Diskussion um Vollverschleierung: Was spricht für und was gegen ein Verbot?

Diskussion um Vollverschleierung : Was spricht für und was gegen ein Verbot?

Wie sollte die Öffentlichkeit mit vollverschleierten Frauen umgehen? Oberbürgermeister Ashok Sridharan lehnt in einem Interview die Vollverschleierung ab. Auch in der GA-Redaktion ist darüber diskutiert worden. Ein Thema, zwei Meinungen.

Pro: Tragen, was man will

Auf den ersten Blick mag es so wirken, dass man mit einem Burka-Verbot in der Öffentlichkeit unsere aufgeklärten, westlichen Werte sichern kann. Ein zentraler Punkt ist dabei die Gleichstellung der Geschlechter. Verschleierte Frauen werden als Unterdrückte wahrgenommen. Fälle, in denen das zutrifft, müssen scharf verurteilt werden.

Doch wer sich freiwillig für die Vollverschleierung entscheidet, muss die Möglichkeit haben, sie öffentlich ausleben zu können. Ein Gesetz dagegen kommt einer Zwangsemanzipation gleich. Man würde den Frauen, auch wenn es noch so wenige sein mögen, absprechen, selbstbestimmt darüber zu entscheiden, wie sie sich kleiden. Es gibt in Deutschland ein im Grundgesetz verankertes Recht auf Religionsfreiheit. Ein Verbot der Verschleierung ist alleine deshalb nicht richtig.

Man kann durchaus die Motivation, ob sie nun politischer, kultureller oder religiöser Natur ist, kritisieren. Aber man muss auch die Meinung und Gepflogenheiten anderer aushalten können. Wer einen Niqab trägt, greift nicht gleich unser Wertesystem an. Das Kleidungsstück ist auch nicht der Grund für verhinderte Integration. Viel wichtiger ist es, mit den Menschen unvoreingenommen ins Gespräch zu kommen und sich eben nicht von der fremd wirkenden Verschleierung irritieren zu lassen.

Wobei beide Seiten für Gespräche bereit sein müssen. Denn auch das macht eine liberale Gesellschaft aus: einen Menschen unabhängig von seiner Kleidung als vollwertiges Mitglied zu akzeptieren. Ein Burka-Verbot löst kein Problem, es lässt es nur aus dem Blickfeld verschwinden.(Nicolas Ottersbach)

Kontra: Gesicht muss frei sein

Wir sind eine offene Gesellschaft, alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, und wir haben Religionsfreiheit. Sie erlaubt allen, die individuelle Glaubensüberzeugung frei und öffentlich auszuüben. Das gilt für Christen, die sich zu Hause ein Kreuz über die Eingangstüre hängen, für Juden, die eine Kippa tragen oder für Musliminnen, die sich für das Kopftuch entscheiden.

Solange das frei und ohne Zwang geschieht, ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Selbstverständlich soll jede Frau selbstbestimmt entscheiden, ob sie Kopftuch trägt oder nicht. Fragwürdig wird das Ganze indes, wenn kleine Mädchen mit Kopftuch in die Schule, ja sogar schon in die Kita geschickt werden. Das sehen auch viele Muslime kritisch, denn Kinder in dem Alter sind nicht in der Lage, das selbstbestimmt zu entscheiden.

Was in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert werden kann, ist die Vollverschleierung von Frauen. Man mag sie bei den Musliminnen hinnehmen, die ausschließlich für eine medizinische Behandlung hierher kommen und anschließend in ihre Heimat zurückkehren. Doch wer hier auf Dauer lebt, der sollte sich daran gewöhnen, dass die Menschen – ob Männer oder Frauen – sich in der Regel auf Augenhöhe begegnen und sich gegenseitig in das Gesicht schauen können.

Das zu vermitteln, ist eine wichtige Integrationsleistung und, ja, sicher eine große Herausforderung. Mit Verboten erreicht man da – wie in den meisten Fällen – eher nichts. Höchstens, dass viele dieser Frauen von der gesellschaftlichen Teilhabe erst recht ausgeschlossen würden. (Lisa Inhoffen)

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