Arbeit in Zukunft und Zukunft der Arbeit: Die Arbeitswelt von morgen

Arbeit in Zukunft und Zukunft der Arbeit : Die Arbeitswelt von morgen

Der Kölner Wirtschaftsberater und Zukunftsforscher Karl-Heinz Land hält die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens für notwendig.

Herr Land, was zeichnet Ihrer Meinung nach den Arbeitsmarkt von morgen aus? Auf welche Herausforderungen müssen wir uns einstellen?

Karl-Heinz Land: Nun, die zunehmende Digitalisierung wird in allen Teilen der Gesellschaft zu massiven Umwälzungen führen. Dieser Prozess wird sich genauso wenig aufhalten lassen wie einst die Industrialisierung. Und er wird von uns allen vorangetrieben – von jedem, der ein Smartphone nutzt, eine Onlineüberweisung tätigt oder bei Amazon einkauft. Denn es ist ja so: Wo immer sich Prozesse und damit Arbeitsvorgänge digitalisieren, vernetzen und schließlich automatisieren lassen, wird dies auch geschehen. Menschliches Zutun wird damit in immer mehr Bereichen überflüssig werden. Meiner festen Überzeugung nach wird es die Hälfte der Arbeit, die wir heute noch ausüben, bereits in 15 bis 20 Jahren nicht mehr geben.

Gibt es aktuelle Entwicklungen, die diese These untermauern?

Land: Natürlich. Ein Beispiel ist das selbstfahrende Auto, das ja bereits fleißig erprobt wird. Wenn der Straßenverkehr in Zukunft weitgehend automatisiert vonstattengehen sollte, brauchen wir keine Taxi-, Lkw- und Busfahrer mehr und durch die Kommunikation der Maschinen untereinander auch keine Disponenten oder Verkehrshüter. Das mag für viele vielleicht noch wie Zukunftsmusik klingen, aber im Börsen- und Bankenwesen ist der Umbruch schon Realität. Da werden Aktien digital bis zu 1000 Mal pro Sekunde gehandelt und Onlinebanking macht den Gang zur Filiale überflüssig. Man kann deshalb davon ausgehen, dass in zehn Jahren rund zwei Drittel der heute noch 36 000 Bankfilialen in Deutschland geschlossen sein werden. Die digitale Transformation schließt natürlich auch Bereiche wie Buchhaltung, Controlling, Verwaltung, Vertrieb und Verkauf nicht aus. Die ersten kassenlosen Supermärkte gibt es ja bereits, und Menschen, die Akten wälzen, verschwinden allerorten. Was also vor 20 bis 30 Jahren durch die Einführung von Robotern in der Produktion geschah, wird in naher Zukunft den Dienstleistungsbereich betreffen und damit auch die sogenannten Besserverdiener. Die Frage ist, was dann mit den dort arbeitenden Menschen passiert.

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Eine gute Frage! Muss dieses Szenario nicht erst einmal pessimistisch stimmen?

Land: In weiten Teilen der Bevölkerung tut es das. Unter anderem deswegen erleben wir im Moment ja auch ein Erstarken rückwärtsgewandter, populistischer Bewegungen. Ich hingegen sehe vielmehr das Positive, nämlich eine Gesellschaft, in der sich der Einzelne nicht mehr allein über Job und Einkommen definiert, da er nicht mehr „gezwungen“ sein wird zu arbeiten. Auch wird die Digitalisierung zur Ressourcenschonung beitragen, weil immer weniger Produktionsmaterial benötigt wird. Deswegen verwende ich auch gerne den Begriff Dematerialisierung. So oder so befindet sich die Welt gerade an einem entscheidenden Wendepunkt. Nur müssen das die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft begreifen, ganz im Sinne eines Paradigmenwechsels. Ich sehe die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das nach Belieben aufgestockt werden kann, daher als absolute Notwendigkeit an. Finanzierbar wäre das auch, denn es werden im marktwirtschaftlichen System ja auch weiterhin satte Gewinne erzielt werden.

Ein kontrovers diskutiertes Thema. Was stimmt Sie so zuversichtlich, dass es dazu kommen wird?

Land: Seien wir ehrlich: Niemand würde heute mehr auf die Idee kommen, wegen des Berufs seine Gesundheit zu riskieren und etwa Tag für Tag giftige Dämpfe einzuatmen oder körperliche Schwerstarbeit zu leisten. Das Thema unserer Zeit ist vielmehr die mentale Belastung im Job, weswegen es immer mehr in Richtung einer optimalen Work-Life-Balance geht. Dieser Tendenz kommt die Digitalisierung natürlich entgegen. Dasselbe gilt übrigens auch für den demografischen Wandel in Deutschland, der mit einer stetig sinkenden Zahl von Erwerbspersonen einhergeht. Und schließlich setze ich tatsächlich große Hoffnungen in die junge Generation.

Inwiefern?

Land: Das sehe ich schon an meinen Söhnen, denen Statussymbole nicht mehr viel bedeuten und die heute schon Autos und Wohnraum wie selbstverständlich mit anderen teilen. In dieser Sharing-Economy liegt eine große Chance für die Arbeitswelt von morgen. Denn wenn Leben und Arbeit, also persönliche Interessen und individuelle Talente miteinander verschmelzen, kann das für die gesellschaftliche Entwicklung nur gut sein. Wir müssen aber jetzt schon die Weichen dafür stellen, da wir bei all diesen Szenarien nicht von einer fernen Zukunft reden, sondern von der Welt in circa zwei Jahrzehnten.

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