Kulturelle Unterschiede: Wie ein Amerikaner den Bonner Weihnachtsmarkt erlebt

Kulturelle Unterschiede : Wie ein Amerikaner den Bonner Weihnachtsmarkt erlebt

Student José Bogran aus Texas entdeckt in Bonn die deutsche Tradition. Er ist überrascht, dass fast jede deutsche Stadt ihren eigenen Weihnachtsmarkt hat.

„Meine Mutter würde einen Herzinfarkt bekommen. Sie liebt so etwas“, sagt José Bogran. Er steht im Häuschen von Käthe Wohlfahrt auf dem Bonner Weihnachtsmarkt und mit dem jungen Texaner die bunten Nussknacker, fragilen Weihnachtsbaumkugeln und rotwangigen Engel, die dicht gedrängt von den Regalen grüßen. Der Duft nach frischem Holz liegt in der Luft, durch die enge Hütte schlängeln sich unaufhörlich Menschen. José schüttelt eine Schneekugel und betrachtet die umherwirbelnden Kunstflocken. „Ich glaube, die bringe ich meiner Ma mit.“

Wie die Weihnachtspyramiden funktionieren, erschließt sich dem US-Amerikaner nicht sofort. „Du stellst Kerzen darunter und durch die Hitze drehen sich die Flügel oben“, erklärt ihm jemand. „Ah“, schmunzelt er, „deutsche Ingenieurskunst.“ José Bogran stammt aus der gut 100 000 Einwohner zählenden Stadt College Station. Seit drei Jahren studiert er dort Stadtplanung an der Texas A&M University; seit August verbringt er ein Auslandssemester an der Akademie für Internationale Bildung in Bonn – und erkundet den Weihnachtsmarkt.

Er sei überrascht, dass fast jede deutsche Stadt einen eigenen Weihnachtsmarkt hat, sagt José Bogran. In den USA gebe es etwas Vergleichbares kaum. „Bei uns in College Station ist das Stadtzentrum mit vielen Lichterketten geschmückt. Aber es sind seit 20 Jahren dieselben. Sieht ganz schön alt aus mittlerweile.“ Außerhalb der Stadt gebe es da noch „Santa's Wonderland“, das mit seinen Lichter-Arrangements vor mehr als 20 Jahren als Drive-In-Attraktion eröffnete. „Du musstest nicht mal aus deinem Auto aussteigen.“

Auf der Suche nach dem besten Glühwein

In den USA ist bekanntlich alles größer. Doch in Sachen Größe hat der Bonner Weihnachtsmarkt dieses Jahr auch etwas zu bieten: den City-Skyliner. An der Spitze des Turms dreht sich in mehr als 70 Metern Höhe eine Kabine um 360 Grad und eröffnet den Blick aufs nächtliche Bonn. In der Ferne zeichnen die gelben und blauen Lampen des Post Towers kurz vor 20 Uhr einen Christbaum. José lässt sich bezaubern vom Lichtermeer.

Der gebürtige Amerikaner mit Wurzeln in Honduras ist sicher nicht der einzige ausländische Besucher an diesem Abend. Wie viele es sind, zählt die Stadt nicht. „Allerdings verzeichnet das Leistungszentrum Märkte als Veranstalter verstärkt Anfragen aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien von Menschen, die den Weihnachtsmarkt besuchen möchten“, weiß Markus Schmitz vom städtischen Presseamt. An Ort und Stelle stehen Mitarbeiter der Bonn-Information Besuchern Rede und Antwort zu Fragen zum Weihnachtsmarkt. Besonders nachgefragt seien die Stände der Kunsthandwerker, wegen ihrer individualisierbaren Geschenke – und natürlich Empfehlungen zum besten Glühweinstand.

Übernachtungsgäste aus dem Ausland blieben im Schnitt 2,1 Nächte sagt Sissel Theuerjahr von der Tourismus & Congress GmbH. Die T&C und der Verbund „Historic Highlights of Germany“ (HHoG) informierten laut Schmitz überregional und außerhalb Deutschlands über den Bonner Weihnachtsmarkt. „Es wurden auch schon Pressereisen aus den USA über die HHoG organisiert.“

Offenes Feuer am Bottlerplatz

Entdecken macht hungrig. Zum Glück kommt die Kulinarik in der Vorweihnachtszeit nicht zu kurz. Bratwurst hat José natürlich in den USA schon probiert – aber hier schmecke sie besser. Heute fällt seine Wahl auf Reibekuchen mit Apfelmus. Bestellen kann er sie an der Hütte auf dem Münsterplatz nach vier Monaten in Bonn auf Deutsch. Aber eine Frage bleibt: „Wie isst man die?“ Schnell findet er heraus: am besten mit den Fingern. „Deutsches Essen hat den unfairen Ruf, eher fad zu sein“, sagt er nach dem ersten Bissen. Die Kombination von Süß und Salzig sei jedenfalls ziemlich lecker.

Ein paar Stände weiter lockt der süße Duft von gebrannten Nüssen. Er entscheidet sich für 100 Gramm Cashewkerne. Angekommen am Flammlachsstand auf dem Bottlerplatz, ist die Tüte fast leer – und José satt. „Leider.“ Aber auch so genießt er den Geruch des offenen Feuers. An einer Ecke des Platzes lässt gerade ein Blasorchester weihnachtliche Töne aus Hörnern und Trompeten erklingen.

Laut Bonn-Information schätzten ausländische Gäste am Bonner Weihnachtsmarkt besonders die weihnachtliche Atmosphäre und das gemütliche Beisammensein. Das bestätigt auch José Bogran. „Der Weihnachtsmarkt fühlt sich sehr gemeinschaftlich an. Es scheint, alle Bonner kommen her und haben ihren Spaß – aber vielleicht liegt das am Glühwein?“, fragt er lachend. Ausgerechnet der schmecke ihm übrigens nicht. „Ich bin einfach kein Wein-Typ.“ Die Vorliebe der Deutschen für das klebrige Heißgetränk werde er wohl nie verstehen. Genauso wie ihre Begeisterung für Sprudelwasser. Aber das ist eine andere Geschichte.

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