Bad Godesberger Tunnel: Der bombensichere Tunnel

Bad Godesberger Tunnel : Der bombensichere Tunnel

Mehrere Hundert Meter zieht sich der Lüftungskanal durch die Erde. Die Lampen, die in gleichen Abständen alle paar Meter angebracht sind, tauchen den Gang in ein schwaches orangefarbenes Licht. Die Rede ist vom Bad Godesberger Straßentunnel, durch den an einem durchschnittlichen Verkehrstrag rund 40.000 Autos, Lkw und Motorräder fahren.

Mehrere Hundert Meter zieht sich der Lüftungskanal durch die Erde. Die Lampen, die in gleichen Abständen alle paar Meter angebracht sind, tauchen den Gang in ein schwaches orangefarbenes Licht. 10, 15, 20 Minuten könnte man den Kanal in immer gleicher Richtung entlang gehen, bis man praktisch direkt unter dem Kinopolis stehen würde. Ein leichter Geruch von Abgasen liegt in der Luft. Ein stetiges Brummen dröhnt durch den Gang. Es ist nicht ganz einfach, sich hier zu unterhalten. Fast könnte man meinen, in dieser Höhle rauscht ein unterirdischer Fluss. Tatsächlich fließt dort auch ein Strom, doch er führt nicht etwa Wasser, sondern vor allem Blech: Rund 40.000 Autos, Lkw und Motorräder fahren an einem durchschnittlichen Werktag durch den Bad Godesberger Straßentunnel. Was sich hinter den düsteren Betonwänden verbirgt, bleibt ihren Fahrern verborgen.

Hermann Walbröl steht in einem Lüftungskanal oberhalb der Fahrbahn in Richtung Süden. Der Manager des Godesberger Tunnels kennt sich sogar hier in den Tiefen der Anlage bestens aus. Er und seine Mitarbeiter sind regelmäßig in den Gängen und Räumen unterwegs, sei es um Störungen zu beheben oder Wartungsarbeiten zu erledigen.

„Wenn die Turbinen loslegen, würden wir zwar nicht gerade weggeblasen, aber wir würden das schon ganz ordentlich spüren”, sagt Walbröl. Sie schalten sich automatisch ein, wenn die Sensoren im Tunnel eine zu hohe Konzen-tration an Abgasen feststellen. „Mit maximal 900 Umdrehungen in der Minute würden sie dann Frischluft über den Kanal, in dem wir stehen, in die Röhre pumpen.” Dass die Turbinen im Normalfall nur selten zum Einsatz kommen, liegt an der günstigen Eigenbelüftung des Tunnels. Da der Verkehr in jeder Röhre nur in eine Richtung fährt, entsteht ein gleichmäßiger Luftstrom.

„Ich begleite den Tunnel schon seit dem ersten Spatenstich”, sagt Walbröl. Der erfolgte am 13. September 1992. Bereits seit Ende der siebziger Jahre wurde über die Realisierung eines Tunnelbaus debattiert. Fast sieben Jahre dauerten die Arbeiten an der unterirdischen Verkehrsader. Insgesamt fünf Röhren wurden, ausgehend von der Startbaugrube am Von-Groote-Platz, in bergmännischer Weise durch den Bad Godesberger Boden verlegt. Dass die beiden Tunnelachsen weder schnurgerade noch parallel zu einander verlaufen, habe vor allem zwei Gründe, erklärt Stefan Pieper, Sachgebietsleiter im Amt für Tiefbau und Verkehrstechnik der Stadt Bonn: „Hätte man beide Fahrbahnen in einer einzigen Röhre untergebracht, wäre ihr Querschnitt deutlich größer geworden. Dadurch wäre es unmöglich gewesen, sie oberhalb des Grundwassers zu verlegen. „Sie hätte dann bei steigendem Pegel wie ein Staudamm gewirkt.“ Doch warum liegen die zwei Tunnel-Röhren nicht direkt nebeneinander? „Der Tunnel sollte damals vorwiegend in öffentlichen Grund und Boden verlaufen”, so Pieper. Daher führt die Röhre in Richtung Süden genau unterhalb der vormals oberirdischen B 9 entlang. Die andere verläuft hinter der östlichen Häuserreihe der Bundesstraße. So mussten lediglich vier private Gebäude vor dem Bau des Tunnels erworben und abgerissen werden. Die Verlegung des Durchgangsverkehrs unter die Erde hatte erheblichen Einfluss auf das heutige Gesicht der Stadt. Denn so konnte Lebensraum zurückgewonnen werden. Die Bonner Straße bleibt vielbefahren, dennoch konnte sie durch den Tunnel entlastet werden. Und auch die Moltkestraße konnte auf zwei Spuren zurückgebaut werden.

