Neu im Kino: "Vom Lokführer, der die Liebe suchte..."

Kino ohne Worte

Bunte BH-Kollektion: Szene mit Paz Vega. FOTOS: NEUE VISIONEN FILMVERLEIH

Bunte BH-Kollektion: Szene mit Paz Vega. FOTOS: NEUE VISIONEN FILMVERLEIH

Veit Helmers Film „Vom Lokführer, der die Liebe suchte...“ kommt am Donnerstag ins Kino. Das Werk verzichtet auf Dialoge und setzt auf die Kraft der Bilder.

Diesen Satz werden Drehbuchautoren nicht gerne hören. „Mit Dialogen zu erzählen ist der einfachste, um nicht zu sagen der primitivste Weg“, hat der deutsche Filmemacher Veit Helmer festgestellt. Sein Credo: „Visuelles Erzählen ist die Kür.“ Gesagt, getan. Helmers neues Werk „Vom Lokführer, der die Liebe suchte...“ verzichtet vollkommen auf das gesprochene Wort. Helmer, der zusammen mit Leonie Geisinger die märchenhafte Geschichte des aserbaidschanischen Eisenbahnmannes Nurlan (Miki Manojlovic) erarbeitet hat, vertraut ganz auf die Körpersprache, Gesten und Blicke seiner Schauspieler, auf ein ausgeklügeltes Sounddesign und die poetischen Berglandschaften Aserbaidschans.

Drehorte waren Khinaliq, der höchste bewohnte Ort in Europa, und das inzwischen abgerissene historische Schanghai-Viertel in Baku. Für Helmer bedeutet der Film eine Wiederbegegnung mit Aserbaidschan. 2008 entstand in der ehemaligen Sowjetrepublik sein Film „Absurdistan“ .

Nurlans Güterzug rollt täglich hautnah an den Häusern der Menschen in Schanghai vorbei. Es kommt vor, dass ihm der Wind ein Betttuch vor die Scheibe weht – oder einen schönen blauen Spitzen-BH. Das Textil verbindet der Lokführer mit einem intimen Blick in ein Haus, in dem sich eine Frau auszog. Nach der Verrentung macht er es sich zur Lebensaufgabe, die Besitzerin des BHs zu finden – und nebenbei, quasi auf Freiersfüßen, seiner Einsamkeit zu entfliehen.

Der durch seine Arbeit mit Emir Kusturica bekannte Miki Manojlovic ist mit seinen sanft-melancholischen Augen wie geschaffen für einen Mann, der unbekannte Frauen dazu bringt, für ihn den BH anzuprobieren. Ein auffordernder Blick, ein „Hm“ und das in eindeutiger Absicht hingehaltene Dessous reichen, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Allerdings nicht bei allen Probandinnen. Ein Großteil der Komik resultiert aus den Widrigkeiten und den sich anbahnenden Konflikten mit unzweifelhaft interessierten Frauen und hartleibigen Ehepartnern, mit denen es der ideenreiche Nurlan zu tun bekommt. Komödienhafte Akzente setzt auch Denis Lavant als Lokführerlehrling, der es genießt, mit Instrumenten, Werkzeugen und Maschinen eine ganz eigene Art von „industrial music“ zu erfinden. Eine überdreht choreografierte Verfolgungsjagd lässt sich überdies als kleine Hommage an den Stummfilm verstehen.

Von der ersten Einstellung an stellt der Film Sehnsucht und Sinnlichkeit aus. Felix Leibergs Kamera beobachtet schöne Frauen dabei, die ihre Büstenhalter aus dem Waschwasser holen, auswringen und an die Wäscheleine hängen. Cyril Morin hat zu diesen Impressionen eine charmante Pianobegleitung komponiert. Als Kontrast kehrt der Lokführer in sein Heimatdorf zurück – in ein dunkles, seine Isolation spiegelndes Haus.

Helmer gelingt es, die verhaltene Wehmut seiner Hauptfigur in den Interaktionen mit Frauen (darunter Paz Vega, Maia Morgenstern und Chulpan Khamatova) und einem kleinen Waisenjungen (Ismail Quluzade) auszubreiten. Er findet einen Weg zu sich selbst – einen Ausweg aus unverschuldeter Einsamkeit. Und das ganz ohne Worte. (Brotfabrik)