Auf der Fährte der Löwen: Safari in Simbabwe

Auf der Fährte der Löwen : Safari in Simbabwe

Er spricht die Sprache der Tiere: Eine Buschwanderung mit der lebenden Legende Stretch Ferreira im entlegenen Mana-Pools-Nationalpark von Simbabwe ist ein unvergleichliches Erlebnis

Die Kommandos kommen kurz und energisch. „Stop talking, follow me in a single file” – „Stellt das Reden ein und folgt mir in einer Reihe hintereinander.“ Stretch Ferreira gibt der Touristengruppe Anweisungen, bevor es in den Busch geht. Zu Fuß, wohlgemerkt. Ab jetzt regiert die Zeichensprache. Stretch – knapp zwei Meter groß, braungebrannt, ledergegerbte Haut, Zottelbart, Sonnenbrille und Käppi – hat Witterung aufgenommen. Er verfolgt eine Gruppe ausgewachsener Löwen, deren Spuren er im entlegenen Mana-Pools-Nationalpark von Simbabwe ausgemacht hat.

Mana Pools, übersetzt vier Wasserbecken, ist ein Ensemble diverser Landschaftsformen. Inseln, Sandbänke und Tümpel wechseln sich ab mit trockeneren Gebieten, die Mahagoni- und Ebenholzwälder ebenso aufweisen wie Affenbrotbäume (die berühmten Baobabs) und wilde Feigen. Der Park liegt am Sambesi, steile Klippen begrenzen den Fluss und die Flutebene. In Mana Pools sind mit Büffeln, Elefanten, Löwen und Leoparden vier der „Big Five“ zu finden; lediglich Nashörner fehlen. Hier ist Stretch Ferreira zu Hause.

Der Mann ist eine lebende Legende. Inzwischen 63 Jahre alt, führt der Ex-Soldat und frühere Großwildjäger seit knapp 35 Jahren Safari-Enthusiasten durch die afrikanische Wildnis. Wobei er mit seinem Alter kokettiert. „Schau den Bart an, der ist nicht grau, das ist alles nur Staub“, sagt er und lacht. Wo immer in Simbabwe und im südlichen Afrika der Name Stretch Ferreira fällt, gilt der Mann als Synonym für unvergleichliche Erlebnisse und Abenteuer. Er ist der Gründer von Goliath Safaris, seit 18 Jahren leitet er mit Flo Coughlan am Sambesi das Goliath Safaris Tented Camp, das bewusst einfach gehalten und nur in der Trockenzeit von Anfang Mai bis Ende Oktober geöffnet und zugänglich ist.

Menschen kommen als Freunde

Sechs geräumige Zelte mit jeweils zwei Betten, Waschbecken, Spül-WC und Außendusche müssen reichen – und sie reichen auch. „Ich wollte dieses Camp so natürlich wie möglich halten. Wozu brauche ich einen Swimming-Pool oder anderen Luxus, womöglich sogar noch einen Fernseher, wenn ich im afrikanischen Busch bin?“, fragt er. Strom und elektrisches Licht gibt’s nur stundenweise, Zugang zum Internet überhaupt nicht, die Verbindung mit der Außenwelt bleibt stark eingeschränkt. Nachts streifen Flusspferde und Hyänen durch die nicht eingezäunte Anlage. Wer Goliath Safaris bucht, bucht Natur, Wildnis, Afrika pur.

Stretch ist das Markenzeichen des Camps; außer ihm gibt es keinen, der Besucher so nah zu Fuß an wilde Tiere heranbringt. Er bildet eine Einheit mit dem Busch, der Busch ist sein Leben, Mana Pools ist sein Park, Simbabwe ist sein Land. Ein riesiger Elefantenbulle in Reichweite? Mit Stretch ist das möglich. Auf Du und Du mit einem Rudel Wildhunde? Stretch schafft auch das, denn er spricht die Sprache der Tiere; er weiß, wie sie reagieren, er trifft die richtigen Töne und Laute, um sie zu beruhigen und ihnen klarzumachen, dass die Menschen als Freunde kommen.

Aber auf Tuchfühlung mit wilden Löwen? Ohne irgendeine Barriere zwischen Mensch und Raubkatze? Ohne Sicherheitsvorkehrung in Form eines Grabens oder unüberwindbaren Hindernisses? Nur mit einem Gewehr in der Hand des 63-Jährigen und seines Kollegen Sean Hind, der nicht zuletzt unter Stretchs Ägide ebenfalls zu einem renommierten Guide aufgestiegen ist? Stundenlang geht es durch den Busch. Da, wo andere Safari-Führer aufhören und ihre Gäste im Jeep wieder ins Camp zurückbringen, weil die Spuren der Tiere tief in die Wildnis führen, fängt Stretch erst an. Und läuft zur Hochform auf.

