Industrieruine an der Immenburgstraße: Wie der Alte Schlachthof in Bonn langsam verrottet

Industrieruine an der Immenburgstraße : Wie der Alte Schlachthof in Bonn langsam verrottet

Die Pläne, das Areal des Alten Schlachthofs an der Immenburgstraße in einen Bürokomplex samt Veranstaltungshalle zu verwandeln, ruhen. Grund für den Stillstand ist ein Gutachten im Auftrag der benachbarten Müllverbrennungsanlage. Das Gelände verfällt derweil.

Die Glasscherben brechen bei jedem Tritt unter den Schuhsohlen. Von der einstigen gläsernen Türfront, durch die man in das repräsentative Bürogebäude des Alten Schlachthofs eintreten konnte, ist nicht mehr viel übrig. Statt weißer Raufaser kleiden die Wände jetzt bunte Graffiti. Statt eines Bürotischs steht im ersten Raum eine Schippe in der Ecke. Davor liegen zum Bett zusammengeschobene Sitzkissen auf dem Linoleumboden in Holzoptik. Wer hier haust, hat nicht mehr viel.

Die umgekippte Tür und der Heizkörper, die den Eingang ins Zimmer versperren, bieten ein bisschen Privatsphäre und Schutz. Wenn auch nur gefühlt, denn sicher ist das Gelände schon lange nicht mehr. Aus dem einstigen Gründerzentrum der Stadt Bonn ist binnen sechs Jahren eine Ruine geworden.

Ursprünglich war das Areal Umschlagplatz für Tonnen von Fleisch. Daraus entwickelte sich ein florierendes Gewerbegebiet, in dem zuletzt rund 20 Lebensmittelgroßhändler, 20 Existenzgründer und 30 Lagerhallenpächter residierten. Sie alle mussten bis Ende 2011 ausziehen und das Gelände verlassen. 19 Millionen Euro hätte die Verwaltung investieren müssen, um unter anderem Hygiene- und Brandschutzstandards wieder zu erfüllen. Damals wie heute ist nicht klar, was mit dem Areal passiert. Einzig, dass nur eine gewerbliche Nutzung in Frage kommt.

2012 schließen sich die benachbarten Firmen Knauber, Eaton und die Stadtwerke Bonn zur Initiative „NEWest“ zusammen, um eigene Bauprojekte aufeinander abzustimmen und ein Gesamtkonzept zu entwickeln. Ein Jahr später fällt das erste Mal der Arbeitstitel „Poptempel“, der später in „Westwerk“ geändert wird. Schöpfer Holger Jan Schmidt stellt 2016 detaillierte Pläne vor: Das Veranstaltungszentrum mit einer Konzerthalle und 1750 Stehplätzen, ein Club-Foyer mit 600. Dazu ein Kompetenzzentrum für die Veranstaltungs- und Kreativwirtschaft. 15 Gastronomiebetriebe sollen in die Neubauten ziehen, ein Parkhaus und 8000 Quadratmeter Büroflächen entstehen.

Doch passiert ist bisher: nichts. Der einst redselige Holger Jan Schmidt will sich bis auf ein paar Worte nicht äußern. Auch auf der Internetseite, in der das „Westwerk“ immer wieder beworben wurde, herrscht seit mehr als einem Jahr Funkstille. Verständlich, denn die Situation ist komplex – wie auch die Stadt als Eigentümerin eingesteht. Schmidts Pläne sind zwar noch aktuell, könnten aber durch ein aktualisiertes Gutachten der benachbarten Müllverbrennungsanlage im Papierkorb landen.

Gutachten liegt vor

Dieses Gutachten, in dem es darum geht, inwieweit Büros und eine Veranstaltungshalle in direkter Nähe zum Abfallbetrieb zulässig sind, liegt der Stadtverwaltung seit wenigen Wochen vor. Und nun wird geprüft. „Dabei müssen die vorliegenden Nutzungsabsichten beziehungsweise die überhaupt denkbaren Entwicklungsmöglichkeiten des Gesamtareals im Kontext der Auswertung dieses Gutachtens sowie im Zusammenhang mit städtebaulichen und verkehrlichen Auswirkungen betrachtet werden“, sagt Markus Schmitz vom Presseamt. Das könnte dauern.

Schmidt jedenfalls hat nach eigenen Angaben bisher keine Neuigkeiten erfahren: „Wir warten seit etwa einem Jahr darauf, Informationen zum geänderten Gutachten zu erhalten, die nach einer Gesetzesänderung vom Frühjahr 2017 nötig waren und gegebenenfalls die Grundlage dessen ändert, was auf dem Schlachthof überhaupt gemacht werden kann und was nicht.“

Das Schlagwort ist Emission. So stößt die Müllverbrennungsanlage Filterstaub aus der Rauchgasreinigung aus, es kann zudem zu Geruchsbelästigungen kommen. Durch den Anlieferverkehr entsteht Lärm, der wiederum zunehmen könnte, wenn, wie von Bonnorange gewollt, eine Klärschlammverbrennungsanlage auf dem MVA-Gelände gebaut wird.

