Das Leben einer Geflüchteten

Xenophobie und Vorurteile gegenüber Flüchtlingen sind trotz jahrelangen Zusammenlebens immer noch präsent.

Salma Asmir (18) kam 2015 aus Syrien nach Deutschland und möchte eine andere Perspektive bieten, um so den Vorurteilen entgegenzuwirken. Mit ihr sprach Delal Aksümer.

Was waren Ängste und Hoffnungen, bevor du nach Deutschland kamst?"

Salmar Asmir: Ängste bestanden nur in Bezug auf die Sprache. Hoffnungen aber waren viele da: Wir wollten uns ein neues Leben aufbauen. Ich hatte bereits meine Ziele vor Augen, was ich im Leben erreichen wollte.

Hast du dich hier willkommen gefühlt? Warst du glücklich?

Asmir: Anfangs war ich öfter traurig. Man ist neu hier, versteht nichts. Insbesondere deshalb hat man sich hilflos und dumm gefühlt, als sei man ein Nichtsnutz. Dementsprechend hatte ich auch keine deutschen Freunde. Manchmal kamen von Mitschülern sogar negativ konnotierte Fragen. Warum ich nach Deutschland gekommen bin, fragten sie. Jedes Mal musste man alles von Anfang an erklären und sich rechtfertigen. Wie ich mich damals gefühlt habe, hatte auch mit meiner ehemaligen Schule zu tun. Dadurch, dass ich an einem Gymnasium war, war ich mit überdurchschnittlich guten Schülern auf einer Schule, obwohl ich selbst noch nicht einmal die Sprache beherrschen konnte. Auf meiner neuen Schule fühle ich mich besser aufgehoben, da dort Gleichrangige sind und ich ähnliche Noten schreibe.

Was waren Hilfen und Unterstützungen für dich, als du ankamst? Was waren Möglichkeiten, dich zu integrieren?"

Asmir: Es gab Menschen, die zur Hilfe gekommen sind. Das waren zum Beispiel Nachbarn und Freunde. Bei Behörden und amtlichen Angelegenheiten war es besonders hilfreich, dass wir von Anfang an eine Begleitperson hatten, die uns stets zur Seite stand. Wir haben uns damals noch auf Englisch und teilweise durch Mimik und Gestik verständigt. Außerdem haben wir durch Bekannte eine Person arabischer Herkunft kennengelernt, die bereits seit zehn Jahren hier ist und uns ebenfalls große Lasten abgenommen hat. Auch unsere Lehrer haben uns viel geholfen. Sie waren für uns da, ob es um Schule ging oder um persönliche Probleme.

Wie haben deutsche Bürger dich gesehen? Wie hast du dich ihnen gegenüber gefühlt?

Asmir: Die Negativität gegenüber uns bekommt man nur zu spüren, wenn wir gemeinsam mit der Familie unterwegs sind. Ein Eye-Catcher ist da vor allem das Kopftuch meiner Mutter. Es bestand und besteht also nicht nur eine Barriere im Alltag durch die Sprache und unseren Fluchthintergrund, sondern auch durch den Ausdruck unserer Religion. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ein Mann uns aus dem Nichts den Stinkefinger zeigte, während wir in der Stadt unterwegs waren. Sowas passiert aber, wenn man alleine oder mit Freunden unterwegs ist, nicht.

Wie war es, Freunde zu finden und Kontakte zu knüpfen?

Asmir: Das gelang mir hauptsächlich durch die Schule. Irgendwann lernte man auch Bekannte von Bekannten kennen und freundete sich mit diesen an.

Hast du deutsche Freunde?

Asmir: Ich verstehe mich mit allen meiner deutschen Mitschüler gut. Einen richtigen Draht zueinander finden wir aber nicht - unsere Welten sind einfach ganz anders, so dass keine Freundschaften entstanden sind.

Was bedeutet für dich Integration?

Asmir: Für mich bedeutet Integration Kontakt und Teilnahme an der Gesellschaft. Dass man arbeitet, in der Öffentlichkeit aktiv ist, sozial unterwegs ist; kurz gesagt: durch Partizipation.

Wie sieht dein Werdegang bisher aus?

Asmir: Anfangs kam ich in die internationale Klasse des Siegtal-Gymnasiums in Eitorf. Heute bin ich auf einem Berufskolleg in Köln eingeschult und mache meine Ausbildung zur Pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten.

Flüchtlinge kriegen so viel Geld, heißt es - wie ist das wirklich? Wo waren oder sind finanzielle Erleichterungen oder Schwierigkeiten?

Asmir: Das ist ein Vorurteil. Natürlich erleichtern Sozialhilfen das Leben ein wenig. Allerdings reicht das nicht aus. Für vieles muss man selbst aufkommen. Meine Familie ist sechsköpfig. Ich bin die Einzige, die in meiner Familie berufstätig ist. Als mein Vater noch in Syrien war, konnte er uns finanziell unterstützen, da er dort arbeitstätig war. Heute muss er weiterhin seine Kurse belegen, um eine Arbeit aufnehmen zu können.

Gibt es Erlebnisse, die es dir erschwert haben oder immer noch erschweren, in Deutschland anzukommen?

Asmir: Ja, es gibt durchaus negative Folgen, mit denen man leben muss. Seit dem Krieg erleide ich Zitteranfälle. Das kommt aber nur, wenn ich Stress habe. Außerdem habe ich Schlafstörungen und Albträume, in denen sich Szenen aus dem Krieg wiederholen.

Gibt es immer noch Schwierigkeiten für dich?

Asmir: Es gibt natürlich noch Schwierigkeiten, die die Sprache bereitet. Auf der Arbeit fallen mir die Telefonate manchmal schwer. Aber das Leben ist für mich um einiges besser. Ich kann jetzt meine Zukunft aufbauen, ich habe die Sprache gelernt und ich habe Freundschaften geschlossen. Von ganz Anfang an haben wir angefangen und jetzt bin ich hier. Ich habe keine Ängste mehr. Jetzt habe ich ein neues Leben.

Was siehst du hier für Probleme, die es erschweren, miteinander zu leben?"

Asmir: Ich denke, dass es immer wieder Schwierigkeiten dabei gibt, wenn viele verschiedene Kulturen miteinander leben, weil jeder andere Regeln hat, eine andere Weltanschauung und Vision."

Hast du damals Leistungsdruck gespürt?

Asmir: Natürlich habe ich Druck gespürt. Man hatte plötzlich so viel Verantwortung zu tragen und musste erfolgreich sein. Manchmal haben mich die Gedanken, so viel lernen zu müssen, so sehr gestresst, dass ich darüber nachgedacht habe, wieder zurück nach Syrien zu kehren.

Siehst du dich selbst als integriert an? Warum?

Asmir: Ja, weil ich bemüht darum war und bin, etwas zu schaffen. Ich bin erwerbstätig, beherrsche die Sprache und kann mich somit am gesellschaftlichen Leben beteiligen.

Gibt es etwas, was du gerne deinen Mitbürgern mitteilen möchtest?

Asmir: Es wäre wünschenswert, dass Vorurteile abgebaut oder zumindest vorerst ignoriert werden. Man soll uns nicht einer Schublade zuschreiben, sondern uns zuerst kennenlernen. Es soll keiner nach seinem Äußeren und nach Vorurteilen bewertet werden. Es soll die Chance geboten werden, sich mit dem Charakter zu beweisen.

Carl-Reuter-Berufskolleg Hennef, VH81