Todesfall von Ahlem Dalhoumi aus Beuel: Zwei Polizisten stehen unter Mordverdacht

Todesfall von Ahlem Dalhoumi aus Beuel : Zwei Polizisten stehen unter Mordverdacht

Zwei Polizisten sind am Mittwoch gegen 14 Uhr Ortszeit im tunesischen Kasserine festgenommen worden, weil sie "unter dringendem Tatverdacht" stehen, am Tod der am 23. August 2014 erschossenen Frauen Ahlem und Ons Dalhoumi schuld zu sein.

Ahlem, die in Beuel lebte, und ihre Cousine Ons wurden durch zwei Schüsse getötet, nachdem Polizisten auf ihr Auto gefeuert hatten. "Wir sind erleichtert, es ist ein Fortschritt. Doch wir können nicht heulen und nicht lachen", sagt Tante Aziza Dalhoumi, die sich mit der Familie seit dem Unglück für die Aufklärung des Falls einsetzt.

Die Mitteilung aus Tunesien erreichte die Bonner und ihren Rechtsanwalt Michael Hakner überraschend. "Seit September betreue ich die Ermittlungen, immer wieder hatten wir das Gefühl, dass wir gegen eine Wand rennen. Es ging einfach nicht weiter", sagt Hakner von der Bonner Kanzlei Aretz und Hakner.

Man habe Anfragen an das tunesische Konsulat in Bad Godesberg und den Generalkonsul gestellt, aber erst nach mehrmaligem Nachhaken eine Antwort erhalten. Auch in Kasserine hätten sich die Untersuchungen schwierig gestaltet. Mehrmals seien die Mandate der an den Untersuchungen Beteiligten niedergelegt worden. "Nach Gründen zu suchen, ist reine Spekulation", so Hakner.

Es sei möglich, dass durch die Wahlen in Tunesien die Ermittlungen in den Hintergrund geraten seien. Auch Korruption könne es gegeben haben, weil das Land sich erst vor Kurzem nach dem arabischen Frühling von einem Polizeistaat zu einer Demokratie gewandelt habe. "Oder es hat einfach lange gedauert, weil der Fall so komplex ist", sagt Hakner. Niemand ermittele gerne gegen Polizisten.

Mittlerweile hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass die Bonner Staatsanwaltschaft für die Aufklärung auf deutscher Seite zuständig ist. Ahlem Dalhoumi studierte Jura in Bielefeld, weshalb die dortige Staatsanwaltschaft ebenfalls den Fall hätte übernehmen können. "Aber die Familie lebt in Bonn, hier laufen alle Informationen zusammen", so Hakner. Weitere Unterstützung gab es vom Weißen Ring Bonn, der Kontakte für die psychologische Betreuung vermittelte.

Das Schriftstück des tunesischen Innenministeriums habe am Mittwoch vom Arabischen ins Deutsche übersetzt werden müssen, so Hakner. Darin stehe, dass zwei Männer namentlich festgenommen wurden. Sofern sich der Verdacht erhärten würde, erhebe man Anklage wegen Mordes gegen die Polizisten. Auch gegen weitere Polizisten wird von den tunesischen Behörden ermittelt. Dass eine ganze Gruppe an der Schießerei beteiligt war, kristallisierte sich schon Ende Oktober heraus. Damals waren in einem weiteren Schreiben insgesamt elf Polizisten aufgelistet.

In Kasserine herrschte gestern wegen der Verhaftung Ausnahmezustand. Die beiden Polizisten wurden laut Innenministerium von Spezialeinheiten inhaftiert. Daraufhin zogen deren Kollegen und Angehörige vor das Amtsgericht und forderten die Freilassung der Männer. Die Spezialeinheit löste den Tumult auf und riegelte das Justizgebäude ab. Auch die Verwandten und Freunde der Familie Dalhoumi gingen auf die Straße, um "Gerechtigkeit zu fordern", wie Arbia Dalhoumi sagte.

Ahlem (24) und Ons Dalhoumi (18) waren am 23. August 2014 an einer Straßensperre in Kasserine von der Polizei erschossen worden. Laut Schilderung der Polizisten ereignete sich der Zwischenfall, als die beiden Frauen in einem Auto mit hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen seien und man sie aufgefordert habe, anzuhalten. Ahlem Dalhoumi und ihre Cousine sollen aber weder auf Signale noch auf Warnschüsse reagiert haben. Schließlich hätten die Sicherheitsbeamten geschossen, weil sie in dem Auto Terroristen vermuteten.

Die Familienangehörigen von Ahlem Dalhoumi widersprechen dieser Darstellung. Die beiden Frauen seien mit zwei weiteren Verwandten und einem tunesischen Mädchen auf dem Heimweg von einer Feier gewesen. Sie seien langsam gefahren, weil der Feldweg von Schlaglöchern übersät gewesen sei.

Das Video zur Demonstration vor dem Amtsgericht in Kasserine ist auf Facebook zu sehen.