Arbeitsstress in Bonner Unternehmen: "Wir wollen mündige Mitarbeiter"

Arbeitsstress in Bonner Unternehmen : "Wir wollen mündige Mitarbeiter"

Mit einer geplanten Anti-Stress-Verordnung will SPD-Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles künftig unter anderem erreichen, dass Arbeitnehmer nicht rund um die Uhr für den Chef erreichbar sind.

Und laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK wünscht sich eine knappe Mehrheit von 52 Prozent der Befragten auch eine rechtlich verbindliche Lösung gegen zu viel Arbeitsstress. Doch wie bewertet man in Bonner Unternehmen diese Pläne?

Dort setzt man eher auf die unternehmerische Verantwortung. Und nach gesetzlichen Regelungen verlangt so gut wie niemand. Auch wenn sich nicht jeder Arbeitgeber so eindeutig äußert wie Kurt-Werner Sikora. "In einer mündigen Gesellschaft brauchen wir nicht mehr Gesetze, die in unser Berufs- und Privatleben eingreifen oder dieses gar einschränken. Was als Schutz gemeint ist, dient in Wirklichkeit der Bevormundung", sagt der Geschäftsführer des Softwareherstellers SER.

Das Unternehmen, das erst vor einem Jahr nach Bonn gezogen ist, hat mit seinen Mitarbeitern eine Vertrauensarbeitszeit vereinbart. Es gibt eine Kern- sowie eine flexible Arbeitszeit. "Wir wollen mündige Mitarbeiter. Jeder entscheidet selbst, wie und wann er seine mobilen Geräte nutzt oder nicht", sagt Sikora.

Ein Ansatz, den man bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg durchaus teilt. "Ein Anti-Stress-Gesetz ist aus unserer Sicht widersinnig. Das würde nur zusätzliche Bürokratie in den Unternehmen verursachen", sagt Sprecher Michael Pieck. "Stattdessen sollten Geschäftsleitung und Mitarbeitervertretungen gemeinsam in den Unternehmen entsprechende Maßnahmen beschließen und umsetzen, wie das aus unserer Einschätzung auch schon verstärkt geschieht."

Zum Beispiel bei der Telekom: Ob ein Anti-Stress-Gesetz in Deutschland nötig sei, müsse laut Telekom-Sprecher Christian Schwolow die Politik entscheiden. Unabhängig von der politischen Diskussion habe man aber schon längst gehandelt. "Bereits 2010 haben wir als erster DAX-30 Konzern eine 'Smartphone-Policy' herausgegeben, die Führungskräfte anhält, auf E-Mails und Telefonate in der Freizeit zu verzichten", so der Sprecher. Im Mittelpunkt der Unternehmenskultur stehe die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein wesentlicher Baustein dafür sei die Flexibilisierung der Arbeitszeiten.

Auch bei der Deutschen Post setzt man auf Eigeninitiative und verlangt von den Mitarbeitern keine permanente Erreichbarkeit. Eine betriebliche Vereinbarung zu diesem Thema gebe es zwar nicht, aber man habe durch eine entsprechende Organisation und konkrete Stellvertretungen Vorsorgemaßnahmen getroffen, um die Erreichbarkeit nur in außergewöhnlichen Fällen notwendig zu machen. "Alle Beschäftigten im Konzern, ob Führungskräfte oder im operativen Geschäft tätige Mitarbeiter, brauchen Erholungsphasen, um abschalten und regenerieren zu können", so Sprecherin Anne Motz. Weitere Regelungen seien nicht geplant.

In den Behörden sieht die Ausgangssituation etwas anders aus: "An der Universität Bonn sind bislang wenig Probleme aufgetreten, die auf ,digitale' Stressfaktoren zurückzuführen sind", erläutert Unisprecher Andreas Archut. "Eine Universität funktioniert allerdings auch anders als ein Wirtschaftsunternehmen; permanente Erreichbarkeit ist längst nicht in allen Arbeitsbereichen ein Thema oder würde gar gefordert."

Trotzdem setzt man an der Uni, genauso wie beim Bundesinstitut für Medizinprodukte, auf Vermittlung von Gesundheitskompetenz. "Viele unserer Mitarbeiter arbeiten in internationalen Zulassungs- und Forschungsprojekten. Hoher Arbeits- und Zeitdruck lassen sich dabei oft nicht vermeiden. Als Gesundheitsbehörde bieten wir deswegen ein umfassendes Gesundheitsmanagement mit konkreter Unterstützung zum Beispiel bei Zeitmanagement und Stressbewältigung, um unsere Beschäftigten bestmöglich vor gesundheitlichen Risiken zu schützen", so Pressesprecher Maik Pommer.

Und wie ist die Situation beim Handwerk? "Die Besonderheit hier ist, dass der daraus resultierende Stress häufig nur auf wenige Personen verteilt wird", sagt Stephanie Bargfrede, stellvertretende Geschäftsführerin der Handwerkskammer Köln. "Work-Life-Balance ist vor allem bei der jungen Generation Y ein wichtiges Stichwort. Es gehört mittlerweile im Handwerk zu einer guten Unternehmenskultur, die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit aller Beteiligten, von der Führungskraft bis zum Auszubildenden, zu erhalten und zu fördern."

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