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Kanzelrede in der Kreuzkirche: Wider die selbstverliebten Moralapostel

Kanzelrede in der Kreuzkirche : Wider die selbstverliebten Moralapostel

Der Journalist Harald Martenstein hat mit seiner Kanzelrede in der Kreuzkirche für Mitleid mit denen geworben, die am Pranger stehen.

Den Schalk hinter den Ohren, den hatte der Berliner „Tagesspiegel“-Redakteur Harald Martenstein am Sonntagabend natürlich auch auf die Kanzel der Kreuzkirche mitgebracht. „Verzeihung, wenn ich heute nicht durchweg komisch bin. In der Bibel sind nicht ganz so viele lustige Zitate drin“, begann Martenstein, der auch für seine Kolumnen im „Zeit“-Magazin bekannt ist.

Um dann einen Parforceritt gegen die Moralapostel der eigenen, aber auch der Politiker- und letztlich der Kirchenzunft zu starten. „Ich werbe für Mitleid mit allen, die am Pranger stehen“, so Martenstein.

Diese selbst ernannten Richter hätten etwa den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff oder die Olympia-Ruderin Nadia Drygalla ohne Mitleid verdammt. Drygalla war 2012 die vormalige NPD-Mitgliedschaft ihres Freundes zum Verhängnis geworden. „Beides war unmenschlich. Allen muss ein Weg zurück offenbleiben. Barmherzigkeit ist nicht für die Makellosen gemacht.“

Vor 2000 Jahren habe Jesus viel liberaler gehandelt als Journalisten oder Politiker heute, sagte Martenstein mit Bezug auf das Bibelwort: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Heute würden aber Menschen ohne Mitleid mit Shitstorms abgestraft. Es gebe keine Balance mehr. „Der wichtigste moralische Richter ist heute nicht mehr die Kirche, sondern die Presse.“ Aber er wünsche sich auch von den Kirchenvertretern, nicht auch noch ständig der medialen Aufmerksamkeit hinterherzulaufen.

"Wir machen alle den Wulff"

Dabei hätten Politik und Medien im Fall Wulff keinerlei Berechtigung zu moralischem Hochmut gehabt. „Wir machen alle den Wulff. Auch ich war schon ein Wulff“, erklärte der Journalist. Und wer wie im Umfeld der Sportlerin möglichen Rechtsradikalismus bekämpfen wolle, müsse auch immer Auswege anbieten.

Übrigens auch die heutigen Afd-Politiker verdienten Fairness, wenn sie im Rahmen des Grundgesetzes blieben. „Wir Journalisten dürfen nicht schon im ersten Satz über die Afd geifern, sondern sollten sachlich bleiben.“

Er sei gegen den unbarmherzigen Extremismus der Moralapostel in Politik und Journalismus. Medien und Politik unterschieden sich dabei nicht erheblich. Bei beiden müsse die Quote stimmen. „Wir tun, was die Mehrheit unserer Kunden will: unter anderem Menschen an den Pranger stellen, immer wieder neue Schurken suchen.“ Barmherzigkeit stelle nicht die Frage nach Gut und Böse, sie lasse auch den Sünder ins Haus. Sie sei aber keine Rechtfertigung für Fehltritte. „Schlawiner müssen bestraft werden.“