Gewerbegebiet von Dransdorf: Es führt ein Gleis nach Nirgendwo

Gewerbegebiet von Dransdorf : Es führt ein Gleis nach Nirgendwo

Über die Justus-von-Liebig-Straße rauscht ununterbrochen der Verkehr, auf dem Gelände von Früchte Abels brummen die Motoren der Lastwagen, die mit lautem Zischen Druckluft ablassen. Das Dransdorfer Gewerbegebiet rund um die Justus-von-Liebig-Straße ist kein Platz für Erholungssuchende: Leben, Lärm und Verkehr.

Aber mitten im geschäftigen Treiben liegt ein kaum bekanntes Niemandsland. Wer es betritt, sollte vorbereitet sein. Hans Klein steht auf dem Bendenweg am Kofferraum seines Kleinautos und wechselt die Sommersandalen gegen festes Schuhwerk aus. "Blühende Gräser und Socken, das passt nicht gut zusammen", sagt Klein.

Der Leiter der Netzverwaltung bei der Hafen- und Güterverkehr Köln AG (HGK) streift sich die rote Signaljacke über und setzt den Sommerhut auf. Dann geht es los. "Das Gleis hier ist sehr historisch", sagt Klein. Erwähnt sei es bereits 1926. Früher habe dort, jenseits des Bendenweges, das Betriebswerk Dransdorf der Köln-Bonner Eisenbahn (KBE) gestanden.

"Da wurden Dampfzüge repariert", sagt Klein. Von dort habe das Gleis über die heutige Straße zur damaligen Staatsbahn geführt. Ein Teerstreifen auf der Straße und ein Durchbruch in der Betonmauer lassen die Gleisführung bis heute erkennen. Später habe die KBE das Areal um den Bahnhof Bendenfeld, so hieß der Bereich, an die Stadt Bonn verkauft.

Da die Räder von Straßenbahnen aber nicht auf Eisenbahnschienen passen, und umgekehrt, habe die weitere Nutzung keinen Sinn ergeben. Das Gleis wurde zurückgebaut. Die KBE, das war laut Klein der Vorgänger seines Arbeitgebers: Die HGK setzt sich aus der ehemaligen KBE, der Köln-Frechen-Benzelrather Eisenbahn sowie der Eisenbahn der Häfen der Stadt Köln zusammen.

[kein Linktext vorhanden]"Seit ungefähr Ende der 80er Jahre ist das hier sich selbst überlassen", sagt Klein. Offensichtlich. Auf den ersten Metern ist kaum ein Durchkommen. Schienen sieht man überhaupt keine mehr, sie liegen unter den fast schulterhohen Brombeerranken. Kleins geübte Eisenbahneraugen sehen aber mehr als Ranken: "Ein alter Verteiler", sagt er plötzlich. "Mit Ameisen."

Erst nach rund 200 Metern in Richtung Justus-von-Liebig-Straße sieht man die Gleise. 1974 wurde die Brücke laut Klein gebaut, als die Justus-von-Liebig-Straße tie-fergelegt wurde. "Bis dahin führten die Gleise über die grüne Wiese." Noch bis in die 80er Jahre seien Züge über die Brücke gefahren. "Die Schienen sind eigentlich fabrikneu." Metalldiebstahl sei kein Thema.

"Naja, der Meter wiegt 89 Kilo. Aber da vorne, da waren sie zugange", sagt Klein. Rechts der Gleise liegt ein rotes Hochspannungskabel - hoch spannend, weil Kupfer drin steckt, besser: steckte. Das schwarze Informationskabel daneben hingegen war uninteressant für die Diebe. Klein zeigt auf den Schrebergarten.

"Außerdem gibt es hier ja noch eine gewisse Sozialkontrolle, deswegen entwickelt sich das nicht ganz so wild." Er schiebt den Sonnenhut in den Nacken und wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Aber Brombeeren fühlen sich hier sehr, sehr wohl", brummt Klein halblaut.

Stichwort Wohlfühlen. Wie sieht es auf so einem verlassenen Areal eigentlich mit Tieren oder Pflanzen aus, ist das nicht ein interessantes Rückzugsgebiet? "Bringen Sie bloß niemanden auf dumme Gedanken", meint Klein. Nicht ganz ernst gemeint. Denn paradiesische Zustände seien das wohl nicht.

Auf heißem Asphaltschotter würden sich Eidechsen wohlfühlen, beim Rundgang lässt sich jedoch keine blicken. Die HGK will das Gelände verkaufen. "Im Herbst wollen wir einen Stilllegungsantrag stellen", sagt Klein. Seit einem Jahr werde das vorbereitet. "Zunächst muss man Interessenten die Möglichkeit geben, sich zu bewerben", sagt Klein. Sollte das scheitern, soll verkauft werden.

Die Stadt Bonn will das nicht, sie hat ein Veto eingelegt. Sollte es zum Verkauf kommen, würde die HGK die Schienen verkaufen. "Die haben mit Sicherheit einen Wert", sagt Klein. Die alten Holzbohlen müssten allerdings verbrannt werden. Doch noch ist das Zukunftsmusik.

Noch liegen die alten Bohlen in der Sonne und dünsten den nach Teer riechenden, stechenden Geruch von Carbolineum aus. Die Luft flimmert auf dem heißen Asphaltschotter, die Heuschrecken rascheln und zirpen, und ab und zu rauscht ein Zug der Deutschen Bahn auf den parallel verlaufenden Gleisen vorbei. Es geht an einem Stellwerksgebäude aus den 60er Jahren entlang.

Links führen die Gleise durch Tannenbusch bis Hersel. Immerhin 4,7 Kilometer lang ist die Strecke von Hersel nach Bonn. Rechts geht es über die zweite Eisenbahnbrücke ein zweites Mal quer über die Justus-von-Liebig-Straße und die Schienen der Linie 18 in Richtung Bonner Bahnhof. "Gehen Sie besser über die Träger", sagt Klein.

Zwar wird die Strecke regelmäßig kontrolliert - alle drei Jahre gibt es eine Nebenprüfung, alle sechs Jahre eine Hauptprüfung und jedes Jahr eine Sichtprüfung -, aber sicher ist sicher. Jenseits der Brücke ist das Gelände leichter zu passieren, Brombeeren wachsen keine, lediglich ein paar Birken und der allgegenwärtige Sommerflieder. "Das ist eines der kleinen Geheimnisse der Welt", sagt Klein.

Was genau? "Dass hier nichts wächst. Warum wächst hier nichts?" Die Antwort liefert der Eisenbahner gleich mit. "Ich vermute, dass hier in früheren Jahren Sachen gespritzt wurden, die nicht unbedingt gesund waren." Und doch gedeihen hier Pflanzen, die auch Klein sprachlos werden lassen. In Blumentöpfen auf den Bohlen stehen fein säuberlich aufgereiht Cannabispflanzen.

Neben den Gleisen hat der unbekannte Gärtner Löcher in den Schotter gebuddelt, Blumenerde hineingeschüttet und noch mehr Cannabispflanzen gesetzt. Daneben liegt eine blaue Gießkanne und ein blaues Schäufelchen. Die hüfthohen Pflanzen gedeihen offensichtlich sehr gut. "Da kriegst du doch 'nen Föhn", raunt Klein. Zückt das Handy und ruft die Polizei.

Das kaum bekannte Niemandsland. Einige wissen seine Vorzüge offensichtlich zu schätzen.

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