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Pädophilie-Drama: „Kopfplatzen“: Max Riemelt in mutiger Rolle

Pädophilie-Drama : „Kopfplatzen“: Max Riemelt in mutiger Rolle

Leichten Herzens nähert sich wohl kein Filmemacher dem Thema Pädophilie: Regisseur Ceviz und Hauptdarsteller Riemelt liefern eine beeindruckende Innenschau.

„Kopfplatzen“ nimmt sich eines schwierigen Themas an: Es geht um Pädophilie. Anders als in vielen Kinowerken zum Thema aber, geht es hier fast ausnahmslos um die Gefühlswelt des Pädophilen selbst, kaum um potenzielle Missbrauchsopfer.

Die von Max Riemelt („Freier Fall“, „Die Welle“) mit so reduzierten wie zugleich sehr eindringlichen darstellerischen Mitteln verkörperte Hauptfigur ringt über die gesamte Länge des Dramas mit ihrer Sexualität.

Dieses beeindruckende Spielfilmdebüt von Regisseur Savaş Ceviz sollte eigentlich am 2. April in die Kinos kommen. Wegen der Corona-Krise musste der Verleih Salzgeber jedoch umplanen und startet nun eine Online-Reihe, in der fortan jeden Donnerstag ein neuer Film präsentiert werden soll. Den Auftakt macht „Kopfplatzen“, der nun (am 2.4.) seine Video-on-Demand-Premiere feiert.

Markus ist ein allein stehender Endzwanziger, attraktiv, Architekt, seine Wohnung stilvoll eingerichtet. Markus aber, das verbirgt der Film keine Minute lang, Markus steht auf kleine Jungen: Eine riesige Regalschublade hat er, randvoll gefüllt mit selbst aufgenommenen Bildern teils leicht bekleideter Jungen. Er schaut sich nicht nur regelmäßig im Netz entsprechende Filme an, im Hallenbad fotografiert er Jungs in Badehose. Markus hat keine Freundin, vermittelt nach Außen aber den Eindruck, in einer durchschnittlichen Heterobeziehung zu stecken. Dann lernt er eine neu hinzugezogene Nachbarin kennen. Markus interessiert sich allerdings nicht für Jessica. Seine Blicke gelten ihrem Sohn, dem achtjährigen Arthur.

Für Angehörige von Missbrauchsopfern oder direkt Betroffene dürfte manch ein Moment in diesem Film schier unerträglich sein. Auch als Nicht-Betroffener ist man zuweilen geneigt, den Blick abzuwenden: wenn der Architekt vor dem Computer onaniert, er beim gemeinsamen Baden Arthur einseift. Es kommt zu keinem wirklichen Übergriff in diesem Film. Immer wieder aber steht Markus, der zunächst beim Hausarzt, dann beim Therapeuten Hilfe sucht, kurz davor.

Großartig, wie der 36-jährige Riemelt den Kampf, den Markus in seinem Kopf auszutragen hat, mit knappen Gesten auf die Leinwand bringt. Regisseur Ceviz gelingt es, Mitleid, ja Sympathie für Markus zu erzeugen, ohne die Schwere eines möglichen Missbrauchs je auch nur ansatzweise zu verharmlosen. „Was soll das heißen“, fragt Markus seinen Therapeuten voller Verzweiflung, „dass ich ein Leben lang keinen Sex habe?“. Riemelts Figur scheint innerlich zu kollabieren in diesem Augenblick der Erkenntnis. Derweil nimmt man als Zuseher eine weitere Kurve in dieser Achterbahn von einem Film. Es ist diese Ambivalenz, die „Kopfplatzen“ trägt, das Werk so schwer erträglich und auf besondere Art mutig macht.

"Kopfplatzen" im Salzgeber Club