65.000 beschnittene Frauen in Deutschland: Bonnerin kämpft gegen Genitalverstümmelung bei Frauen

65.000 beschnittene Frauen in Deutschland : Bonnerin kämpft gegen Genitalverstümmelung bei Frauen

Rund 200 Millionen Frauen weltweit sind beschnitten, doch auch in Deutschland gibt es deutlich steigende Zahlen. In Teilen Afrikas ist das Tausende Jahre alte Ritual kaum wegzudenken. Antje Thomas leistet Aufklärungsarbeit und erzählt von ihren Besuchen in Eritrea.

Das provisorisch errichtete Zelt steht in einem kleinen Dorf in Eritrea. Die Schreie aus dem Inneren dringen nahezu ungefiltert nach draußen, doch sie werden übertönt. Von Gesang, Tanz und angeregten Unterhaltungen. Alle Einwohner haben sich bei Essen und Trinken versammelt, um ein jahrtausendealtes Ritual zu zelebrieren: die Beschneidung eines jungen Mädchens.

Schätzungen zufolge sind weltweit rund 200 Millionen Mädchen und Frauen beschnitten – also mehr als fünf Prozent der im Oktober 2018 auf 3,85 Milliarden geschätzten weiblichen Weltbevölkerung. Da in vielen Ländern inzwischen Gesetze gegen die weibliche Genitalverstümmelung erlassen wurden, werden die Beschneidungen oft heimlich praktiziert.

Die Dunkelziffer ist Experten zufolge um ein Vielfaches höher. In Deutschland interessiert das Thema kaum. „Auch ich bin erst durch den Verein Archemed darauf aufmerksam geworden“, erzählt Antje Thomas. Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Mitarbeiterin des Universitätsklinikums Bonn ist seit knapp fünf Jahren für diesen gemeinnützigen Verein tätig, der medizinisch-humanitäre Hilfe für kranke Kinder und gebärende Mütter in Eritrea leistet.

Der Staat im Nordosten des afrikanischen Kontinents ist einer der ärmsten Länder der Welt. Formal hat Eritrea eine demokratische Verfassung, faktisch ist es eine Diktatur. Im Ranking der Pressefreiheit rangiert das Land weltweit – vor Nordkorea – auf dem vorletzten Platz, ein UN-Bericht attestierte 2015 „systematische, weit verbreitete und schwere Menschenrechtsverletzungen“.

Ein Besuch in Eritrea

In diesem heiklen Umfeld versucht der Verein Archemed Aufklärungsarbeit zu leisten, um künftigen Generationen das Ritual zu ersparen. Seit 2015 betreut Antje Thomas Projekte gegen die Beschneidung in kleinen Dörfern in verschiedenen Regionen Eritreas. Ihr Engagement begann mit einem Antrag: „Wolfgang Holzgreve, der Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Bonn und Mitglied im Vorstand von Archemed, bat mich, bei der Erstellung eines Förderantrags bei der EU zu helfen.“

Die Aufklärungsarbeit gegen Genitalverstümmelung (englisch: Female Genital Mutilation, kurz FGM) ist eines der wenigen nichtmedizinischen Projekte des Vereins. Deswegen konnte Antje Thomas auch ohne ärztliche Vorkenntnisse mithelfen und das Projekt vor Ort begleiten. Erstmals besuchte sie Eri-trea 2015. Seitdem war sie sechs weitere Male dort, die nächste Reise ist für März geplant. Anfangs habe sie der Zustand in den öffentlichen Einrichtungen schockiert: „In den Krankenhäusern, wo keiner von außen mit finanziellen Mitteln hilft, sind die Bedingungen atemberaubend schlecht.“ Auf der anderen Seite: die Herzlichkeit der Menschen und die „ewig lachenden Kinder“.

