NRW-Pilotprojekt zur Bildungsförderung: Zwei Bonner "Talentschulen" im Rennen

NRW-Pilotprojekt zur Bildungsförderung : Zwei Bonner "Talentschulen" im Rennen

Die Karl-Simrock-Hauptschule in Endenich und das Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Plittersdorf bewerben sich für den NRW-Schulversuch. Landesweit bekommen nur 60 Schulen ab Sommer 2019 Unterstützungen.

Wir gehören soziostrukturell zum NRW-Schulstandorttyp 5“, sagt Arndt Hilse. Er leitet die Karl-Simrock-Hauptschule in Endenich und geht auf seinem PC die wichtigsten Kriterien dieses letzten Typs in der Reihe des Bildungsministeriums durch: Der Migrationsanteil der Schüler liegt im Durchschnitt bei 67 Prozent, und mehrheitlich stammen sie aus Familien mit stark unterdurchschnittlichem Einkommen oder mit Bezug von SGB-II-Leistungen für Arbeitssuchende. „Das trifft auf unsere Schule punktgenau zu“, sagt Hilse, um sofort hinzuzufügen: „Trotzdem ist eine Säule unserer Schule, dass sie deutlich mehr Schüler in die Ausbildung bringt als vergleichbare Einrichtungen in NRW.“ Und schon ist Hilse beim Thema Talentschule.

Die städtische Karl-Simrock-Schule bewirbt sich wie auch das Nicolaus-Cusanus-Gymnasium in Bad Godesberg darum, eine von 60 Schulen zu werden, die ab Sommer 2019 in Nordrhein-Westfalen besonders gefördert werden sollen. Beim Überblick über die erforderlichen Kriterien haben er und sein Team sofort gedacht, „die erfüllen wir als Schule für Berufsorientierung doch weitgehend“, sagt Hilse. Seine Einrichtung sehe sich für die 435 Schüler als Lernort, der Kompetenzen für das Leben in- und außerhalb von Schule sowie Kompetenzen fürs Leben nach der Schule vermittele.

Laut Hilse ermögliche man schon jetzt durch das Profil „Berufsorientierung“ eine intensive fachpraktische Vorbildung. Etwa im Zuge der Offenen Lernzeit, also der „OLE-Stunden“ am Mittag, würden die Schüler zunächst unter Anleitung und später eigenständig befähigt, ihre Lern- und Übungsprozesse selbst zu organisieren. Selbsteinschätzung und Selbststeuerungskompetenz würden in diesen Stunden halt bestens geschult.

Auch die Vermittlung von Soft Skills, also sozialer und kommunikativer Eigenschaften, werde bislang schon durch den Klassenrat angebahnt. Hand in Hand gehe das mit einer besonderen kulturellen Bildung. Hilse zählt erstaunliche Kooperationen mit Museen und Theatern sowie musikalische und textilgestalterische Projekte und nicht zuletzt ein attraktives Tanzangebot auf. Innerhalb dessen hat der New Yorker Tanzlehrer Pierre Dulaine auch mit Karl-Simrock-Schülern das 90-minütige Stück „Colours of the rainbow“ in der Josef-Strunck-Halle aufgeführt. Gerade beim Tanztraining hätten die Schüler Werte wie Respekt und Toleranz übernommen.

„Sie haben bei uns gelernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen“

„Als Talentschule mit weiteren Ressourcen könnten wir dieses Schulprofil der kulturellen Bildung weiter ausbauen. Es könnte sich dann durchs gesamte Schulleben hindurchziehen“, hofft der Hauptschulleiter. Die Intensivierung gerade dieses Bereichs sei somit eine schlüssige Ergänzung des bisherigen Bildungsangebotes der Schule. Schließlich nennt Hilse noch zwei Absolventinnen, die zeigten, welche Früchte gute schulische Bildung bringen könne. Aishe und Elvira seien zuvor in einer anderen Schulform gescheitert.

