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Naturpark Eifel: Die Wachendorfer Kapelle ist Wahrzeichen wider Willen

Naturpark Eifel : Die Wachendorfer Kapelle ist Wahrzeichen wider Willen

Es liegt schon das 17. Gästebuch in der Bruder-Klaus-Kapelle aus. "Ich bin hier zur Ruhe gekommen. Was für ein Licht", hat eine Norwegerin auf das gelbliche Papier gekritzelt. Sie meint das Licht in der Wachendorfer Feldkapelle. Geplant als Ort der Stille, hat es das Bauwerk auf freiem Feld im Naturpark Eifel mittlerweile zu einer gewissen Berühmtheit gebracht.

An manchen Tagen kommen gleich mehrere Busse ins Örtchen, folgen den Hinweisschildern bis zum Parkplatz vor dem Fußballfeld. Von dort ist es noch ein kurzer Fußmarsch zur Kapelle, die weithin sichtbar wie ein Monolith im grünen Gras thront. Aus der Ferne wirkt das Gebäude eher wie ein Bunker, ein hölzerner Wehrturm oder wie jener Steinblock, der schon in Kubricks "Odyssee im Weltraum" für Verwirrung sorgte.

Der zwölf Meter hohe Turm in der Eifel ist aus Beton. Genauer: aus 24 Schichten eines Betons, der sich aus heimischem Flusskies, rötlichem Sand und weißem Zement zusammensetzt. "Die Kapelle ist ein Glücksfall für die Region", sagt Thomas Schiefer. In den ersten Jahren nach der Eröffnung (2007) gab es aber zunächst viel Unruhe im Dorf.

Schiefer, "Chef-Stadtentwickler" in Mechernich, fühlt sich zuständig für die Touristenattraktion im Ortsteil Wachendorf. Die Stadtverwaltung habe damals als Genehmigungsbehörde viel Prügel bezogen. Die Bewohner nervte das zunehmende Besucherinteresse. Die Architektur polarisierte, die dörfliche Eintracht war empfindlich gestört.

Mittlerweile haben sich die meisten Eifler mit der Privatinitiative von Hermann-Josef Scheidtweiler arrangiert. Ihm gehören die Felder oberhalb von Wachendorf. Er war es, der fast zufällig auf den Architekten Peter Zumthor stieß, der gerade den Wettbewerb für das Diözesanmuseum Kolumba in Köln gewonnen hatte. Es dauerte dann noch eine ganze Weile bis Zumthor zusagte, die Kapelle entwarf, baute und unter großem Medieninteresse im Frühjahr 2007 fertigstellte.

Spätestens am Tag der Weihe muss Scheidtweiler gedämmert haben, welche Attraktion er da zusammen mit dem Stararchitekten aus der Schweiz in die hügelige Landschaft gesetzt hatte. Als "Dank für ein gutes Leben" gedacht und zum Lob des heiligen Nikolaus von Flüe, genannt Bruder Klaus, Mystiker und Einsiedler in den schweizer Alpen, errichtet, wurde die Kapelle schnell zum Wallfahrtsort. Für fromme Pilger. Und Liebhaber moderner Architektur.

Heute reagiert Scheidtweiler schroff auf Anfragen, will Berichte am liebsten unterbinden. Gleichzeitig wirbt die Stiftung, mittlerweile Besitzerin der Einrichtung, im Internet (www.feldkapelle.de) für das neue Wahrzeichen. "Da hat wohl jemand unterschätzt, welchen Sog ein derartiges Projekt auslöst", sagt Stadtplaner Schiefer. Ob gutes Wetter oder Regen, um die Kapelle sei immer etwas los. Gerne würde die Stadt einen Betreiber für ein geplantes Bistro am Parkplatz finden, auch um das leidige Toilettenthema in den Griff zu bekommen. Die Baugenehmigung liegt vor, aber bislang gibt es keinen Interessenten.

"Wir haben alle Zeit der Welt." Die ältere Dame hat es sich mit ihrem Mann auf dem kleinen Bänkchen in der Kapelle bequem gemacht. Sie suchen Stille in einem Raum, der schon mit drei oder vier Personen überfüllt ist. "Fotografieren verboten" steht auf einem Schild. Kerzen flackern. Die Mittagssonne an diesem heißen Augusttag wirft messerscharfe Linien ins Halbdunkel.

Man könnte meditieren, wäre da nicht die schwere Eingangstür aus Stahl, die sich im Rücken immer wieder öffnet, um neue Besucher einzulassen. In extremem Kontrast zur Außenhaut der Kapelle wähnt man sich hier in einer archaischen Höhle. Zumthor hatte den kleinen Innenraum zunächst mit Baumstämmen geformt, die er in Zeltform aufstellte und von außen mit Beton umgoss. Er hantierte mit Feuer, schwärzte Flächen, entfernte die Stämme wieder und schaffte eine einmalige Stimmung. Passt die Kapelle auf das Feld in der Eifel?

Sie passt. Ebenso wie Zumthors Kunsthaus nach Bregenz oder seine Therme in die Berglandschaft von Vals. "Wir sind heute stolz auf die Kapelle", sagt Thomas Schiefer. Die Stimmung kippte, weil auch Prominente vorbeischauten. Das gefiel vielen Wachendorfern. "Ministerpräsident Rüttgers zum Beispiel, der als Pilger Station machte", erinnert sich Schiefer. Erst vor wenigen Tage haben sich Beschäftigte eines Frankfurter Architekturbüros mit zwei Bussen angekündigt. Sie werden ihren Ausflug nach Wachendorf nicht bereuen. Stille finden sie wohl nicht.

Der Architekt

Peter Zumthor wurde 1943 in Basel geboren. Für sein Lebenswerk erhielt der gelernte Möbelschreiner im Jahr 2009 den bedeutendsten Architekturpreis, den Pritzker-Preis. Der Schweizer gilt als detailversessen und stur. Er erhielt für seine vergleichsweise wenigen Werke viel Zustimmung, musste mit dem Abriss des Rohbaus des NS-Dokumentationszentrums "Topografie des Terrors" in Berlin aber auch eine schmerzliche Erfahrung machen. Das Projekt war finanziell und zeitlich aus dem Ruder gelaufen.