Ohne Solarenergie keine Vorführung des Aufklärungsfilms

„Dieser starke Gegensatz aus brutaler Armut auf der einen Seite und schier niemals enden wollender Fröhlichkeit auf der anderen ist unbeschreiblich“, sagt Thomas. In den Projekten half sie bei der Planung von Schulungen, die Männer und Frauen über Frauenrechte und insbesondere über die FGM-Folgen informierten. Wichtig sei, die Männer mit einzubeziehen: „Viele wissen gar nicht, was da genau passiert.“

Ein Film, der die Beschneidung junger Mädchen zeigt, habe viele Männer berührt. „Die meisten Männer kennen Frauen nur beschnitten, aber haben die Durchführung selbst und das Leiden noch nie gesehen“, sagt Thomas. Archemed hat die Reaktionen der Männer während des Aufklärungsstreifens gefilmt: Schockierte Gesichter, Tränen in den Augen, manche konnten es nicht ertragen und wandten sich ab.

Den 30-minütigen Film in Dörfern zu zeigen, bildet in einem Land wie Eritrea, in dem jeder Einwohner lediglich ein Neunzigstel so viel Energie verbraucht wie der durchschnittliche Bundesbürger, die erste Hürde: „Wir haben extra einen solarbetriebenen Beamer anfertigen lassen, um den Film vorführen zu können.“ Obwohl Beschneidungen seit 2007 in Eritrea verboten sind, scheint sich die Problematik nur verlagert zu haben. Aufgrund des Gesetzes werden keine offiziellen Zahlen mehr erfasst.

Die ehrenamtlichen Helfer von Archemed versuchen, alle Beteiligten vor Ort einzubinden – den Dorfverwalter, den Schuldirektor, den Leiter des Gesundheitszentrums, die Vertreter der verschiedenen Religionen. Anders als viele annehmen, ist das Ritual keineswegs religiös bedingt. „Die eine Hälfte des Projektdorfes war muslimisch, die andere christlich“, sagt Thomas.

Das Ritual ist älter als alle Weltreligionen

Das Ritual ist mehrere Tausend Jahre alt und wird damit länger praktiziert als die heutigen Weltreligionen existieren. So findet sich eine Erwähnung weiblicher Genitalbeschneidung schon auf einem Fetzen Papyrus, der in Ägypten im Jahr 163 vor Christus beschriftet wurde. In welchem Alter die Mädchen oder jungen Frauen beschnitten werden, hängt davon ab, in welcher Völkerschaft sie aufwachsen. Einigen Mädchen stößt es im Kleinkindalter zu, anderen in der Pubertät, einigen sogar bereits mit wenigen Wochen.

Je nach Ausmaß des Eingriffs unterscheiden Experten vier verschiedene Typen der Beschneidung, die von der teilweisen bis zur kompletten Entfernung der Klitoris reichen oder vom Beschnitt der inneren bis äußeren Schamlippen; auch die Verengung der Vaginalöffnung verkörpert einen eigenen Typus. Dabei hängen der Bildungsgrad der Mütter und der Beschneidungstyp zusammen, sagt Thomas: „Je weniger sie aufgeklärt waren oder Zugang zu schulischer Bildung hatten, desto schwerer war der Grad der Beschneidung und umso häufiger waren die Töchter beschnitten.“

Archemed und andere Vereine setzen deshalb an zwei Seiten an: Sie informieren über die Risiken der Beschneidung und versuchen über Bildungseinrichtungen, präventiv zu wirken. Thomas: „Wir haben gezeigt und erklärt, welche Risiken es gibt, und die Frauen darin bekräftigt, “Nein„ zu dieser schmerzhaften Beschneidung zu sagen.“

Das erste FGM-Aufklärungsprojekt von Archemed wurde aus EU-Mitteln finanziert. Ein Folgeprojekt in Dorok, in der Nähe der Provinzhauptstadt Keren, wird aktuell von Vereinsmitteln getragen. „Mit einer Schulung ist es jedoch nicht getan. Wir werden weitermachen, solange es die Gelder zulassen“, sagt Thomas. Ein Jahr mit allen Schulungen und Flügen der Mitarbeiter verursache Kosten von rund 30.000 Euro.

