Ehemaliges Chemisches Institut: Weitere Uni-Räume in Bonn mit Quecksilber belastet

Ehemaliges Chemisches Institut : Weitere Uni-Räume in Bonn mit Quecksilber belastet

Im ehemaligen Chemischen Institut der Uni Bonn sind 17 weitere Räume mit Quecksilber belastet. Etwa 30 Räume dürfen nur noch zwischen einer und vier Stunden pro Tag betreten werden.

Wie die Hochschule auf ihrer Internetseite mitteilt, sind in 47 Räumen Konzentrationen oberhalb des Gefahrenwertes von 350 Nanogramm Quecksilber pro Kubikmeter Raumluft gemessen worden – erst waren es nur 30. Zudem hat die Uni alle Messwerte publiziert. Während der Recherche des General-Anzeigers in der vergangenen Woche waren sie mit dem Verweis auf „ausschließlich internen Gebrauch“ nicht öffentlich zugänglich.

„Zum Schutz der Menschen, die die Räume nutzen, wurde eine Reihe von Maßnahmen ergriffen“, teilt die Universität mit. Die sind noch einmal verschärft worden. Etwa 30 Räume dürfen nur noch zwischen einer und vier Stunden pro Tag betreten werden. „Darüber hinaus betreiben wir die Lüftungsanlagen in beiden Gebäudeteilen rund um die Uhr in Volllast.“

Dort, wo es keine Lüftung gibt, sollen häufig die Fenster geöffnet werden. Die kompletten Untergeschosse, sowohl im geografischen Institut als auch im Institut für Mikrobiologie, sind für Schwangere gesperrt. In weiteren 130 Räumen, in denen es eine signifikante Menge Quecksilber in der Luft gibt, wird der Gefahrenwert nicht erreicht. Sie werden weiterhin ohne irgendwelche Einschränkungen genutzt.

Ursache für die giftigen Dämpfe sind einem von der Uni beauftragten Gutachten zufolge mit hoher Wahrscheinlichkeit die alten Abwasserleitungen des Gebäudekomplexes an der Meckenheimer Allee 166 und 168. Laut Umweltbundesamt führt Quecksilber vor allem zu Schäden am Nervensystem, wenn man dem Schwermetall langfristig ausgesetzt ist. Deshalb weist die Uni in ihrer neuen Mitteilung darauf hin, „dass alle Siphons von Waschbecken und Bodenabläufen stets mit Wasser gefüllt sind, indem sie jeden Morgen mit Wasser aufgefüllt werden“. Dadurch entstehe eine Sperrschicht zum Abwassersystem, wodurch das Ausdampfen des Quecksilbers vermindert werde.

Uni-Sprecher Andreas Archut beschrieb die Situation vor wenigen Tagen noch als „nicht alarmierend“. In den veröffentlichten Tabellen mit Messwerten heißt es nun jedoch, dass eine Raumluftkonzentration oberhalb des Gefahrenwertes dazu geeignet sei, „gesundheitliche Gefährdung darzustellen“. Das erklärte auch Professor Heinz-Jörn Moriske vom Bundesumweltamt, der auf Anfrage des GA die Messewerte einschätzte.

Giftige Dämpfe seit Jahrzehnten

Die giftigen Dämpfe gibt es offenbar seit Jahrzehnten: Bereits 1972 zogen die Chemiker aus dem Gebäude aus, seitdem wird dort nicht mehr mit Chemikalien wie Quecksilber gearbeitet. Auf die Frage, warum die Uni die Quecksilberwerte erst jetzt – und damit anderthalb Monate nach dem ersten Gutachten – zugänglich macht, antwortete Archut am Sonntag: „Wir wollten weitere Messungen abwarten, um uns einen Überblick zu verschaffen.“ Immer noch stehe die genaue Quelle der Verunreinigung nicht fest. Die Gutachter sollen nun die Rohrleitungen von innen mit Kameras untersuchen. Geplant sei weiter, Siphons und Rohrleitungen auszutauschen, „wo dies zur Reduktion der Quecksilberbelastung sinnvoll erscheint“. Das würde auch in Absprache mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) NRW geschehen, der die Gebäude an die Universität vermietet.

„Es ist eine Frage der Verbreitung“, sagt Archut. Man müsse herausfinden, wie und wo das Quecksilber sitze. So könne es reichen, ein Rohr auszutauschen. Eventuell sei aber auch nötig, Erdreich abzutragen, wenn es dort Ablagerungen durch beschädigte Rohre gebe. Darüber könne man derzeit jedoch nur spekulieren. „Wir werden nun wochenweise Neues herausfinden, das geht Schlag auf Schlag“, so Archut.

Die Raumluft-Belastungen in der Uni im Überblick

Zur Beurteilung von Quecksilber als Dampf in der Raumluft gibt es die Richtwerte I und II des Umweltbundesamtes: Der Richtwert I (35 Nanogramm pro Kubikmeter Raumluft) beschreibt den sogenannten Vorsorgewert, bei dem auch bei lebenslanger Exposition von keinen gesundheitlichen Schäden auszugehen ist.

Der Richtwert II oder auch landläufig auch Gefahrenwert (350 Nanogramm pro Kubikmeter Raumluft) ist ein wirkungsbezogener Wert. Er stellt die Konzentration eines Stoffes dar, bei deren Erreichen beziehungsweise Überschreiten unverzüglich zu handeln ist. Insbesondere bei Daueraufenthalt in den Räumen ist die Gesundheit empfindlicher Personen einschließlich Kindern gefährdet.

Arbeitsplätze wie beispielsweise Labore unterliegen dagegen spezifischen Grenzwerten. Für Quecksilber liegt er bei 20.000 Nanogramm pro Kubikmeter Raumluft.

(Quelle: „Bericht zu Untersuchungen auf Quecksilber im Gebäudekomplex Meckenheimer Allee 166/168 der Universität Bonn“)

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