GA-Interview mit Bonns Stadtdirektor und Personalamtschef: Warum ist der Personalbestand der Stadt Bonn gewachsen?

GA-Interview mit Bonns Stadtdirektor und Personalamtschef : Warum ist der Personalbestand der Stadt Bonn gewachsen?

Vor Jahren wollte die Stadt Bonn ihren Personalbestand um zehn Prozent abbauen. Stattdessen sind die Ausgaben seit 2015 von 270 Millionen auf 334 Millionen Euro gestiegen. Die Gründe erklären Stadtdirektor Wolfgang Fuchs und Personalamtschef Andreas Leinhaas im GA-Interview.

Vor fünf Jahren hat Stadtdirektor Wolfgang Fuchs einen Abbau der Stellen in der Bonner Stadtverwaltung um insgesamt zehn Prozent noch für möglich gehalten. Seither ist der Personalbestand kräftig weiter gewachsen. Der Personaletat liegt heute bei 334 Millionen Euro im Jahr. Tendenz: weiter steigend. Mit dem Beigeordneten Wolfgang Fuchs sowie dem Leiter des Personal- und Organisationsamts, Andreas Leinhaas, sprachen Andreas Baumann und Lisa Inhoffen.

Wie viele Stellen hatte die Stadt bei Ihrem Dienstantritt 2010 und wie viele sind es heute - Bonnorange und alle ausgelagerten Stellen wie das Theater Bonn eingeschlossen?

Wolfgang Fuchs: Ich hatte bei meinem Amtsantritt gezielt den Auftrag, das städtische Personal zu reduzieren. Von diesem Auftrag habe ich mich aber in der Zwischenzeit verabschiedet. Mit Umstellung auf die neue Stellenplansystematik Anfang 2017 hatten wir 6689 Mitarbeiter auf 5193 Stellen, mittlerweile sind wir bei 7144 Köpfen auf rund 5300 Stellen.

Was sind die Gründe für diese Steigerung?

Fuchs: Dafür gibt es viele Gründe. Etwa die immer weiter steigenden Aufgaben, die uns Bund und Land zuweisen. Davon sind übrigens alle Kommunen betroffen. Denken Sie an den Kita- und Schulbereich, wo die Aufgaben immer weiter zunehmen und wir auch in Zukunft zusätzliches Personal benötigen. Zudem ist Bonn eine wachsende Stadt. Wir werden in den nächsten Jahren rund 20 000 Einwohner zusätzlich haben und die müssen mit der entsprechenden Infrastruktur und den Dienstleistungen einer Verwaltung versorgt werden.

Aber die Digitalisierung soll dazu dienen, Personal einzusparen...

Fuchs: Richtig, das wird aber erst langfristig möglich sein, zunächst müssen wir investieren. Dann werden in den Bereichen, wo Dienstleistung digitalisiert werden kann, sicher auch Stellen gespart.

Andreas Leinhaas: In anderen Bereichen werden wir dagegen deutlich aufstocken müssen. Ich gehe soweit zu sagen, dass die Masse unserer Leistungen nicht digitalisiert werden kann. Denken Sie an die Feuerwehr, Kitas oder Grünpflege. Die Bevölkerung Bonns wächst im Jahr um 0,8 Prozent, unser Stellenwachstum beträgt im Schnitt ein Prozent - etwa um 50 Stellen. In diesem Jahr waren es allerdings allein 106 Stellen, davon 30 für Langzeitarbeitslose, die vom Bund gefördert werden.

Welche Bereiche sind das?

Leinhaas: Die wandern einerseits in den IT-Bereich, weitere Schwerpunktbereiche sind Verkehr und Mobilität, also Ingenieurstellen. Dazu kommt die Verstärkung unseres Verkehrsaußendienstes. Wenn wir wollen, dass Radwege frei bleiben, muss das kontrolliert werden. Ein weiterer großer Bereich ist die Jugendhilfe - ohne die Erzieherkräfte, die auch noch im Zuge des Kita-Ausbaus dazu kommen müssen. Wir haben zum Beispiel fünf neue Stellen in der Jugendgerichtshilfe einrichten müssen, weil ein neues Gesetz vorschreibt, straffällig gewordene Jugendliche vor Beginn der staatsanwaltlichen Ermittlungen durch einen Sozialarbeiter betreuen zu lassen. Ich habe mir angesichts des wachsenden Personalbestands erlaubt, mein Amt um zwei Mitarbeiter im Personalservice aufzustocken.