Walbröls nächster Abstecher führt durch zahlreiche blaue Stahltüren und durch labyrinthähnliche Gänge in den Steuerungsbereich. Oder wie ihn der Tunnelmanager nennt, das “Herz des Tunnels”. In großen Metallschränken verbirgt sich die gesamte Informationstechnik der Anlage. Hier laufen alle Daten der Tunnelanlage über Verkehrslage, Beleuchtung und Lüftung zusammen. Der Strom für die gesamte Tunneltechnik wird mit einer Spannung von 11.000 Volt von zwei separaten Netzen eingespeist – falls eines ausfallen sollte. Paradox ist der Stromverbrauch des Tunnels: „An sonnigen Tagen verbrauchen wir für die Beleuchtung am meisten Strom“, sagt Walbröl. Der Grund: Die Lichter an den Einfahrten des Tunnels passen sich der äußeren Helligkeit an, damit sich das Auge besser auf die Dunkelheit einstellen kann. „Ansonsten wären die ersten Meter im Tunnel ein Blindflug.“

Eine Etage tiefer öffnet Walbröl eine weitere blaue Tür. Dieses Mal führt sie direkt in den südlichen Fahrbahntunnel. Das Rauschen verwandelt sich zu dröhnendem Motorenlärm. Es stinkt nach Abgasen. Genau gegenüber der Tür liegt – im Vorbeifahren kaum zu bemerken – ein stählerner Koloss in seinem Bett – und das seit nunmehr 15 Jahren. Jeweils 60 Tonnen beträgt das Gewicht der massiven Tore, die per Hydraulik von Hand aus ihrer Wandnische gehoben und zugeklappt werden können. Auf diese Weise lässt sich der Tunnel auf jeweils fast 900 Metern in beiden Röhren in einen Zivilschutzbunker für rund 7200 Personen verwandeln. Jede einzelne Zufahrt zum Tunnel lässt sich mit Toren, die wie massive Tresortüren aussehen, abriegeln. Aus heutiger Sicht eine überflüssige Investition. „Aber als der Tunnel geplant wurde, schätzte man die globale Gefährdungslage noch anders ein”, sagt Pieper.

Wenn es im Tunnel Gefahren gibt, sind es Unfälle oder Brände. Erfahrungen aus Zwischenfällen in anderen Tunneln sorgen dafür, dass sich die Sicherheitsrichtlinien stetig weiter entwickeln, erklärt Walbröl. Dadurch muss auch der Godesberger Tunnel regelmäßig modernisiert werden. Zuletzt wurden LED-Leuchten entlang der Fahrbahn und grüne Lichtleisten an den Notausgängen angebracht. Eine sinnvolle Investition, sagt Walbröl. Er hat während einer Feuerwehrübung schon selbst erfahren, wie es sich anfühlt, in einem verqualmten Tunnel zu stehen. „Es ist ein wirklich doofes Gefühl, wenn man vor lauter Rauch auf so engem Raum die gegenüberliege Wand nicht mehr sehen kann. Da kann man leicht in Panik geraten.” Sollte es wirklich einmal zu einem Brand kommen, stehen der Feuerwehr im Godesberger Tunnel zwei Becken mit jeweils 40.000 Liter Löschwasser zur Verfügung. Insgesamt acht Ausgänge führen auf der gesamten Länge des Tunnels an die Oberfläche. Je nachdem, welchen man benutzen muss, kann es sein, dass der Fluchtweg zum Beispiel am Bahndamm an der Godesberger Straße, in der Nähe des Obi-Baumarktes endet. Oder man findet sich etwa am Von-Groote-Platz wieder. Hier, hinter dem Bad Godesberger Bahnhof, ist das Rauschen des unterirdischen Verkehrsstroms nichts mehr zu vernehmen. Die Bundesstraße 9, die nur wenige Meter tiefer, unbemerkt durch den Untergrund fließt, scheint weit entfernt zu sein.

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