Nachhaltigkeit im Verkehr: Wie es sich in Bonn mit dem Rad zur Arbeit fährt

Nachhaltigkeit im Verkehr : Wie es sich in Bonn mit dem Rad zur Arbeit fährt

Mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, kann eine Herausforderung sein. Überall fehlen Abstellanlagen, und Profis haben einen Waschlappen und Deo dabei.

Mag sein, dass es ein Milieu-Schaden ist. Für ein Kind vom Dorf, das in Zeiten aufwuchs, als es das Elterntaxi noch nicht gab, bedeutete ein Fahrrad Freiheit. Bis zu dreimal täglich ging es in die sieben Kilometer nahe Kreisstadt, wo die Schule war und die Freunde lebten. Verschärfend kamen vier Jahre in Bremen hinzu. Dort radelte Hennig Scherf bei Wind und Wetter freundlich grüßend durch die Stadt. Die Senatoren machten es genauso. Anzugträger mit Helm gehören zum Straßenbild. Das macht Spaß, selbst wenn man das mit dem CO2-Sparen oder dem ökologischen Fußabdruck für Unsinn hält.

Radfahren muss also sein. Wenn der Stau auf der Reuterstraße steht, wenn das Parkhaus dicht ist, kommt der Bonner per Rad immer noch pünktlich und ohne Stress ans Ziel. Nun harmoniert diese Gewohnheit nicht unbedingt mit einem gehobenen sozialen Status und einer Gehaltsklasse, zu der ein Dienstwagen gehört. Auf Einladungen an den Chefredakteur steht bisweilen die höfliche Frage, ob er mit Fahrer anreise. Nach einem Fahrrad hat bisher noch niemand gefragt.

Nachhaltigkeitsapostel lieben das Rad. Radfahren hilft der persönlichen CO2-Bilanz auf die Beine. Wenn der Kilometer Autofahrt mit etwa 100 Gramm Kohlendioxid zu Buche schlägt, kommt da schnell etwas zusammen. Etwa 190 Kilogramm CO2 macht das für den täglichen Arbeitsweg nach Dransdorf im Jahr. Radfahren ist außerdem gut für die Gesundheit. Wer Rad fährt, spart sich Strafzettel für zu schnelles Fahren und kann meistens bis direkt vor die Tür rollen. So ein Fahrrad ist leise, braucht keinen Parkplatz, keinen Sprit, muss nicht zum Tüv und verpestet nicht die Luft. Aber das ist wie immer nur die halbe Wahrheit. Es gibt natürlich ein paar echte Nachteile. Radfahren findet meistens im Freien statt und dort regnet es oder - das ist in Bonn häufiger der Fall - es ist brüllend heiß. Außerdem gibt es diese unangenehme Topographie mit Steigungen, die schon ein wenig Training verlangen, sofern das Rad kein E-Bike ist. Da ist der Radler schnell mal etwas derangiert am Ziel. Verschwitzt, nassgeregnet und irgendwie ein wenig aus der Fassung. "Wo kommen Sie denn her", lautet dann manchmal die spontane, aber ehrliche Begrüßung. Ja, wo komme ich eigentlich her?

Radelnde Chefredakteure sind nicht wirklich vorgesehen in dieser Stadt. Ihnen haftet etwas Sonderbares an, wie jenen, die im tiefsten Winter barfuß durch den Schnee laufen. Hat er das nötig? Wird er so schlecht bezahlt? Ist mit seinem Führerschein alles in Ordnung? Die Fragezeichen in den Gesichtern sind klar erkennbar. Sagen mag das natürlich niemand.

Radfahrer sind an vielen Stellen, die ein Chefredakteur besuchen muss, gar nicht vorgesehen. Das ist schnell klar, wenn es mit dem Rad zu beliebten Veranstaltungsorten geht: Das Hotel Maritim zum Beispiel hat irgendwo bestimmt irgendwelche Fahrradständer - angeblich im Keller. Die, die sich in Eingangsnähe finden lassen, zeigen deutlich, dass Fahrradfahrer da nicht willkommen sind. Bristol-Hotel? Keine Abstellmöglichkeit auf dem Gelände. Das ist auch vor dem ehemaligen Bundestag so. Dort hilft immerhin Ortskenntnis, um die versteckten Bügel zu finden. Am Alten Rathaus sind die Abstellanlagen meistens überfüllt. Auf dem Markt davor ist das Anschließen verboten. Etwas besser ist es auf dem Münsterplatz. Rund um den Bahnhof ist es sehr chaotisch, solange es keinen freien Platz im neuen Fahrrad-Parkhaus gibt. Das ist in aller Regel voll.