Wie viele Stellen kommen künftig noch dazu?

Leinhaas: Insbesondere in den Bereichen Umwelt, Mobilität und für Digitalisierung werden im Zuge der Klimadiskussion weitere Stelleneinrichtungen folgen. Aber natürlich auch im Zusammenhang mit dem stetigen Wachstum der Bevölkerung im Kinder-, Jugend- und Schulbereich.

Im Dienstleistungszentrum arbeiten heute mehr Leute als vor der Systemumstellung: Das war doch nicht Ihr Ziel? Zumal gerade dort Dienstleistung mehr und mehr digitalisiert angeboten werden kann.

Fuchs: Das ist definitiv richtig. Wir sind aber bei der Umstellung davon ausgegangen, dass der Prozess deutlich schneller geht. Also, die Mittel, die wir einsetzen, das digitale Terminmanagement-System, das funktioniert, obgleich es noch besser sein könnte. Was wir aber nicht hinreichend berücksichtigt haben, ist der Faktor Mensch. Das bedeutet: Wir müssen die Mitarbeiter besser mitnehmen, sie müssen sich ja auch umstellen. Da gibt es Ängste. Außerdem darf man nicht außer Acht lassen, dass es seit der Systemumstellung eine Vielzahl von gesetzlichen Änderungen und teilweise massive Fallzahlsteigerungen gab, die ebenfalls zu einem erhöhten Personalbedarf führen.

Aber das Ganze läuft schon seit längerer Zeit. Warum brauchen Sie dort immer noch so viel Personal?

Fuchs: Wir könnten die Terminsequenzen weiter verkürzen, dies würde aber zu einer Verdichtung der Arbeit führen. Ich bin sicher, wir werden im Dienstleistungszentrum mit der fortschreitenden Digitalisierung zu Personaleinsparungen kommen. Ich kann Ihnen jetzt nicht sagen, wie viele Stellen es sein werden. Da werde ich mich nicht mehr wie damals festnageln lassen. Wir können uns in einem Jahr darüber unterhalten.

Werden dann die Dienstleistungsangebote in den Bezirksrathäusern immer noch angeboten?

Fuchs: Im Moment ist dies weiterhin erklärter politischer Wille.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung, mit Wartezeiten und Service?

Fuchs: Im Moment gibt es nur wenige Klagen. Wir bekommen eher positive Rückmeldungen. Wer einen Termin hat, wird in der Regel schnell bedient. In den meisten Fällen muss niemand mehr viele Wochen auf einen Termin warten. Insgesamt bin ich erst zufrieden, wenn es keine Klagen mehr gibt.

Weiterer Kritikpunkt am Dienstleistungszentrum ist der enge Wartebereich. Er wird erweitert. Wie ist der Stand?

Fuchs: Wir sind leider ein wenig im Rückstand, gehen aber davon aus, dass die Arbeiten noch in diesem Jahr abgeschlossen werden können und hoffen, dass sich die Situation im Dienstleistungszen-trum für die Besucher und für die Mitarbeiter entspannt.

2015 waren im Stellenplan 55 Stellen gestrichen oder mit KW ("künftig wegfallend")-Vermerk versehen. Wie viele wurden davon tatsächlich eingespart, wie viele sind seitdem dazu gekommen?

Leinhaas: Im Moment fällt keine Stelle weg, wir verlagern sie vielmehr. Das ist mittlerweile ein Schwerpunkt unserer Organisationsarbeit geworden, die Menschen und Stellen dahin zu verteilen, wo sie benötigt werden, wohin sich die Arbeit verlagert. Wir haben keine Stellen eingespart, sondern haben insgesamt einen Stellenzuwachs.

Wie viele zusätzliche Stellen musste die Stadt Bonn durch die Flüchtlingskrise schaffen? Wie viele braucht man heute noch?