65.000 beschnittene Frauen in Deutschland

Deswegen ist Archemed auf Spenden angewiesen. Erfolge der Projekte lassen sich aufgrund der hohen Dunkelziffer nur schätzen. Thomas ist positiv gestimmt: „Wir sehen, dass es ein öffentliches Thema in den Dörfern geworden ist, das allein ist bereits ein großer Fortschritt.“

Deswegen sind junge Frauen und Männer die Hauptzielgruppe der Projekte. Doch je ländlicher die Region, desto höher ist die Beschneidungsrate. Gründe dafür sind tradierte Vorstellungen: Dass Frauen jungfräulich in die Ehe gehen sollten oder und beschnitten „ästhetischer“ aussähen. Auch die Begründung, dass beschnittene Frauen „weniger Widerworte gäben“, wird genannt. Mädchen hingegen glauben, alles sei Tradition – „weil es einfach schon immer so war“.

Archemed und andere klären aber nicht nur in jenen Staaten auf, wo das Ritual beheimatet ist und weiter praktiziert wird. Die Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre nach Europa haben auch das Ritual, seine Opfer und künftige Opfer importiert. Deutschland ergänzte deshalb 2013 sein Strafgesetzbuch. Studien dazu nennen unterschiedliche Zahlen: Der Verein „Terre des Femmes“ schätzt die Zahl genitalverstümmelter Frauen in Deutschland auf 64.812 und die der gefährdeten junger Frauen auf 15.540 – rund 20 Prozent der Betroffenen stammen aus Eritrea, viele andere aus Äthiopien, Ägypten, Somalia und dem Irak. Eine vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSF) geförderte Studie nennt 47.359 Betroffene und 1558 bis 5684 potenziell vom Ritual Bedrohte.

Folgen der Beschneidung und Medikalisierung

Bedroht von der „Ferienverstümmelung“

Nach der BMFSF-Untersuchung sind die Töchter der Einwanderer zum Zeitpunkt des Verstümmelungseingriffs häufig einige Jahre älter als jene in Afrika. Dies sei jedoch weniger das Ergebnis von Einsicht als eines der fehlenden Gelegenheit. Weil das Ritual in Deutschland verboten ist und das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Menschenwürde höher eingestuft wird als etwa das Erziehungsrecht der Eltern, findet die Vollziehung des Rituals hierzulande meist heimlich statt. Auch entstand ein sogenannter Beschneidungstourismus.

Dafür werden Mädchen während der Schulferien entweder zur Beschneidung in ihr Heimatland geschickt oder eine „Beschneiderin“ reist nach Deutschland. Der Gesetzgeber nennt es „Ferienverstümmelung“ und thematisiert auch, inwieweit sich die Eltern strafbar machen – von Anstiftertum bis Mittäterschaft.

Charlotte Weil, Referentin bei Terre des Femmes, sagt: „In Deutschland sind die Zahlen seit 2015 stark gestiegen. Das ist kein kleines Randproblem, man muss effektiv aufklären und zum Umdenken anregen.“ Seit der Gründung des Vereins 1981 ist die Genitalverstümmelung von Frauen ein wichtiges Thema. „Die Mädchen müssen geschützt werden. Die Folgen begleiten sie lebenslang und eine Verharmlosung ist fatal.“ Noch heute liegt die „Prävalenzrate“ der Praxis in Somalia und Guinea bei fast 100 Prozent, betrifft also fast jede Frau.

Mittlerweile lassen sich durch plastische Chirurgie immerhin die körperlichen Folgen der Verstümmelung teilweise wieder rückgängig machen. Das weltweit erste Zentrum, das FGM-Opfer ganzheitlich, also medizinisch und psychosozial, betreut und behandelt, ist das Desert Flower Center (DFC) des Krankenhauses Waldfriede in Berlin. Weitere DFCs wurden in Schweden und Frankreich eröffnet.

Weitere Informationen zu den Vereinen unter www.archemed.org und www.frauenrechte.de. Das Hilfetelefon gegen Gewalt gegen Frauen ist erreichbar unter 0 80 00/11 60 16.

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