaß gemacht hat.

GA: Spielen Sie mit der Tradition, wenn Sie daran denken, dass Strauss in Köln 1906 die "Salome" dirigierte?

Thalbach: Ehrlich gesagt, nein. Ich kannte das Oscar-Wilde-Stück vorher sehr gut, weil ich es früher selbst gespielt habe. Die Musik und Oper kannte ich dagegen vorher nicht, ich habe mich sehr auf mein Gefühl verlassen. Der Intendant Christoph Dammann hat mich zusammen mit Markus Stenz dazu animiert. Sie suchen grundsätzlich die Punkte der Utopie im Stück, versuchen dem Theater das Heitere abzugewinnen, nicht nur das Abbild der Welt und Realität.

Karten unter anderem in den GA-Ticketshops.

(Interview aus dem General-Anzeiger)

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