Leinhaas: Das waren damals 126 zusätzliche Stellen in der Verwaltung. Die brauchen wir für diese Aufgabe heute nicht mehr in dem Maße. Viele von den Menschen, die damals auf diesen Stellen saßen, erledigen heute andere Aufgaben, etwa in der Jugendhilfe oder im Sozialamt. 74 Stellen wurden dauerhaft anerkannt, da Aufgaben zum Teil in den Regelbetrieb überführt wurden.

Benutzen Sie den KW-Vermerk überhaupt noch?

Leinhaas: Ja, wir prüfen, ob die betreffende Stelle noch benötigt wird oder ob sie nur befristet notwendig ist. Aber die Kraft, die auf dem Posten sitzt, muss sich keine Gedanken machen, dass sie arbeitslos wird. Wir haben in der Verwaltung genügend andere angemessene Aufgaben, für die wir Mitarbeiter benötigen. Es ist sehr schwer, geeignete Fachkräfte auf dem Markt zu finden. Vor allem im Ingenieursbereich. Da können wir im Gegensatz zur freien Wirtschaft keine attraktiven Gehälter bieten, aber dafür einen sicheren, familienfreundlichen Arbeitsplatz.

Um wie viel sind die Personalkosten insgesamt seit 2015 gestiegen?

Leinhaas: Von 270 Millionen auf 334 Millionen Euro. Das sind im Schnitt 4,9 Prozent. Bis 2024 gehen wir von einer durchschnittlichen Steigerung von 2,95 Prozent aus. Darin enthalten ist die lineare Gehaltsentwicklung, mit Rückstellungen, aber ohne Pensionszahlungen.

Herr Fuchs, Sie haben einst gesagt, 'die Personalkosten brechen uns irgendwann den Hals'. Die Kommunalaufsicht mahnt seit Jahren, Bonn müsse seine Personalkosten reduzieren. Wie lange spielt Köln noch mit?

Fuchs: Wir wissen, das ist ein gefährliches Spiel, wenn wir unseren Personalkörper mehr und weiter ausbauen. Wir sind nach dem Haushaltssicherungskonzept dazu verpflichtet, 2021 eine schwarze Null zu schreiben. Anderenfalls verlieren wir als Kommune unsere Gestaltungsfreiheit. Wenn wir den Klima-Notstand ausrufen, wie es Bonn getan hat, heißt das, wir müssen viele Dinge in Zukunft anders machen. Wir müssen andererseits schauen, dass uns das nicht zu viel Geld kostet. Im Zweifel müssen wir der Politik den Spiegel vorhalten und darüber sprechen, welche Aufgaben wir in Frage stellen beziehungsweise auf welche freiwilligen Ausgaben wir verzichten können und müssen.

Bis 2021 sind es nur zwei Jahre...

Fuchs: Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, wie wir das noch hinbekommen wollen. Ich weiß nur, wir müssen es hinbekommen. 2020 werden wir im September den Doppelhaushalt für 2021 und 2022 vorlegen. Da werden wir der Politik einige Vorschläge machen müssen. Die werden womöglich brisant sein, besonders mit Blick auf die Kommunalwahl im selben Jahr. Wir haben uns vorgenommen, nicht an der Steuerschraube zu drehen. Die Frage ist, ob wir das halten können. Bei der Entwicklung, wie wir sie im Moment erleben, habe ich meine Zweifel, ob wir das schaffen.

Und nun?

Fuchs: Wir sind mit der Bezirksregierung im permanenten Austausch. Die Finanzproblematik ist auch kein Bonner Spezifikum, sondern betrifft alle Kommunen. Trotzdem pocht die Bezirksregierung auf die schwarze Null.

Leinhaas: Das Hauptproblem ist ein strukturelles. Die Kommunen sind finanziell unterversorgt. Es ist überfällig, dass Bund und Länder dagegen steuern und die Kommunen besser ausstatten. Das bedeutet anderseits nicht, dass wir uns als Stadt einen schlanken Fuß machen, sondern wir müssen auch unseren Beitrag leisten, die Finanzen zu ordnen.

Das heißt konkret?

Fuchs: Ich hoffe auf die Ämter, die Vorschläge machen müssen, was sie benötigen und auf den Mut der Politik, Einschnitte bei den freiwilligen Aufgaben vorzunehmen.

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