Die B 9 abseits Bonns: Auf den Ringen nachts um halb zwei

Die B 9 abseits Bonns : Auf den Ringen nachts um halb zwei

Auch über Bonn hinaus verläuft die B 9 weiter nach Köln. Hier auf den Ringen, wie die B 9 in Köln genannt wird, trifft sich am Wochenende die Partyszene.

Auf den Bürgersteigen einer Stadt begegnet sich der Querschnitt der Gesellschaft. Vom Bettler bis zum Bonzen, vom Oberkellner bis zum Oberarzt, vom Einzelhändler bis zum Eisverkäufer. Natürlich ist das auch in Köln so. Mit einer Einschränkung: Wenn es am Wochenende dunkel wird, verringert sich die Schnittmenge rapide: Dann geht es auf den Ringen, wie die B 9 hier genannt wird, vor allem um Party, Alkohol und Spaß – um sehen und gesehen werden. Auf der Straße, auf den Bürgersteigen, in den Bars und in den Clubs. Die Geschäfte haben längst geschlossen, Einzelhändler und Eisverkäufer Feierabend und der Oberarzt eine Flasche Rotwein aufgemacht. Geblieben sind neben den Bettlern auch die Bonzen, solche, die es noch werden wollen, und dazu jede Menge Studenten, Auszubildende und Junggebliebene. Und natürlich der Oberkellner – der nun passend Barkeeper genannt wird.

„Lass Ringe gehen“, würde das typische junge Klientel wohl sagen. Anders ausgedrückt: Rein ins Getümmel.
„Der gibt nur noch 20er raus“, sagt die junge Frau im Vorbeigehen. Pech für alle also, die 50 Euro oder einen anderen „krummen“ Betrag abheben wollten. Und das sind einige. Geld ziehen am Barbarossaplatz – an einem Samstagabend ein nerviger Zeitfresser. Vor allem, weil dadurch der Eintritt ins Nachtleben verzögert wird. Am nicht gerade glamourösen Barbarossaplatz beginnt in Köln die Partyzone an der B 9. Sie endet gut zwei Kilometer weiter nördlich hinter dem Friesenplatz. Die offizielle Straßenbezeichnung Hohenstaufenring, später Hohenzollernring, ist dabei allerdings trügerisch: Mit Glanz und Gloria hat das Geschehen auf den Ringen um diese Zeit fast nichts zu tun.

Auf den Ringen nachts um halb zwei

Schon gar nicht am Barbarossaplatz, der eher von logistischer Bedeutung ist: Neben dem immer hochfrequentierten „Mc Donald’s“ – einem der ältesten in Köln – spielt hier der Verkehr eine große Rolle. Die Bahnlinien 16 und 18, die aus Richtung Hauptbahnhof sowie aus Bonn hier Halt machen, entlassen Tausende Menschen ins Nachtleben und sammeln sie später gnädig wieder ein. Von hier aus fahren aber auch die Linien 12 und 15 analog zum Streckenverlauf der B 9 die Ringe entlang. Die Bahnen bringen die oft aufgekratzten und jolenden Feierwütigen zu ihrem eigentlichen Ziel: dem Friesen- oder Rudolfplatz. Denn zwischen Barbarossaplatz und den zuvor genannten gibt es an den Ringen kaum nennenswerte Feiermöglichkeiten. Der Verkehrsknotenpunkt Barbarossaplatz ist dennoch auch für das Ring-Klientel wichtig, vor allem für das mit fahrbarem Untersatz. Bevorzugtes Modell: Audi R 8. Denn hier lässt sich eine wunderbare Schleife drehen, um die Ringe in die Richtung erneut im Stop-and-go zu befahren, aus der man gekommen ist. Das hat Vorteile für zwei Seiten: Die Fahrer samt Besatzung können so trainieren, möglichst grimmig schauend ohne jede äußerliche Regung jeden einzelnen Blick aufzusaugen. So, als sei es das normalste der Welt, in jungen Jahren mit solch einem Auto die ganze Nacht eine viel zu volle Straße auf – und abzufahren. Andererseits können die, die gerade in Wartschlangen vor Bankautomaten oder Clubs die Zeit totschlagen müssen, zur Unterhaltung mitzählen, wie oft bestimmte Wagen in einer Stunde schon vorbeigekommen sind. O-Ton: „Wat für eine Proletenkarre!“

Während sich abseits der Ringe eher die Alternativen und meist auch etwas Älteren rund um die Zülpicher Straße und im Belgischen Viertel in Läden ohne Türsteher auf ihr Kölsch treffen, sind die Ringe für die Männer an der Tür so etwas wie der Job im Maschinenraum auf einem Schiff: Schwerstarbeit, ohne die nichts läuft. Entsprechend angestrengt und ernst nehmen die immer in schwarz gekleideten und oft mehr als ausreichend gebräunten Jungs ihr Geschäft. Selbst in spaßigen Bagger-Schuppen wie der Klapsmühle muss man erst an ihnen vorbeikommen. Den Klassiker unter den Türsteher-Sätzen – „Aber nicht mit diesen Schuhen, Junge!“ – wird man hier aber nicht hören.
Wenige 100 Meter hinter dem Friesenplatz sollten es in vermeintlichen Nobel-Clubs wie dem Crystal oder dem Diamonds dann aber schon Lederschuhe sein. Dementsprechend edel versuchen sich die immer etwas zu cool dreinblickenden Jungs in ihrem Massen-Modeketten-Schick und die immer etwas zu dick geschminkten Mädels im knappen Kleidchen von der Stange auch zu geben. Man kann ihnen die Anspannung in der Warteschlange von den Augen ablesen. Jetzt nicht reinzukommen – das Wochenende wäre gelaufen.

Mit fortschreitender Uhrzeit wird das Gedränge in den Clubs größer, das auf der Straße weniger. Drinnen wird es hitzig, draußen kühlt es ab. Gegen drei Uhr haben sich auch die Schlangen vor den Bankautomaten deutlich verkürzt. Wer jetzt noch hier steht, tut dies wahrscheinlich nicht zum ersten Mal in dieser Nacht – und fragt sich mit Blick auf den Kontostand wahrscheinlich: Warum ist am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig?

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