Weiterhin Stillstand angesagt

Emissionen stehen nachbarschaftlichen Nutzungen nicht generell im Wege“, sagt Schmitz. „Weitergehende Nutzungen müssten allerdings im Kontext sämtlicher durch die MVA wie auch durch neue Nutzungen ausgelöste Emissionstatbestände betrachtet werden.“ Soll heißen: Ein Büro, vor dessen Fenster Müll gelagert wird, könnte Probleme machen. Diese Auswirkungen auf den „Poptempel“ werden nun anhand des Gutachtens geprüft. Es ist offen, wann mit einem Ergebnis zu rechnen ist. So verwildert der Schlachthof auch ist, die Stadt plant bislang keine Abrissarbeiten. „Weil dies von der weiteren Entwicklung dort abhängig ist“, sagt Schmitz vom Presseamt.

Somit ist zunächst weiterhin Stillstand angesagt. Wie lange, ist genauso unklar wie der Zeitraum, in dem das Gutachten bewertet wird. Der schlechte Zustand beeinflusse die umgebenden Nutzungen nicht. So hat beispielsweise Bonnorange seine angrenzende MVA durch dicke Stahlgitter gesichert, damit niemand auf das Gelände gelangen kann. Wegen der Nähe hat das Unternehmen Interesse daran, den Alten Schlachthof für sich zu nutzen – man möchte expandieren. „Bonnorange sucht bereits seit Längerem nach einer Möglichkeit, den Wertstoffhof am Dickobskreuz zu vergrößern, da die dortigen Zustände [..] nicht mehr zeitgemäß sind“, erklärt ein Unternehmenssprecher. Man wolle sich aber auf das Gelände zwischen dem Alten Schlachthof und den Bahngleisen konzentrieren, weil der politische Wille sei, den Schlachthof kulturell zu nutzen. „Sollte sich diese Prämisse eines Tages – aus welchen Gründen auch immer – verändern, hätte Bonnorange großes Interesse daran, dieses Areal für sich zu nutzen.“ Auch Nachbar Remondis möchte auf den Schlachthof, hat die Pläne aber verworfen. Vor einigen Jahren bekundete man Interesse, das Areal zu kaufen. Ein Geschäft kam jedoch nie zustande, ebenso wenig wie die Vermietung von Teilflächen.

Das Gelände verfällt weiter

Je länger der Alte Schlachthof leer steht, desto schlimmer wird die Situation. Prostituierte, die sich auf der angrenzenden Immenburgstraße anbieten, meiden das Gelände, stellen sich bewusst auf die andere Straßenseite. „Aus Angst“, wie eine Frau erklärt. Sie berichtet davon, dass sich vor allem nachts Junkies in den Ruinen herumtreiben. „Da wirst du mit Messern bedroht.“ Das Ordnungsamt, das die Prostituierten regelmäßig kontrolliert, kümmere sich nicht oder werfe höchstens einen Blick über die rote Backsteinmauer. Dementsprechend wüst sieht es auf der anderen Seite aus. Jede Wand ist mit Graffiti besprüht, jedes Kabel, das sich zu Geld machen lässt, herausgerissen.

In den Bauzäunen gibt es immer wieder Löcher, durch die Unbefugte schlüpfen – oder einfach über die Mauern klettern. „Wer rein will, kommt rein“, sagt Polizeisprecher Michael Beyer. Rund 30 Einsätze gab es in den vergangenen zwölf Monaten – vom Hausfriedensbruch bis zum Brand. 2017 nahm die Polizei einen 18-jährigen Serientäter fest, der mehrfach Menschen auf dem Schlachthofgelände ausgeraubt hatte. Er bedrohte dabei Kinder und Jugendliche mit einem Messer und forderte Bargeld und Wertsachen. Zwei Mädchen, die in der Abenddämmerung auf der Mauer sitzen, kennen diese Geschichten. Sie schubsen sich, um sich gegenseitig anzustiften, den Schlachthof zu betreten. Eine Mutprobe. „Wir waren hier mal nachmittags mit Freunden, die Graffiti sprayen“, erzählen sie.

Die Industrie- und Handelskammer sieht kritisch, was mit dem Alten Schlachthof passiert. Vor Kurzem hat sie eine Umfrage unter ihren Mitglieder gestartet, wie es künftig mit dem Areal weitergehen könnte. Man wolle der Befragung „ungern vorgreifen“. Aber: „Das gesamte Gebiet ist generell durch die Lage attraktiv für eine wirtschaftliche Nutzung“, sagt IHK-Sprecher Michael Pieck. Ein anderer Aspekt der Umfrage sind die möglichen Auswirkungen einer Klärschlammverbrennungsanlage auf das Quartier. Auch hier gilt: Bis zu einem Ergebnis kann es noch dauern.

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