Interview zum Sammelband über Bonner Kriegszeit: „Wir sind nicht schlauer als die Menschen damals“

Interview zum Sammelband über Bonner Kriegszeit : „Wir sind nicht schlauer als die Menschen damals“

Norbert Schloßmacher und Dominik Geppert sprechen über ihre Motivation, den Sammelband zu schreiben und die besondere Rolle Bonns im Ersten Weltkrieg.

Mit dem Buch „Der Erste Weltkrieg in Bonn – Die Heimatfront 1914-1918“ legen zwei Bonner Historiker erstmals ein umfassendes Werk vor, welches das Leben der Bewohner in der damaligen Garnisonsstadt am Rhein beleuchtet. Über ihren Sammelband sprach mit Dominik Geppert von der Universität Bonn und Norbert Schloßmacher vom Bonner Stadtarchiv.

In einer Zeit, in der sich geschichtsinteressierte Leser vor Veröffentlichungen über den Ersten Weltkrieg scheinbar kaum noch retten können, stellt sich als erstes die Frage: Warum noch ein Buch zum Thema?

Norbert Schloßmacher: Weil es bislang noch keine Studie zu Bonn im Ersten Weltkrieg gab, die sich in dieser Breite mit den Auswirkungen des Krieges auf den komplexen Lebensraum der Stadt und den Alltag der Menschen hier konzentrierte.

Dominik Geppert: Der Band befasst sich ausschließlich mit lokaler Geschichte und nicht mit Schlachtenhistorie. Dieser Forschungsansatz ist in Deutschland für den Ersten Weltkrieg noch nicht allzu oft verfolgt worden. Neben Bonn wurde für denselben Zeitraum so gründlich bislang nur Freiburg untersucht. Freiburg im Ersten Weltkrieg vom amerikanischen Historiker Roger Chickering aus dem Jahr 2007 ist die bisher umfassendste Geschichte einer deutschen Stadt zwischen 1914 und 1918.

Schloßmacher: Den Zeitpunkt der Veröffentlichung haben wir bewusst gewählt. Zu den großen Jubiläen 2014 und 2018 machte es für uns keinen Sinn, das Buch herauszubringen, da der Markt dann vor Neuveröffentlichungen erschöpft war und sein wird. Für einen Band, der sich mit der besonderen Stellung Bonns während des Krieges beschäftigt, brauchten wir also ein beruhigteres Zeitfenster.

Geppert: Bonn lag relativ nah an der Westfront und nicht mitten im Reich, damit kam die Stadt in den direkten Einzugsbereich des Krieges. Zudem war Bonn Garnisonsstadt, von hier aus wurden Husaren und Infanterie direkt an die Linien verbracht.

Schloßmacher: Ebenso spielt der Universitätsstandort eine große Rolle. Das Augusterlebnis, also der Kriegseintritt 1914 und die dadurch ausgelöste Welle des Patriotismus und der Euphorie, war unter den Studenten und Professoren besonders stark ausgeprägt. Diese Stimmung war natürlich auch in der Stadt spürbar.

Geppert: Was das Beispiel Universität angeht: In den ersten Kriegsjahren meldete sich fast die Hälfte der Studenten zum Kriegsdienst. In dessen Verlauf kamen mehr als 730 von ihnen ums Leben. Von der Front heimkehrende Studenten stellten zudem die Erfahrungswerte und persönliche Einstellungen hinsichtlich des Krieges zwischen Professoren und Studenten auf den Kopf, weil auf einmal Kraft und Jugend mehr zählten als Kenntnisse und Erfahrungen.

Schloßmacher: Militärisch gesehen prägten Soldaten das Stadtbild, nicht nur in der Umgebung der Kasernen. Zudem wurde hier eine große Zahl an Verwundeten behandelt. Aber auch die Versorgungssituation der Bevölkerung war zeitweise stark vom Krieg beeinträchtigt, der in alle Lebensbereiche vordrang.

Schloßmacher: Die Idee zu dem Buch entstand 2010 während einer Tagung in Lüttich zum Ersten Weltkrieg, ein Jahr später hatten wir die gesammelten Themen auf mehrere Schultern verteilt, um so tief in die Materie einsteigen zu können wie möglich. Anfang 2016 lagen dann die Manuskripte vor, und die Druckvorbereitung begann. Um an die Vielzahl von bislang unveröffentlichten Bildern zu gelangen, haben wir unter anderem die lange unterschätzte und nunmehr neu bearbeitete Kriegssammlung des Stadtarchivs und das Archiv der Universität durchkämmt.

Geppert: Es stammt aber auch viel Material von privaten Dachböden, zudem haben wir Anzeigen geschaltet und die zeitgenössische Presse ausgewertet. So sind wir auf mehrere Hundert Bilder und noch mehr Dokumente gestoßen, die wir für unserer Arbeit verwenden konnten.

Geppert: Einerseits eine besondere Wertschätzung des Friedens, da man sieht, wie fundamental der Krieg das Leben in Bonn verändert hat. Andererseits öffnet die Forschung zum Thema den eigenen Geist für andere Sichtweisen. Die Überheblichkeit der Nachgeborenen, die oberlehrerhaft aus der Gegenwart auf das Geschehene zurückblicken und denken, sie wüssten es besser, hebt sich zum großen Teil auf – wir sind nicht schlauer als die Menschen damals.

Schloßmacher: Durch den lokalen Bezug können die Leser die Stadt zudem auf eine neue Weise kennenlernen. Die meisten Straßen, Plätze und Gebäude, die in dem Buch aufgeführt werden, haben für Bonner einen hohen Wiedererkennungswert und sind nicht abstrakt. Es wird erlebbar deutlich: Der Erste Weltkrieg hat auch in Bonn stattgefunden.

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