Tangas und Diebesgut im Untergrund

Tangas und Diebesgut im Untergrund

Kanalarbeiter der Stadt reinigen zwei Wochen lang mit Hochdruck die Beueler Gullys - Unterwäsche, Geld und Schmuck kommen mit 150 Bar ans Tageslicht - Und manchmal auch ein Gebiss

Beuel. Es ist stockdunkel. Lautes Rumpeln hallt über den Rathausplatz. Orange Blitze rasen über die Häuserwände. Ein Kanaldeckel wird gehoben. Langsam verbreitet sich ein atemberaubender Gestank. Andreas Stolle beäugt kritisch das schwarze Loch. Er greift zu einem Wasserschlauch und reinigt oberflächlich den Eingang zur Kanalisation. Dann zieht er ein gigantisches Rohr herbei und versenkt es im Untergrund. Die Hydraulik kommt zum Einsatz.

"Wie eine Rakete zieht sich das Rohr mit Druck in die Kanäle", erklärt Stolle, Kanalarbeiter der Stadt Bonn. Bis zu 150 Metern kann es sich vorarbeiten. Schmutz wird vom Hochdruckspülwagen aufgesaugt, die Wände werden mit Wasser gereinigt.

"Wir verbrauchen in der Regel kein Trinkwasser. Die aufgenommene Flüssigkeit wird vom Reinigungswagen gefiltert und augenblicklich erneut eingesetzt. Nur in Notfällen, wenn es tatsächlich mal zu trocken ist, haben wir die Möglichkeit, über einen Hydranten zusätzliches Wasser einzuspülen", erläutert er. Vorerst bleibt nur noch zu warten, bis das Gerät seine Arbeit beendet hat.

"Wir spülen mit Hochdruck", sagt Stolle. "Je nach Rohr können wir zwischen 110 und 150 Bar aufbringen." Das entspricht der Leistung von rund 60 Dampfbügeleisen. Bei diesem Druck bleibt nichts liegen. "Durchaus notwendig, wenn man bedenkt, was wir da alles da herausholen", ergänzt sein Kollege Günter Kloß. Erst kürzlich fischten sie auf der Von-Stein-Straße einen Tanga aus dem Kanal. "Ein überraschender Anblick. Er hing einfach am Ende des Schlauches", erinnert sich Stolle lachend. Unterwäsche, Schmuck und Geld gehören zu den üblichen Funden der Kanalreiniger. Manchmal taucht sogar ein Gebiss auf.

"Überlegen Sie mal, wie verdattert Sie schauen würden, wenn dort plötzlich ein Computer auftaucht", meint Kloß. Das Gerät lag tatsächlich in einem großen Rohr auf einem Feld. "Er war trocken und gut eingepackt. Es dürfte sich um Diebesgut gehandelt haben", mutmaßt er. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Kloß ist schon seit zehn Jahren dabei. "Es ist ein Job wie jeder andere. Oft sogar richtig spannend und interessant. Wir haben in Bonn Rohre, durch die locker ein Auto passt."

Alle zwei Jahre gehen sie auf Nachtschicht. "Denn wir müssen mancherorts auf Busse, Bahnen und Autos Rücksicht nehmen. Die Anwohner werden von der Stadt gut informiert. Beschwerden gibt es so gut wie keine", sagte Stoll. Zügig ziehen sie die Hydraulik heraus. Der Gully wird geschlossen, und es geht zum nächsten. Bis sechs Uhr in der Frühe.

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