Interview mit neuem Stadtdechanten: Wolfgang Picken: Innenstadtkirche bietet große Chancen

Interview mit neuem Stadtdechanten : Wolfgang Picken: Innenstadtkirche bietet große Chancen

Zum 1. März wird Pfarrer Wolfgang Picken neuer Stadtdechant von Bonn. Vorgänger Wilfried Schumacher war im Mai im Zuge der Finanzaffäre am Bonner Münster zurückgetreten. Im Interview spricht der bisherige Leiter des Seelsorgebereichs Bad Godesberg über die neue Aufgabe.

Wie gehen Sie an den Wechsel ins Bonner Münster heran?

Wolfgang Picken: Wenn man die Aufgaben hier so kurzfristig hinter sich lässt, ist es wichtig, dass man das gut vorbereitet. In den nächsten Wochen werde ich alles daran setzen, dass mein Team die Arbeit gut weiterführen kann. In Bonn werde ich Kontakt zu den Gremien und Ansprechpartnern aufnehmen.

Die Münsterpfarrei hat keinen Pfarrgemeinderat mehr, die Kirche ist geschlossen, die Gemeinde schrumpft. Was ist nötig, um dort etwas zu bewegen?

Picken: Ich glaube, dass eine Innenstadtkirche wie das Bonner Münster – auch wenn es zurzeit geschlossen ist – große Chancen bietet. Die Kirche ist mir ja sehr vertraut, auch wenn meine Tätigkeit dort schon etwas her ist. Ich habe erlebt, dass die Menschen dort sehr aktiv waren und das Münster Menschen anzieht. Es braucht natürlich einen Neustart, wenn eine Kirche lange geschlossen ist. Aber ich könnte es nicht besser antreffen als in Bonn, wo der Mittelpunkt der Innenstadt das Bonner Münster ist und viele nach geistlicher Heimat suchen.

Ein Problem waren die defizitären Einrichtungen rund ums Münster. Haben Sie schon eine Idee, was man aus dem Münster-Carré und dem ehemaligen Münsterladen machen könnte?

Picken: Ich glaube, es gibt bereits Überlegungen. Ich muss mir erst mal seriös einen Eindruck darüber verschaffen, was genau vorher gemacht worden ist und woher die Defizite kamen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man so eine Superlocation wie das Bonner Münster mit Kreuzgang und Carré nicht als Anziehungspunkt für die Stadt gestalten kann. In Bad Godesberg bin ich aber doch zu weit vom Münster weg gewesen, um sofort ein Konzept aus der Tasche ziehen zu können.

Inwieweit werden Sie in die Aufarbeitung der Finanzaffäre eingebunden sein?

Picken: Die Vereinbarung mit dem Erzbistum ist ganz klar, dass ich mich um die Finanzaffäre nicht kümmern werde. Das muss Köln regeln. Ich werde als Pfarrer dafür sorgen müssen, dass die Münsterpfarrei wieder solide finanziert ist. Dabei hoffe ich, dass sich das Erzbistum meine Worte zu Herzen nimmt: Die Gläubigen verantworten die Unregelmäßigkeiten nicht und die Seelsorge darf nicht darunter leiden. Vielleicht haben wir Glück und die Kölner gleichen einen Teil des Defizites aus.

Sie ziehen mitten in die Bonner Innenstadt. Werden Sie Ihr Pfarrhaus am Rhein vermissen?

Picken: Sicher, es ist eines der schönsten Pfarrhäuser im Erzbistum. Ich habe aber auch Bonn immer als lebenswerten Wohnort erlebt. Es hat einen großen Reiz, aus der Tür zu fallen und mitten in der Stadt und mitten im Leben zu stehen. Es ist anders, aber auch besonders.

Man hat den Eindruck, Sie wechseln in eine andere Stadt, weil zumindest kirchlich Bonn und Bad Godesberg in den vergangenen Jahren sehr getrennt waren ...

Picken: Ich bin von Bonn nach Bad Godesberg gegangen und komme jetzt zurück. In meiner Person werde ich versuchen, eine Brücke zu schlagen. Ich nehme diesen Stadtbezirk mit, weil er mir am Herzen liegt. Hier ist ganz viel entstanden und gewachsen. In Bad Godesberg liegt nicht nur viel Potenzial für den Stadtbezirk, sondern für ganz Bonn. Das gilt genauso für den Hardtberg und für Beuel.

Einer Ihrer Aufträge des Erzbischofs ist, die Neustrukturierung der Gemeinden zu koordinieren. Wie gehen Sie das an?

Picken: Ich glaube, dass allen Gemeinden bewusst ist, dass Veränderungen erforderlich sind. Dabei gibt es nicht einen einzigen Weg. Wir müssen individuell schauen, was passt. Dabei ist wichtig, die Leute mitzunehmen, damit später viele das Ergebnis mittragen und mit Leben füllen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Vorgänger Wilfried Schumacher?

