Bonner Bilderbogen: Zaungäste der Bonner Republik

Bonner Bilderbogen : Zaungäste der Bonner Republik

Die Düsseldorfer Fotografin Erna Wagner-Hehmke nahm eine Menschentraube vor dem alten Plenarsaal auf. Der Grund für das große Interesse: Es war ein ganz besonderer Tag der Bundesrepublik.

So viel Interesse möchte man auch mancher heutigen Plenardebatte wünschen. Aber zugegeben, es war nicht irgendein Tag, an dem die Düsseldorfer Fotografin Erna Wagner-Hehmke die Menschentraube vor der Fensterfront des alten Plenarsaals antraf.

Denn der 23. Mai 1949 bot mit der Verkündung des Grundgesetzes durch den Parlamentarischen Rat Anlass genug, dem entstehenden Regierungsviertel als Zaungast einen Besuch abzustatten.

Bei einem Teil der Gruppe, die sich an den Scheiben drängte, soll es sich um schwedische Studenten gehandelt haben, die – vier Jahre nach dem Krieg – ein Auslandssemester in Deutschland verbrachten. Vor der früheren Pädagogischen Akademie liefen sie dann offenkundig Erna Wagner-Hehmke über den Weg. Sie hatte den Bonner Politikbetrieb bereits zu einer Zeit begleitet, als dieser noch in den Kinderschuhen steckte. 1948/49 hatte sie die Arbeit des Parlamentarischen Rates auch abseits der offiziellen Sitzungen dokumentiert. Beauftragt hatte sie die nordrhein-westfälische Landesregierung.

Ihre Motive gelten fotohistorisch auch deshalb als besonders, weil Wagner-Hehmke einen Blick für das Geschehen abseits des offiziellen Parketts bewies. Ihrem „weiblichen Blick“ ist beispielsweise ihr Bild von den „vier Müttern des Grundgesetzes“ zu verdanken – Friederike Nadig, Elisabeth Selbert (beide SPD), Helene Weber (CDU) und Helene Wessel (Zentrumspartei), den Frauen unter den Delegierten im Parlamentarischen Rat. Nicht nur Politiker und Journalisten, sondern auch zahlreiche Bonner Bürger zog es am 23. Mai 1949 in die Gronau, und viele von ihnen erinnerten sich noch Jahrzehnte später an das Erlebnis.

Drinnen im Saal beendete Konrad Adenauer als Präsident des Parlamentarischen Rates die Sitzung mit den Worten: „Ich bitte Sie, im Hinblick auf die Bedeutung des Werkes, das wir soeben vollendet haben, nach den Minuten der Erregung jetzt noch einige Augenblicke zusammenzubleiben.“ Tags darauf trat sodann das Grundgesetz in Kraft.

Die einzigartigen Fotos von Erna Wagner-Hehmke überdauerten die Zeit und lagern heute wenige Hundert Meter vom damaligen Geschehen entfernt: im Bonner Haus der Geschichte. Das Museum hatte Ende der 1980er Jahre etwa 4000 Fotografien von Wagner-Hehmke in seine zeithistorische Sammlung übernommen.

Das abgebildete Foto ist eines von 400 Bildern, die in dem neuen Buch „Bonn. Von der Rheinreise zu den Ostverträgen. Fotografien 1850 bis 1970“ enthalten sind. In mehreren Folgen stellen wir ausgewählte Motive aus der Sammlung vor. Das Buch aus dem Greven-Verlag kostet 39,90 Euro und ist in den GA-Zweigstellen erhältlich. Mehr Fotos von Erna Wagner-Hehmke und viele erklärende Texte gibt es außerdem im Internet auf der Seite www.parlamentarischerrat.de.

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