1. Bonn
  2. Stadt Bonn

Wirtschaftliche Folgen der Corona-Krise: Wie der Bonner Handel gegen die Krise kämpft

Wirtschaftliche Folgen der Corona-Krise : Wie der Bonner Handel gegen die Krise kämpft

Hohe Mieten in der Bonner Innenstadt machen besonders in Corona-Zeiten vielen Einzelhändlern Probleme. Verbände raten zu Kompromissen mit den jeweiligen Eigentümern.

Nirgendwo sind die Folgen der Coronakrise für das öffentliche Leben so sichtbar wie in der Innenstadt. Händler, Gewerbetreibende und Gastronomen, die geschlossen haben müssen, sind in großer Sorge, legen aber die Hände nicht in den Schoß. Der Verein City-Marketing wirbt mit einer Kampagne für den Standorthandel im Internet. Die Bonner Internetagentur Papoomedia hat ehrenamtlich das kostenlose Portal „werliefertnachhause.de“  für regionale Lieferdienste und private Nachbarschaftshilfen erstellt. „Eine tolle Idee“, findet Karina Kröber aus dem City-Marketing-Vorstand, „es ist wichtig, dass wir Standorthändler in den Köpfen der Menschen bleiben und sie wieder zu uns zurückkehren, wenn die Krise vorbei ist“.

Kröber berichtet von großer Verunsicherung unter den Kollegen und ist froh, dass die Kampagne von City-Marketing „Bleibt stark. Kauft vor Ort!“ gut läuft. Das mache Mut, auch wenn sich viele sorgten, wie sie künftig noch ihre Mieten zahlen sollen.  Wie Dirk Vianden von der Eigentümergemeinschaft Haus und Grund rät sie: „Sprechen Sie mit Ihrem Vermieter.“ Schließlich gebe es viele Vermieter, die mit den Mieten die Finanzierungskosten der Immobilie decken oder davon ihren Lebensunterhalt bestreiten müssten. Vianden fügt hinzu, dass  auch Instandhaltungskosten auf den Vermieter zukämen. „Wichtig ist, dass man sich zusammensetzt und miteinander redet. Kein Eigentümer hat etwas davon, einem Mieter den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen.“

Es gebe Möglichkeiten, etwa die Miete zu stunden. Mit Blick darauf, dass die Landesregierung für Vermieter keine Lösung vorgeschlagen habe, könne es nicht sein, dass diese Personen „am Ende das letzte Glied in der Kette sind“. Vianden erklärt, dass Haus und Grund sich mit dem Mieterbund verständigt habe, Mieter und Vermieter bei Gesprächen zu begleiten.

Einer, der sich mit seinem Vermieter geeinigt hat, ist Martin Hergarten. Er betreibt die Parfümerie Vollmar in der Sternstraße, seine Frau das Dessousgeschäft Vollmar Secrets in der Kasernenstraße. Sein Vermieter erlasse ihm ein Drittel der Miete: „Das ist nicht selbstverständlich.“

Jannis Vassiliou, Vorstandsvorsitzender des  Einzelhandelsverbands Bonn/Rhein-Sieg/Euskirchen, rät ebenfalls allen Mitgliedern, schnell das Gespräch mit dem Vermieter zu suchen. „Wir haben unsere Mitglieder von Beginn an der Krise auf die Programme zur finanziellen Unterstützung hingewiesen, sind aber der Meinung, dass die Höhe der Hilfen nicht ausreichen wird für einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten“, zeigt sich Vassiliou skeptisch.

Der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg, Hubertus Hille, spricht von „existenzbedrohenden Zügen“. Nach einer Blitzumfrage der IHK, an der 103 Betriebe teilnahmen, spüren neun von zehn Unternehmen Auswirkungen auf ihr Geschäft. Jedes fünfte Geschäft verzeichne Umsatzrückgänge von mehr als 50 Prozent. 14 Prozent der befragten IHK-Mitglieder  geben an, die Folgen der Pandemie für ihre Firma nicht einschätzen zu können. Ein ähnlich hoher Anteil kann eine Insolvenz nicht ausschließen. Knapp 40 Prozent gingen davon aus, Personal in der Folge der Pandemie abbauen zu müssen.

Auch Bernd Gelhausen, Geschäftsführer von Mr. Music, hofft auf eine Einigung mit seinem Vermieter: „Für uns ist das eine schwierige Situation, weil wir neben der Miete Personalkosten haben und ich auch die studentischen Hilfekräfte nicht einfach auf Null setzen will“, sagte Gelhausen. Bernhard von Grünberg, Vorsitzender des Mieterbunds Bonn/Rhein-Sieg/Ahr, sagte: „Ich fände es nicht gerecht, wenn die Mieter einseitig die negativen Auswirkungen zu tragen hätten.“ Zur Frage, ob die Sondersituation möglicherweise als Mietmangel anzusehen ist, sind Juristen in diesen Tagen unterschiedlicher Auffassung.

Hille von der IHK begrüßt die Soforthilfepakete von Bund und Land für die Unternehmen ausdrücklich: „Ferner benötigen die Unternehmen so bald wie möglich einen Plan für die Wiederaufnahme eines geregelten Wirtschaftslebens.“ Überdies appelliert aber auch er an Vermieter und Mieter gleichermaßen, Kompromisse zu suchen. Im Rhein-Sieg-Kreis habe ein gewerbliches Unternehmen mit ausreichend Rücklagen dem gewerblichen Vermieter kurzerhand die Miete um 70 Prozent gemindert. „So geht es natürlich nicht“, meint Hubertus Hille. Dass die Vermieter Entgegenkommen zeigen, sei auch in deren Interesse. „Wenn die Mieter letztlich Insolvenz anmelden müssen, ist damit keinem geholfen.“

Die Bundesregierung hat als Teil der Corona-Hilfsgesetze das Kündigungsrecht bei ausbleibender Mietzahlung ausgesetzt. Miete, die in den nächsten drei Monaten nicht gezahlt wird, muss erst bis zum 30. Juni 2022 nachgezahlt werden.