Picken: Wir sind uns vor Jahren erstmalig während meines Studiums in Rom begegnet. Er war auf meiner Primiz, also der ersten Messe, die ich als Priester gefeiert habe, und ich war Subsidiar bei ihm. Ich weiß sehr zu schätzen, dass er Charisma und Organisationstalent hat. Egal, was im Zuge der Finanzaffäre aufgedeckt worden ist, Schumacher hat Verdienste um das Bonner Münster, das Stadtdekanat und die Kirche in Bonn. In den letzten Jahren haben wir allerdings nicht viel Verbindung gehabt.

Ist es nicht merkwürdig, wenn Sie quasi die Scherben ihres Vorgängers zusammenkehren müssen und er gleichzeitig mit dem Münster-Bauverein auf Städtetour geht?

Picken: Es gibt eine goldene Regel, dass man einem Nachfolgepfarrer nicht in die Quere kommt und ihn gestalten lässt, wenn man aus einer Aufgabe herausgeht. Ich gehe davon aus, dass Wilfried Schumacher diese professionelle Distanz suchen wird.

Bei Ihren Kritikern haftet Ihnen das Bild des Promipfarrers aus Bad Godesberg an ...

Picken: Dieses Klischee setzt einen kleinen Ausschnitt absolut. Ich habe bestimmte soziale Probleme gesehen und mir dann mit Anderen Gedanken gemacht, wie wir zusätzliche Ressourcen finden, um diese zu lösen. Der Kontakt zu Prominenten war nötig, um mit ihrer Hilfe die vielen Projekte umsetzen zu können. Und die haben gerne mitgemacht. Den Nutzen hatten am Ende alle.

Zum Titel „Wir“ haben Sie kürzlich ein Buch geschrieben. Können Sie jetzt beweisen, was das Wir bewirken kann?

Picken: In Bad Godesberg haben wir im Miteinander extrem viel erreicht. Ich freue mich, das noch einmal in einer größeren Stadtgesellschaft umzusetzen, Netzwerke zu knüpfen und zu schauen, wie wir die Zivilgesellschaft von morgen gestalten können. Ein Problem in Bonn scheint mir, dass man immer wieder gegeneinander arbeitet und deshalb wichtige Projekte nicht vorankommen. Das sollte sich ändern.

Werden Sie eher Moderator sein oder auch Pfarrer?

Picken: Ich möchte kein rein repräsentativer Vertreter der Kirche sein und mich auch nicht ausschließlich auf eine Citypastoral begrenzen. Ich finde es wichtig, auch für die normale Seelsorge, also Taufe, Kommunion und Krankensalbung da zu sein und Hausbesuche zu machen. Den unmittelbaren Kontakt zu den Menschen, die in der Münsterpfarrei wohnen, zähle ich zu meinen Aufgaben.

In Bonn hat die Ökumene bisher gut funktioniert. Wie werden Sie dieses Thema anpacken?

Picken: Man kann nicht vom Wir sprechen, wenn man nicht versuchen würde, mit allen Konfessionen gemeinsam zu überlegen. Ich würde gerne an der guten Erfahrung, die es da gab, anknüpfen.

Bislang geht die Münstersanierung relativ geräuschlos über die Bühne. Hatten Sie da schon Gelegenheit, sich zu informieren?

Picken: Sobald ich etwas Zeit habe, werde ich einen Blick in die Baupläne nehmen. Ich habe großes Interesse daran, dass das gut wird, denn das Münster ist ein Juwel und als spiritueller Ort bedeutsam.

Sie sind auch Politikwissenschaftler. Reizt Sie die räumliche Nähe zur Uni?

Picken: Ja, auf jeden Fall. Kirche muss dringend den Dialog pflegen und auf Menschen zugehen. Dabei spielen Wissenschaft und Kultur eine große Rolle.

Werden Sie Mitarbeiter aus Bad Godesberg mitnehmen?

Picken: Vom Grundsatz her Nein. Ich habe maßgebliches Interesse daran, dass das, was ich hier in 15 Jahren aufgebaut habe, nicht ins Wanken gerät. Ich weiß auch, dass mich am Bonner Münster und im Stadtdekanat viele motivierte Mitarbeiter erwarten.

Haben Sie eigentlich gezögert, die neue Aufgabe anzunehmen?

Picken: Ich habe sehr gezögert, denn ich lasse Menschen, Aufgaben und Projekte zurück. Aber für Bad Godesberg ist es auch eine Chance, dass jemand mit neuen Ideen kommt. Von daher habe ich keine Sorge vor dem Umzug und der Veränderung. Ich freue mich drauf.

Rechnen Sie mit Gegenwind von denen, die mit dem Rücktritt Schumachers nicht einverstanden waren und vom erzwungenen Amtsverzicht sprechen?

Picken: Man wird nie irgendwo anfangen können, ohne dass es Widerstände gibt, das ist normal. Ich will hoffen, dass diejenigen, die traurig, enttäuscht oder wütend darüber sind, dass Wilfried Schumacher gegangen ist, das nicht auf mich projizieren. Damit habe ich nichts zu tun. Ich fange dort neu als Pfarrer an und möchte jeden einladen, der Kirche und Gesellschaft aktiv gestalten möchte, das mit mir zu tun.