Die meisten Bonner Bürohäuser haben Fahrradständer aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als Anschließen überflüssig erschien, weil die Räder wenig wert waren und niemand so etwas Merkwürdiges tat wie Radfahren. Oder sie sind den Mitarbeitern vorbehalten, die ihren Stellplatz eifersüchtig verteidigen, wie an der Uni-Bibliothek. Also landet man an Zäunen, Schildermasten oder Ampeln. Dort stört das Rad garantiert andere.

Merkwürdig erscheinen auch viele Wegeführungen für Radfahrer. Vom Bahnhof in Richtung Rhein oder Uni gibt es keine durchgängige und logische Verbindung durch die City. Von Poppelsdorf in die Stadt geht es nur mit Schieben durch den Tunnel. Quer durch die Innenstadt sind sie zu einem guten Teil schwierig und provozieren Konflikte mit Fußgängern. Die Alternativen um das Zentrum herum sind lebensgefährlich wie der Bertha-von-Suttner-Platz oder die Passage vor dem Bahnhof.

Die Fahrradstraßen, die das Stadthaus zurzeit gerne einrichtet, helfen niemandem, weil die meisten Autofahrer sie schlicht nicht zur Kenntnis nehmen und weil sie immer dort aufhören, wo sie eigentlich nötig wären. Sie sind Augenwischerei. Würden die Herren und Damen aus den Chefetagen des Stadthauses selbst gelegentlich mit dem Rad zu Terminen fahren, sähe die Welt vermutlich anders aus. Im Sommer sah man den OB öfter mal auf dem Fahrrad auf dem Weg zum Dienst. Das macht Hoffnung.

Radfahren macht sensibel für die schlechten Gewohnheiten des Autofahrers, der man an anderen Tagen ja auch selbst ist. Während die Busfahrer der SWB die Radler meistens im Blick haben, kennen viele Lkw- und Sprinterfahrer Abstandsregeln gar nicht. Die anderen sind auch nicht besser: Überholen kurz vor der Einfahrt in einen Kreisel, Ausbremsen an engen Stellen, schnell noch vorbei trotz Abbiegeanzeige, Taxis im Tiefflug in der 30er-Zone und so weiter - all das passiert auf wenigen hundert Metern Fahrt ständig und jeden Tag. Am Ende geht es allen nur darum, bloß keinen Meter preiszugeben, etwa zu warten und hinter dem Rad zu bleiben. Alle haben es eilig, denn wer mit dem Auto zu einem Termin muss, hat noch lange keinen Parkplatz. Würde mehr geradelt, wäre das Miteinander auf der Straße friedlicher.

All das sind keine speziellen Erfahrungen sozial gehobenen Fahrradfahrens. Das steht vor ganz anderen Herausforderungen: Wie kommt man an, ohne auszusehen als käme man aus der Dusche oder müsste sofort unter selbige? Spätestens nach zwei Kilometern ist die Würde des Anzugträgers dahin und die Bügelfalte unscharf. Unter Regenjacke oder -hose hat das Deo längst versagt, aber die Dame, der man gleich unter die Augen tritt, ist jederzeit eine gepflegte Erscheinung.

Der kluge Mann hat leider nicht immer eine Dusche zur Verfügung, baut also vor und entwickelt eine Neigung zu luftiger, aber widerstandsfähiger Kleidung, die Flecken verzeiht, in die Waschmaschine passt und auch unter Regenjacken nicht so arg knittert. Modisch bunte, coole und hautenge Plastikteilchen helfen wenig. Karneval ist ja nicht jeden Tag. Er geht auch mal das Risiko ein, unter dem Regen einfach hindurch zu fahren, was aber in der Praxis meist misslingt.

Wer jemals klitschnass anderthalb Stunden politischen Vortrag abgesessen hat, weiß, dass eine wasserdichte Jacke besser ist. Wirklich dichte Regenjacken stauen jedoch die Wärme. Experten empfehlen daher immer, einen geräumigen Rucksack dabei zu haben, der Sakko und Hose aufnimmt. Wer vorsichtig packt, bekommt das knitterfrei hin. Umziehen geht ja meistens schnell, sofern ein Waschraum vorhanden ist. Profis haben einen Waschlappen und Deo dabei. Man weiß ja nie.

Ansonsten lernt der radelnde Mensch mit dem Risiko eines verpatzten Auftritts zu leben, ignoriert die eindeutig rufschädigenden Folgen seines Tuns, behauptet, dieses Opfer allein für die Umwelt und die CO2-Bilanz zu bringen. In Zeiten von Greta Thunberg ist es ja wieder gut fürs Image, ein seltsamer Mensch, aber untadeliger Klimaschützer zu sein. Manchmal lässt sich das Angenehme ja auch mit dem Nützlichen verbinden.

Helge Matthiesen ist Chefredakteur des General-Anzeigers. Der 54-Jährige wohnt in der Bonner Südstadt.