Kommentar zum Gratis-ÖPNV: Wer bezahlt's?

Kommentar zum Gratis-ÖPNV : Wer bezahlt's?

Kostenloser öffentlicher Nahverkehr - das klingt gut. Vorher gibt es aber noch einiges zu klären, findet GA-Redakteur Rüdiger Franz.

Ein wenig erinnert die Debatte um freie Fahrt in Bus und Bahn an die Klippen der Verteidigungspolitik. Dort bedeutet die Zusage von Bündnisverpflichtungen auch nicht zwangsläufig, dass die Truppe einsatzfähig ist. So wird auf lange Sicht beispielsweise kein einziges deutsches U-Boot aus dem Dock gleiten – es fehlen Ersatzteile.

Wie Situationskomik wirkt auch der Ausfall einer ganzen (und nicht ganz unwichtigen) Bonner Bahnlinie just am Tag, nachdem die geschäftsführende Bundesregierung ihre ambitionierten Pläne für die „Modellstadt“ Bonn veröffentlicht hat. Darüber darf man zwar spotten, sollte dabei aber den Wert des jüngsten Impulses aus Berlin nicht aus dem Blick verlieren. Nach Belieben in öffentliche Verkehrsmittel steigen, kreuz und quer durch die Stadt fahren, für die letzten Meter vielleicht noch auf ein Leihfahrrad umsteigen – wer wollte zu solchen Revolutionen ernsthaft nein sagen – wenn man sie dazu auch noch geschenkt bekommt?

Genau hier haben die entscheidenden Nachfragen ihren Einsatz: Gilt das Bonner Gratisangebot auch für Pendler aus Königswinter, Wachtberg und Sankt Augustin? Was passiert mit den komplexen VRS-Tarifzonen? Wie viele Busse und Bahnen benötigt eine Stadt, die 320 000 Bürger und ihre Gäste kostenlos und dabei nicht wie Ölsardinen transportieren will? Vor allem aber: Wer soll das eigentlich alles bezahlen, zumal das Fahrkartengeschäft schon jetzt zu einem guten Viertel öffentlich bezuschusst wird? Davon, dass der Bund den Aufwand für Bonn übernehmen möchte, schreiben die Minister jedenfalls nichts. Und eine neue kommunale Mobilitätssteuer für Bonn dürfte ein spannendes Wahlkampfthema werden. Nicht zuletzt deshalb, weil das Attribut „kostenlos“ damit schon wieder zur Mogelpackung würde. Bei alledem hat die akute Unpässlichkeit des Bonner Nahverkehrs doch auch ihr Gutes: die Erkenntnis, wie weit und steinig und vor allem teuer der Weg zu einer signifikanten Verbesserung noch sein wird.