Stadtspaziergang durch Bonn: Zurück in die Zeit, als Bonn ein Bollwerk war

Stadtspaziergang durch Bonn : Zurück in die Zeit, als Bonn ein Bollwerk war

Freundlich wurden Besucher nicht empfangen: Jahrhundertelang prägten Stadttore, Türme und Bastionen das Bild Bonns. Im Mittelalter genügte eine einfache Stadtmauer, um die Bürger vor Pfeilbeschuss und ungebetenen Gästen zu schützen. Neue Geschütztechnik machte zu Beginn des 17. Jahrhunderts auch neue Bollwerke notwendig. Von der barocken Stadtbefestigung sind heute nur noch wenige Reste erhalten.

Und die liegen zum Teil sehr versteckt. Doch wer sich auf die Reise in die Vergangenheit begibt, kann Spannendes entdecken. Bei einem Spaziergang zeigt Stadtkonservator Franz-Josef Talbot, wo man Spuren der Festung finden kann und wie der Verlauf von Wällen und Gräben heute noch das Stadtbild prägt.

Start ist an der Beethovenhalle. Sie wurde auf der ehemaligen Bastion St. Michael errichtet. An Fritz-Schröder-Ufer und Wachsbleiche werden zwar die historischen Mauern zitiert, es handelt sich aber nicht um Originalteile. Die Mauern stammen aus dem 19. Jahrhundert. Die Reste der Bastionsbefestigung sind laut Talbot zum Teil unter der Beethovenhalle und den benachbarten Grünanlagen verborgen. Über die Wachsbleiche führt der Spaziergang weiter bis zum Wilhelmsplatz. Als das "Cöllnische Thor", der Übergang zur Landstraße nach Köln, 1825 abgerissen wurde, wurde hier ein ovaler Platz angelegt. Nach rechts führt der Weg in den Annagraben.

Im Annagraben, unterhalb des Landgerichts, kann man noch die Spitze der Sterntor-Bastion mit dem kurfürstlichen Wappen sehen. Wie trutzig die barocke Befestigung tatsächlich war, zeigt das nicht. "Man macht sich heute keine Vorstellung mehr. Der Graben war tiefer, die Mauer höher, und dahinter lag ein Wall aus Erde", erklärt Talbot. Die spitzen Bastionen sind so angelegt, dass von hier aus sowohl der Angreifer beschossen, als auch die Wälle geschützt werde konnten. Die Mauern dienten dabei auch als Befestigung für die großen Erdmassen. Riss trotzdem eine Kanonenkugel ein Loch in die Mauer, sackte der Erdkern nach und verschloss die Lücke. Die alte, mittelalterliche Stadtmauer hätte einem Angriff mit Kanonen nicht standgehalten.

Die Zeit der barocken Stadtbefestigung währte nicht lange. Sieht man von der ersten, partiellen Verstärkung der Befestigungen im Bereich von Stocken- und Sterntor ab, bestand die Festung Bonn nur etwa 50 Jahre. Schon Anfang des 18. Jahrhunderts bekam sie die erste "offene Flanke", als Kurfürst Joseph Clemens sich an der Stelle der südlichen Stadtmauer sein neues Schloss errichten ließ, heute Hauptgebäude der Universität. Der offene Hofgarten auf der einen Seite der Stadt, die Bastionen auf der anderen - das kann man auf einer historischen Karte von 1819 gut erkennen.

Vom Annagraben aus führt eine Treppe unter dem Landgerichts-Neubau hindurch hoch zur Oxfordstraße. Die Öffnung im Gebäude schafft eine Sichtachse zum gegenüberliegenden Florentiusgraben. Doch zunächst gibt beim Stadtspaziergang einen Zwischenhalt auf der Sterntorbrücke. Unter dem Pflaster der gleichnamigen Straße liegt tatsächlich noch die alte Brücke verborgen. Kopfsteinpflaster zeichnet den Verlauf der Brücke nach, die Querbänder zeigen, wo sich die Brückenbögen befinden. Im Untergeschoss der Gaststätte "Himmel und Hölle" ist noch ein Stück der Befestigung zu sehen.

