Neo-Western: Schonungsloser Film in der Kölner Filmpalette

Neo-Western : Schonungsloser Film in der Kölner Filmpalette

Neu im Kino: Damian John Harpers schonungsloser Neo-Western „In The Middle Of The River“ überzeugt. In Köln in der Filmpalette.

Zuerst hört man nur hechelnden Atem. Dann sieht man den jungen Mann auf der miesen Toilette, panisch, wütend. Er kippt sich ein paar Tabletten und etwas Wasser in den Mund, prügelt kurz danach mit bloßen Fäusten den Papierspender von der Wand. Draußen hört er einen Streit, rennt auf den lokalen Gangsterboss Trigger Finger zu und setzt ihn mit Kopfstößen außer Gefecht.

Kein Zweifel, Gabriel, der gezeichnete Irak-Veteran, ist wieder daheim. Zurück in New Mexico, im armseligen Kaff am Rand des Navajo-Reservats. Dort also, wo seine Schwester Naomi verschwand und tot gefunden wurde, wo seine indianische Freundin Dana (Nikki Lowe) längst nicht mehr auf ihn wartet und wo sein versoffener Großvater die verunsicherte Restfamilie tyrannisiert.

Dieser Film beschleunigt nicht, sondern steigt gleich auf Höchstdrehzahl ein: Die zittrige Handkamera hat meist sogar Mühe, den zornigen Männern zu folgen, diesen Testosteron- und Adrenalinbomben, die stets kurz vor der Detonation stehen. Gabriel träumt zwar von einem anderen Leben, doch noch hetzen ihn seine inneren Dämonen in eine Spirale aus Rachsucht und Hass.

Handlung unberechenbar

Damian John Harper hat „In The Middle Of The River“ nicht nur äußerst authentisch geschrieben, sondern auch druckvoll inszeniert. Selbst die Innensequenzen beim Abendessen oder Fernsehen vibrieren geradezu vor nervöser Energie.

Jederzeit kann hier eine Hand ausrutschen. Auch ins Gesicht der Navajo-Großmutter, die ihren wilden Gatten dennoch auch gegen den Enkel verteidigt. Letzterer ist sich lange nicht sicher, ob Trigger Finger oder eben der Großvater für Naomis Tod verantwortlich sein könnte. Und da hier alle bewaffnet und meist auch berauscht sind, droht das Drama zu eskalieren.

Der Regisseur schont weder seine Figuren noch die Zuschauer. In engen Bildausschnitten bewegt sich die Handlung so unberechenbar wie ein gereizter Pitbull ohne Maulkorb. Ruhe kehrt eigentlich nur dann ein, wenn Bogumił Godfrejóws Kamera zwischendurch auf den nebligen, stoisch dahinströmenden Fluss blickt. Obwohl das Ganze einem Neo-Western mit Thrillerelementen gleicht, meidet Harper die Klischees des Genrekinos. Dafür leuchtet er die tristen Verlierermilieus unerbittlich aus. Gabriels junger Bruder Ishmael etwa will seine Minderwertigkeitskomplexe in einer Jungnazi-Gang loswerden, die Jagd auf Mexikaner und Indianer macht. Nein, die Deklassierten sind hier keine edlen Armen, sondern größtenteils höchst unangenehme Gestalten.

Viele Laiendarsteller sowie unverbrauchte Schauplätze sorgen für den porentiefen Realismus der Story. Und Eric Hunter zeichnet als Gabriel das Oscar-reife Porträt eines Überforderten. Seine Versuche, die kaputte Familie wieder zusammenzuflicken, führen ihn selbst an den Rand jener Brutalität, die er verabscheut. Und erst als er kurz davor steht, seinen Großvater hinterrücks zu erschießen, begreift er, dass dieser Mann in einem anderen Krieg ganz ähnliche innere Verletzungen erlitten hat wie er selbst. Nach all den Amokmomenten gibt es dann doch so etwas wie ein winziges Schlupfloch für Verständnis, vielleicht sogar für Vergebung.

Und seltsamerweise wirkt das in diesem sonst so schonungslosen Film nicht aufgesetzt. Damian John Harper jedenfalls liefert hier einen überzeugenden Beweis für die widerborstige Vitalität des Independent-Kinos.

In Köln in der Filmpalette, Lübecker Straße 15. Telefon: 02 21/12 21 12.

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