Buschwanderung dauert rund zwei Stunden

„Let’s get serious“ – „Lasst uns die Sache ernsthaft und konzentriert angehen.“ So lautet Stretchs Devise. Also raus aus dem Wagen und rein in das echte, wilde, urtümliche Afrika. In der Tat ist höchste Konzentration beim Spurenlesen angesagt. Schließlich kann sich hinter jedem Busch, hinter jedem Strauch ein Tier verbergen – und nur Stretch und Sean kennen die Verhaltensmaßregeln, die es dann zu befolgen gilt.

Der 63-Jährige schlägt ein hohes Tempo an. Egal ob Busch, Wald, Dickicht, Savanne oder Dornengestrüpp, ob Buckelpisten in Form von getrocknetem Schlamm – nichts kann ihn aufhalten, wenn er sich einmal auf der Fährte eines Löwen befindet. Vorbei geht es an zahlreichen Antilopenarten, an Zebras und Elefanten.

So ist es kein Wunder, dass eine Buschwanderung schon mal zwischen zwei und zweieinhalb Stunden dauert. Und dass leicht und locker zehn Kilometer zurückzulegen sind, wenn die Löwen zwischenzeitlich mal wieder ihre Route geändert haben und die Gruppe an der Nase herumzuführen scheinen.

Löwen in Sichtweite

Irgendwann stoppt Stretch und fährt sich mit der Hand über den Bart. Er muss nachdenken, versucht sich in die Löwen hineinzuversetzen, versucht vorauszusehen, was die Raubkatzen als Nächstes tun werden. „Never give up“ – „Gib niemals auf“: Noch eines von Stretchs Mottos. Ein Tier, das er nicht findet, das gibt es nicht, das würde gegen seine Berufsehre gehen.

Die Spannung steigt mit jeder Minute. Dass zwischenzeitlich mal ein verärgerter Elefant aus dem Gebüsch hervorschießt und die Safari-Gruppe im Eiltempo den Rückzug antreten lässt, macht die ganze Sache nur noch abenteuerlicher. Und dann ist die Spurensuche tatsächlich von Erfolg gekrönt: Die Löwen sind in Sichtweite.

Das aber ist nur die Vorstufe von Gänsehaut und Herzklopfen bis zum Hals. Denn Stretch und sein Kollege Sean geben sich nicht damit zufrieden, die Löwen aufgespürt zu haben. Sie wagen sich auf leisen Sohlen mit ihren Gästen Schritt für Schritt näher, bewegen sich auf die Raubkatzen zu, die ihre Verfolger längst erspäht haben.

15 Meter von Löwen entfernt

Je geringer der Abstand wird, desto deutlicher werden das Fauchen und die Drohgebärden des „Königs der Tiere“. Stretch lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken, geschweige denn einschüchtern. Er weiß genau, wie weit er gehen kann – im buchstäblichen Sinn des Wortes. 20 Meter vor den Löwen schiebt er seine „Schützlinge“ einzeln noch jeweils fünf Meter weiter nach vorn, bedeutet ihnen durch Gesten und Mimik, dass sie sich absolut still verhalten, sich nicht schnell bewegen und sich hinsetzen, hocken oder legen sollen – alle nebeneinander.

Es mögen gut fünf oder sechs Minuten sein, die vergehen, ohne dass die Raubkatzen zur Attacke übergehen. Ganz im Gegenteil: Es passiert das, was Stretch der Gruppe in Form von Zeichen bedeutet hat. Die Löwen verlieren irgendwann das Interesse, drehen ab und verschwinden im Dickicht. Der 63-Jährige kann seinen Stolz nicht verbergen. „Im Auto kann jeder die Löwen aus der Nähe beobachten. Aber zu Fuß, bei einer Wanderung durch den Busch, das ist die einzig wahre Art, Löwen aufzuspüren und ihnen wirklich nahezukommen“, erklärt er im Brustton der Überzeugung.

Und noch etwas liegt ihm nach vielen Jahren, in denen der Tourismus aufgrund der politischen Lage in dem südafrikanischen Land am Boden lag, am Herzen: „Danke, dass ihr nach Simbabwe gekommen seid; danke, dass ihr nach Mana Pools gekommen seid“, sagt er und ergänzt: „Sagt euren Landsleuten, dass sie Simbabwe wieder gefahrlos besuchen können und dass die Menschen hier sehr freundlich und zuvorkommend sind.“