Interview: Architekt Nikolaus Decker: Wie Wohnraumbeschaffung verhindert wird

Interview: Architekt Nikolaus Decker : Wie Wohnraumbeschaffung verhindert wird

Nikolaus Decker kennt als Architekt und Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten Bonn/Rhein-Sieg die Probleme bei der Schaffung von Wohnraum aus der täglichen Praxis.

Es gibt eine Wohnbaugesellschaft, die sagt, sie könne aus dem Stand heraus mit eigenen Mitteln 500 neue Wohnungen schaffen, sie tut es aber nicht. Was ist so kompliziert daran, Wohnungen zu bauen?

Decker: Das Kernproblem ist erst einmal, dass es keinen stadtgesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit eines Wohnungsbaus gibt. Oft steht der unter der kritischen Beäugung von Leuten, die sagen: Da ist wieder ein böser Investor, der sich ja nur die Taschen voll machen will. Es ist doch so: Niemand möchte, dass es in seinem persönlichen Sprengel passiert, niemand will unmittelbar mit Wohnbau in seiner Nachbarschaft konfrontiert werden.

Sind die Bonner besonders streitlustig?

Decker: Die Problematik gibt es sicherlich auch in anderen Städten. Aber die Intensität, mit der gestritten wird, auch die Zerstrittenheit innerhalb der Politik, die ist in Bonn sicher komplexer.

Womit haben Architekten besonders zu kämpfen?

Decker: Da gibt es zwei Ebenen. Einmal die Ebene, neue Wohnbauflächen zu schaffen. Solch ein Bauleitverfahren mit Rechtsprechung, Umweltverordnungen und Beteiligung der Öffentlichkeit ist so kompliziert, da müssen so viele Behörden und Stellen mit unterschiedlichen Belangen beteiligt werden, so viele Interessen unter einen Hut gebracht werden, dass das ein extrem langer Gang ist.

Da gehen dann locker 15, 20 Jahre ins Land, bis der erste Bagger rollen kann... Und die zweite Ebene?

Decker: Richtig. Noch schwerwiegender für unsere alltägliche Arbeit ist, dass in Bonn so viele uralte Bebauungspläne Gültigkeit haben, deren Planungsziel heute längst überholt ist, wodurch Entwicklung und Nachverdichtung verhindert werden.

Ein Beispiel, bitte!

Decker: Es gibt viele alte Einfamilienhäuser auf Grundstücken von mehr als tausend Quadratmetern Größe, auf denen man auch gut ein Drei- oder Vierfamilienhaus bauen könnte, das der Bebauungsplan aber nicht hergibt. Das sind die eigentlichen Hürden, Wohnraum zu schaffen, weil das kleinere Investoren bremst. Man könnte viel Wohnraum mit kleinen Maßnahmen schaffen, aber die Bebauungspläne stehen dem vielfach im Weg. Dabei hätte die Kommune gerade hier sehr viel Gestaltungsmöglichkeiten.

Könnte man aus Ihrer Sicht die Verfahren um Bebauungspläne und damit die Schaffung von Wohngebieten verkürzen?

Decker: Das geht über die sogenannten vorhabenbezogenen Bebauungspläne. Aber das setzt voraus, dass alle beteiligten Akteure die Maßnahme unterstützen. Oft werden solche Projekte ja auch durch die Nachforderung immer weiterer Gutachten und Untersuchungen verzögert.

Welche Lösungen gäbe es denn, um dieser alten Bebauungspläne Herr zu werden?

Decker: Das Bauordnungsamt hat in der Vergangenheit ja oft Befreiungen ausgesprochen, wenn die Festsetzungen unsinnig waren. Das ist seit einigen Jahren nicht mehr möglich, weil es juristische Auseinandersetzungen gegeben hat. Es müssen jetzt durch Politik und Verwaltung kurze Verfahren verbindlich etabliert werden, mit denen künftig juristische Streitigkeiten vermieden werden.

Und das bremst zusätzlich?

Decker: Ja, weil die Stadt heute penibel an den alten Plänen festhält. Noch ein Beispiel: Wir sollten in einem Sechs-Familien-Haus das Dachgeschoss ausbauen. Das ging aber nicht. Der Bebauungsplan, der viele Jahre nach dem Bau des Hauses aufgestellt wurde, erlaubt in diesem Gebiet nicht mehr als zwei Wohneinheiten pro Haus! Das macht zwar keinen Sinn, ist aber so. Dieser Fall steht für Hunderte von ähnlichen Fällen, wo Wohnraumbeschaffung verhindert wird.

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