Radeln für bessere Fahrradwege: Wie die Critical Mass in Bonn ankommt

Radeln für bessere Fahrradwege : Wie die Critical Mass in Bonn ankommt

Viele Teilnehmer gab es erneut bei der Critical-Mass-Tour durch Bonn. Sie wollen sichtbar sein in einem Straßenverkehr, der laut den Teilnehmern zu oft Fahrradfahrer übersieht. Doch nicht alle Verkehrsteilnehmer haben für diese Form des Aktionismus Verständnis.

Die Konkurrenz um den Platz im Straßenverkehr ist groß. Autos, Motorrad- und Fahrradfahrer, Straßenbahnen und Busse, Fußgänger und nun auch E-Roller: Sie alle sind in der Stadt unterwegs. Konfliktbeladen ist vor allem der Auto- und Radverkehr. Um bessere Rahmenbedingungen für die Radler kämpft seit Jahren die Initiative „Critical Mass“ (engl. kritische Masse). Was einst mit einer Handvoll Radler begann, ist inzwischen ein Massentreffen geworden: Hunderte von Radfahrern – manchmal sind es weit über tausend – treffen sich an jedem letzten Freitag im Monat und radeln durch Bonn, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. So auch am vorigen Freitagabend.

Die Teilnehmer verbindet ein gemeinsames Ziel: „Wir brauchen eine gute Infrastruktur für Fahrradfahrer“, sagte Tobias Mandt von der Initiative. „Wir wollen zeigen, dass es sich bei Fahrradfahrern um keine Minderheit handelt, sondern dass es sehr, sehr viele Menschen sind, die auf eine gut funktionierende Infrastruktur angewiesen sind.“ Im Paragraf 27 der Straßenverkehrsordnung ist geregelt, ab wann Verkehrsteilnehmer als sogenannter geschlossener Verband gelten und welchen Regeln dieser zu folgen hat.

Das bedeutet: Wenn die vordersten Radler über Grün fahren, darf die Menge dahinter folgen. Als Verein sehen sich die Radler nicht. Die Teilnehmer organisieren sich über soziale Netzwerke wie Facebook. Dort verbindet sie eine öffentliche Gruppe, in der sie sich über alles rund um das Thema Radfahren in Bonn austauschen. So hat aktuell ein Nutzer ein Bild der frisch sanierten Provinzialstraße geteilt, die auch nach Erneuerung der Fahrbahnmarkierungen keinen Fahrradweg bietet. „Dann ist die Strecke ja für die nächste Critical Mass prädestiniert“, schreibt eine andere Nutzerin.

Spontan festgelegte Route

Am Freitagabend führte die Route der Fahrradfahrer denn auch über die Provinzialstraße. Auch fuhr die Gruppe am neu aufgestellten „Ghost Bike“ – eine Art Mahnmal – am Heinrich-Böll-Ring vorbei, wo kürzlich eine junge Radfahrerin tödlich verunglückt war.

Die Route werde spontan festgelegt, erklärten die Teilnehmer. Das macht es schwierig für andere Verkehrsteilnehmer, sich rechtzeitig auf die Verkehrsbeeinträchtigungen einzustellen. Denn die Critical-Mass-Radler blockieren bei ihren Fahrten auch gerne minutenlang wichtige Verkehrsknotenpunkte wie den Bertha-von-Suttner-Platz oder den Verteilerkreis in der Nordstadt. Der Großteil der Autofahrer habe Verständnis für die Aktion, sagen die Radler. „Es ist ja nicht jeden Tag und auch nur für ein paar Minuten. Die kann ich gerne warten“, bestätigt Katja Weps, die in ihrem Auto am Kreisverkehr in der Nordstadt die Fahrradfahrer passieren lässt.

Am Freitag mussten der Polizei zufolge verschiedene Kreuzungen und Zufahrtsstraßen für etwa fünf Minuten gesperrt werden. Erstmals hatte Critical Mass die Fahrradtour durch Bonn offiziell als Versammlung angemeldet. So konnten die Beamten rechtzeitig für Absperrungen sorgen. Allerdings war die Polizei auch schon vorher bei den Radtouren mit Streifenwagen vor Ort gewesen.

„Bei 1400 Teilnehmern wie im vergangenen Monat warten die Autofahrer auch mal 20 Minuten“, sagte Olaf Henk, Einsatzleiter der Polizei. Da sei die Geduld schnell am Ende. Er habe an einem Freitagabend nach der langen Arbeitswoche wirklich keine Lust, noch lange auf irgendwelche Fahrradfahrer zu warten, beschwerte sich ein Autofahrer, der in Beuel an einer Kreuzung warten musste, bis die Radfahrergruppe sie passiert hatte.

Aus den Niederlanden zu Besuch

Anke Arendtsen und ihr Mann Johan sind aus den Niederlanden zu Besuch in Bonn. „Wir müssen heute Abend nirgendwo mehr sein, aber ich kann verstehen, dass die Menschen ungeduldig werden, wenn sie Zeitdruck haben“, sagte die Frau. Warten müssen auch die Fußgänger. Lukas Supplieth wollte eigentlich den Bus nehmen. „Jetzt habe ich ihn verpasst“, sagte er gelassen. „Bevor ich mich oder andere gefährde, bleibe ich lieber stehen“, ergänzte er mit dem Blick auf einen jungen Mann, der sich durch die radelnde Masse drängte.

Hunderte Fahrradfahrer, die bei lauter Musik durch die Stadt fahren, darunter manche mit einer Bierdose in der Hand, und die ab und zu freundlich winken – wie kann das nachhaltiger Aktionismus sein? „Beim sogenannten Korken, dem Blockieren der Straßen, ergeben sich oft Gelegenheiten, um sich mit anderen Verkehrsteilnehmern auszutauschen“, erklärte ein Teilnehmer. Die Critical Mass werde weiter für eine bessere Infrastruktur eintreten, auch wenn sie damit nicht bei allen Sympathiepunkte sammele.

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