Die letzten Tage

Mehr als 50 000 Interviews mit Überlebenden der Shoah hat die von Steven Spielberg gegründete "Survivors of the Shoah Visual History Foundation" seit 1994 geführt. Alle Befragten äußerten sich auf Video nach dem selben Schema.

Sie gaben Auskunft über ihr Leben vor, während und nach dem Holocaust.

Nun kommt mit James Molls "Die letzten Tage" der erste Dokumentarfilm in unsere Kinos. Der Film vereint die Gespräche von fünf ungarischen Überlebenden des Holocaust, die nach dem Krieg in den USA eine neue Heimat und damit eine neue Lebensperspektive gefunden haben.

Das Schicksal der ungarischen Juden verdeutlicht noch einmal auf eindringliche Weise die Priorität der Judenvernichtung für die Nazis, der sie sogar rein militärische Kriegsziele unterordneten.

1944 war der Krieg für die Nazis schon unwiderruflich verloren, trotzdem mobilisierten Hitlers Schergen noch einmal gewaltige Kräfte, nicht um die eigenen Leute zu verteidigen, sondern um auch in Ungarn die Juden zu verfolgen und zu vernichten.

Regisseur James Moll verfolgt diesen fast schon absurden Akt der Barbarei anhand der fünf Zeugenaussagen. Ohne eigenen Kommentar lässt er die Überlebenden berichten.

Zuerst in ihrer neuen amerikanischen Heimat, später führt der Film sie, zumeist in Begleitung von Familienangehörigen, an die Orte ihrer ungarischen Kindheit und die Orte des Leidens, der Vernichtungslager zurück.

Beigefügt wird diesen Berichten historisches Filmmaterial aus jenen "letzten Tagen". Darunter befinden sich auch bisher unveröffentlichte, erschütternde Bilder von der Befreiung der Lager.

Leider versäumt es der Film, seinen historischen Aufnahmen Datum oder Ortsangaben beizufügen. Die fahrlässige Behandlung des Archivmaterials degradiert den Dokumentarfilm zum gut gemeinten Betroffenheitskino.

Von der Konsequenz und analytischen Klarheit andere Filme über den Holocaust ist diese emotionale Aufarbeitung weit entfernt. Zudem bleibt bei dieser Dokumentation der Eindruck, Steven Spielbergs Shoah Foundation hätte sich bei der Auswahl der Zeugen bewusst solche herausgegriffen, die perfekt ins amerikanische Klischee passen.

Ihre Viten wirken, wie bei dem späteren amerikanischen Kongressabgeordneten Tom Lantos, trotz aller Schrecken zu hollywoodgerecht. Die Ungeheuerlichkeit des Holocaust, das Unerträgliche der totalen Vernichtung menschlichen Lebens findet sich hier, eingebettet in amerikanische Erfolgsstorys, reduziert zu einer, wenn auch tragischen, Episode eines langen Lebens.

Die größte Qualität von Molls Dokumentation ist fraglos die, den überlebenden Opfern ein Forum eröffnet zu haben. Aus dem Dilemma, über einen Ort Zeugnis abzulegen, an dem alles unmenschlich und würdelos war, und dabei den Zeugen und Opfern ihre persönliche Würde zurückzugeben, findet der Film nicht heraus.

Die stellenweise extrem harsche Kritik aus dem In- und Ausland an dieser "Spielbergianisierung" des Erinnerns macht deutlich, wie wichtig auch weiterhin eine öffentliche und wissenschaftliche Debatte über die Dokumente des Holocaust ist.

(Film-Kritik aus dem General-Anzeiger)

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