Auf der Karl-Simrock-Hauptschule hätten sie sich dann so viel Selbstwertgefühl erarbeitet, dass Aishe jetzt an der Universität studiere und Elvira das Fachabitur am Berufskolleg geschafft habe. „Sie haben bei uns gelernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen“, sagt Hilse stolz. Als Schulträger steht die Stadt der Karl-Simrock-Schule dabei helfend zu Seite: Demnächst saniert sie die Gebäudehülle energetisch und nimmt eine Innensanierung vor. Zudem ist eine witterungsunabhängige Aufenthaltsmöglichkeit geplant.

Das Nicolaus-Cusanus-Gymnasium (NCG) in Plittersdorf, das auch in den Kreis der Talentschulen strebt, saniert die Stadt Bonn schon jetzt. Zudem schafft sie für die 560-Schüler-Einrichtung per Digitalisierung auch die technischen Voraussetzungen für eine bessere Förderung gerade im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich (MINT). Denn der bildet neben dem traditionell bilingual englisch-deutschen Angebot den zweiten Schwerpunkt am NCG. Im nagelneuen Chemietrakt ordnen Schüler gerade die nächsten Versuche an. „Wir wollen, wenn wir Talentschule werden, unser MINT-Profil weiter stärken“, erklärt Schulleiterin Nicole Auen.

Konzept des „Klassenrats“ soll ausgebaut werden

Bisher habe das städtische Gymnasium die besondere Förderung in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik noch nicht für alle Klassen der Sekundarstufe institutionalisieren können. Mit erweiterten Ressourcen würde das NCG etwa seine entsprechenden Arbeitsgemeinschaften (AG) ausbauen. Auen berichtet begeistert von der AG „MINT Fit“, in der fächerübergreifend an der Lese- und die Experimentierstrategie der Gymnasiasten gearbeitet werde. Auch die „Naturforscher AG“ sei es unbedingt wert, erweitert angeboten zu werden. „Schülerinnen und Schüler lernen hier, eigenständig kleine Projekte zu planen und auszuführen.“

Sofort fällt Auen eine besonders erfolgreiche „Naturforscherin“ ein: Beata aus der Jahrgangsstufe 12. Die habe vor Jahren in der Forscher-AG „den Dreh“ bekommen, sich von ihren Vieren und Fünfen der fünften Klasse zur selbstbewussten Einserschülerin zu entwickeln. Inzwischen nimmt Beata sogar an bundesweiten Wettbewerben teil. „Ihre anfänglichen Sprachprobleme konnte Beata nicht in ihrem Elternhaus lösen. Das hat sie bei uns durch die Förderung in MINT-Fächern geschafft,“ sagt Auen.

Und dann erläutert sie das Konzept des „Klassenrats“, den das NCG als Talentschule weiter ausbauen wolle. Im Rahmen von sozialem Lernen entwickeln Schüler hier selbst im vom Lehrer begleiteten Gespräch Lösungsansätze für ihre Probleme. Auen erzählt über das vom Lions Club finanzierte Programm „Lions Quest: Erwachsen werden“, ein Präventionsprojekt, bei dem Konfliktvermeidung und -bewältigung eingeübt werden.

Kontingent der Schulsozialarbeiterin müsse erweitert werden

Und die Schulleiterin hebt die wichtige Rolle der Schulsozialarbeiterin heraus, deren Kontingent von bisher nur drei Stunden pro Woche müsse am NCG auf jeden Fall erweitert werden. „Uns fehlt bisher eine kontinuierliche umfangreiche Schulsozialarbeit, die es ermöglicht, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern ausreichend auch über den Unterricht hinaus begleiten zu können.“

Denn auch das NCG gehört zum NRW-Schulstandorttyp 5. Auch im Plittersdorfer Gymnasium kann von einem hohen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund sowie von vielen Kindern aus Familien mit stark unterdurchschnittlichem Einkommen ausgegangen werden. „Schön, dass genau diese Kinder in Talentschulen besonders gefördert werden sollen“, sagt Auen.

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