Das sogenannte Sterntor am Bottlerplatz hingegen ist kein Original-Stadttor. Hier wurden lediglich Teile des alten Sterntors, wie zum Beispiel die Kreuzigungsgruppe, mit einem Rundturm der mittelalterlichen Stadtmauer kombiniert. "Es ist ein romantisches Bau-Ensemble, das die Erinnerung an das 1898 abgebrochene Sterntor wach halten sollte", sagt der Stadtkonservator.

Im Florentiusgraben bewegt man sich dann wieder unterhalb der barocken Stadtmauer. Eine Brücke von 1906 ist dort ebenso erhalten wie die Spitze einer Bastion mit kurfürstlichem Wappen. Die historische Mauer wurde Anfang des 19. Jahrhunderts durch schmückende Ziegelelemente ergänzt. Wenn man durch die schmiedeeisernen Tore der angrenzenden Häuser schaut, kann man immer wieder einen Teil Bastionsmauer sehen. Oberhalb liegt der Windeckbunker, der eine überraschend enge Verbindung zur historischen Festung hat. "Die Fassade des Hochbunkers ahmt die Form eines Stadttores oder Turmes nach, damit man ihn bei der Luftaufklärung nicht direkt als modernen Bunker identifizieren konnte", erklärt Talbot.

Am Haus mit der Nummer 10 führt ein öffentlicher Durchgang vom Florentiusgraben über die Bastionsmauer zum Alten Stadthaus am Bottlerplatz. Der Aufstieg ist zwar wegen der Bauarbeiten zum Haus der Bildung zurzeit verschlossen. Man hat von der Treppe aus aber einen guten Blick auf Graben und Mauer.

Beim weiteren Fußweg durch den Florentiusgraben kann man kurz vor der Einmündung zur Münsterstraße rechts noch eine Seltenheit sehen. Hier ist ein Fachwerkanbau erhalten, in dem früher die Toiletten waren. Ursprünglich hatte das um 1875 errichtete Haus lediglich ein Plumpsklo im Hof, mit dem Bau der Kanalisation war dann die Einrichtung von Toiletten auf den einzelnen Etagen möglich.

Der Weg führt nun von der Münsterstraße aus rechts in die Cassius-Bastei. Hier ist im Geschäft "Gallery 2000" ebenfalls ein Stück Bastionsmauer erhalten. Durch Glasfenster in der Passage kann man auf die Mauer hinunterschauen, an der jetzt moderne Kunst hängt.

Das nächste Zeitzeugnis ist vor dem Spielwarengeschäft Puppenkönig im Pflaster von Gangolfstraße und Gerhard-von-Are-Straße eingelassen, wo die Passanten quasi durch Mauern gehen. Seit die Fußgängerzone saniert wurde, kann man hier den Standort eines Wehrturmes und den Verlauf der mittelalterlichen Stadtmauer sehen.

Welche Gräben sich durch die Stadt zogen, wird auch in der Kaiserpassage deutlich. Hier wurde im Zuge der Sanierung ebenfalls ein Stück Stadtmauer freigelegt, der Fahrstuhl führt quasi in die Vergangenheit. "Man kann hier im Gebäude noch gut die Höhensprünge erkennen", zeigt der Stadtkonservator. Eine Tafel erläutert den Aufbau der Stadtmauer. Die Gräben erschwerten übrigens auch den Weg zum 1844 eröffneten Bonner Hauptbahnhof. "Der Bahnhof wurde urspünglich vor der Stadt angelegt", erklärt Talbot. "Man musste über die Wälle laufen oder einen längeren Umweg durch das Neutor in Kauf nehmen." Die Poststraße als Verbindung gibt es erst seit etwa 1890.

Letzte Station des Stadtspaziergangs ist der Alte Zoll, die einzige komplett erhaltene Bastion. Sie wurde schon früh als Aussichtsplattform oberhalb des Rheins genutzt. Zurzeit wird der Alte Zoll saniert und ist verhüllt. Im Inneren verbirgt sich ein gekrümmter Gang, der auf die kriegerische Bedeutung hindeutet. "Die Wege in Festungen sind immer geschlängelt, damit man nicht gerade hindurchschießen konnte", erklärt Talbot. Zum Abschluss des Spaziergangs kann man den Blick auf das friedliche Rheintal genießen. Das Leben hinter hohen Mauern ist Geschichte.

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